• vom 10.06.2015, 17:29 Uhr

Bühne


Livestreaming

Teufelszeug oder Theaterzukunft?




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Von Petra Paterno

  • Das Livestreaming von Bühnenaufführungen wird kontrovers diskutiert. Es bietet neue Chancen, birgt aber auch Probleme.

Klassik ist federführend: Die Wiener Staatsoper - die Grafik zeigt Opernaufführungen auf diversen Endgeräten - beweist Pioniergeist im Livestreaming. - © Wiener Staatsoper live at home

Klassik ist federführend: Die Wiener Staatsoper - die Grafik zeigt Opernaufführungen auf diversen Endgeräten - beweist Pioniergeist im Livestreaming. © Wiener Staatsoper live at home

Anno 1920, kurz vor Weihnachten, wurde im deutschen Rundfunk zum ersten Mal ein Konzert übertragen. Die Zuspielung, Postbeamte spielten Weihnachtslieder, dauerte nur wenige Minuten und war eine Sensation. Seit diesem Zeitpunkt ist die Geschichte des Radios untrennbar mit der Ausstrahlung von Konzerten verknüpft. Seinerzeit löste das "Teufelszeug" aber auch heftige Diskussionen aus. Kritiker befürchteten, Radioübertragungen würden das Aus für die Konzerthäuser bedeuten. Kulturpessimisten fragten sich: Wer wird noch ein Konzerthaus aufsuchen, wenn die besten Orchester der Welt via Äther im Wohnzimmer aufspielen?

Eine ähnlich verlaufende Debatte entspinnt sich seit geraumer Zeit um die digitale Übertragung von Bühnenereignissen. Längst lassen sich, in bester Bild- und Tonqualität, Theater- und Opernaufführungen via Livestreaming und diverser Download-Dienste abspielen - die Bandbreite der Endgeräte reicht vom Smartphone über Ultra High Definition Television bis zum 3D-Heimkino mit Dolby Surround. Auch wenn man sich einig darüber ist, dass technische Reproduktionen das authentische Bühnenerlebnis nicht zu ersetzen vermögen, werden die digitalen Möglichkeiten wiederum vielerorts verdächtigt, den traditionellen Medium Theater und Oper allmählich den Rang abzulaufen.


Wo liegen die Chancen und Risiken einer Direktübertragung von darstellender Kunst im Internet? Vor welchen neuen Herausforderungen stehen die Bühnen? Über diese Fragen ist eine kontrovers geführte Debatte entbrannt.

"Wir können auf diese Weise Menschen erreichen, die sonst nicht in die Oper gehen würden", begründet Christopher Widauer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" die bereits vor einigen Jahren getroffene Entscheidung der Wiener Staatsoper, in den Streaming-Bereich zu investieren. "Livestreaming ist eine Ergänzung. So bieten wir auch einem Publikum ein Programm, das vielleicht nicht mehr mobil ist oder aus Schwellenangst nicht in die Oper gehen würde." Widauer leitet das Projekt "Wiener Staatsoper live at home". Er erkennt in den Modernisierungsbemühungen einen Beitrag zum Bildungsauftrag der Kultureinrichtung.

"Enormes Potenzial"
Zu moderaten Preisen (zwischen sieben und 14 Euro) lassen sich nun Staatsopern-Vorstellungen live online oder zeitlich versetzt erleben. Für die Online-Aufzeichnungen wurde eigens ein Mini-Studio eingerichtet. Neun Kameras sind im Haus fix installiert - vier im Orchestergraben, vier auf der Bühne, eine für die Bühnentotale. Weder Künstler noch Publikum, versichert Widauer, würden von den ferngesteuerten Kameras gestört. Ein Kamera- und ein Partitur-Assistent sowie ein Regisseur ermöglichen den reibungslosen Ablauf der bis zu fünf Live-Übertragungen pro Monat.

Das System, seit 2013 on air, erwies sich bislang als nicht allzu störanfällig. Wenn es zu Übertragungsschwierigkeiten gekommen sei, so Widauer, seien diese meist aufseiten der Internetanbieter der einzelnen User gelegen. Oper online bedient derzeit noch ein Randpublikum: Etwa 200 Jahres-Abos wurden bisher abgesetzt, zahlreiche Einzelaufführungen erworben. Die Dienste ließen sich auf globaler Ebene noch ausbauen, ist Widauer überzeugt. Derzeit stammt rund ein Drittel der Online-Zuschauer der Staatsoper aus Amerika. Bedenken, dass mit dem Internetangebot - pro Spielzeit werden 45 Produktionen gestreamt - die Zuschauerzahlen einbrechen könnten, teilt der Online-Spezialist nicht: "Im Livestreaming liegt enormes Potenzial."

Bei den Erkundungen der digitalen Möglichkeiten ist die Klassikbranche jedenfalls federführend. Ab einer bestimmten Größe kann es sich heute wohl keine Bühne mehr leisten, auf das Internet-Angebot zu verzichten. In Wien bietet nicht nur die Staatsoper, sondern auch das Theater an der Wien und die Kammeroper Online-Aufführungen an - mit ein bis zwei Produktionen im Jahr freilich in weitaus bescheidenerem Rahmen. Weltweit stellen die großen Opernhäuser ihre Vorstellungen längst routinemäßig ins Netz und die Berliner Philharmonie betreibt sogar eine "Digital Concert Hall". Hochkultur eroberte bereits das Massenmedium Kino: Die New Yorker Metropolitan Opera und das Moskauer Bolschoi-Theater füllen mit ausgewählten Inszenierungen Kinosäle auf der ganzen Welt.

Anders verhält es sich bei den Sprechbühnen. Hierzulande hat noch keine namhafte Bühne komplette Aufführungen über das Internet zugänglich gemacht. Manche Häuser - so das Theater in der Josefstadt - veröffentlichen zwar werbeclipähnliche Szenenausschnitte auf YouTube; einige freie Theater- und Tanzgruppen stellen Inszenierungen über den Streaming-Dienst Vimeo zur Verfügung. Generell agieren die Sprechbühnen im Internet jedoch auffällig zurückhaltend.

Die wienweite Recherche der "Wiener Zeitung" ergibt zwar ein grundsätzliches Interesse an der Online-Modernisierung - aber zugleich große Bedenken hinsichtlich der Finanzierung. Für die chronisch unterdotierten Großbühnen scheinen die Anschaffung des technischen Equipments und die Ausfinanzierung eines laufenden WWW-Betriebs derzeit illusorisch. Dazu wird die Urheberrechtsvergütung für Autorinnen und Autoren als Einwand vorgebracht.

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Schlagwörter

Livestreaming, Theater, Bühne, Oper

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Dokument erstellt am 2015-06-10 17:32:12



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