• vom 16.05.2016, 16:55 Uhr

Bühne

Update: 16.05.2016, 17:07 Uhr

Theaterkritik

Hundstage




  • Artikel
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Petra Paterno

  • Eintauchen in animalische Parallelwelten: Das Künstlerkollektiv Signa gastiert mit der Performance-Installation "Wir Hunde/Us Dogs".

Zeit der "Hundsche".

Zeit der "Hundsche".© Goldmann Zeit der "Hundsche".© Goldmann

Jeder Zuschauer wird hier einzeln begrüßt: "Schön, dass Sie hier sind. Wir sind alle so aufgeregt." Es ist Tag der offenen Tür, man feiert das 40-Jahr-Jubiläum der Gemeinschaft "Canis Humanus" ("Hundemensch"). Die Wohnungen der sieben Familien, die den Verein tragen, sind temporär untergebracht in den Kostümwerkstätten und Proberäumen des Wiener Volkstheaters, Faßziehergasse 5a, Bezirk Neubau.

In einem Versammlungsraum nehmen rund 70 Zuschauer Platz. "Canis Humanus", so ist in einem Impulsreferat zu erfahren, sei von Graf Sigbert Trenck von Moor gegründet worden, der einzige Daseinszweck der Gemeinschaft sei es, sich um die sogenannten "Hundsche" zu kümmern, um Hunde in Menschengestalt. Und da kommen sie auch schon: Junge Akteure als Hunde, gewandet in Pyjamas mit Hundehalsbändern; sie liegen unter Tischen, kriechen auf allen vieren, schmiegen sich an die Beine der Zuschauer, jaulen und bellen. Nach einer Erfrischung - picksüßer Fruchtsaft und trockene Brötchen - sind die Theaterbesucher eingeladen, das eigenwillige Kollektiv auf eigene Faust zu erkunden, mit den 45 Mitgliedern ins Gespräch zu kommen. Erklärtes Ziel der Veranstaltung ist es, Unterstützer für den sektenähnlichen Verein zu finden und das Phänomen "Hundsche" in der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Information

Theater
Wir Hunde/Us Dogs
Faßziehergasse 5a, bis 18. Juni

Für die Dauer von fünf Stunden eröffnet sich nun ein Erfahrungsraum zwischen Fiktion und Realität. Die Festwochen-Produktion "Wir Hunde/Us Dogs" des dänisch-österreichischen Künstlerkollektivs Signa erzeugt so etwas wie Hyperrealität. Man taucht in die perfekte Illusion, jeder Winkel in dem mehrstöckigen Gebäude ist mit, tja, hündischer Liebe zum Detail ausgestattet: Räume mit Retro-Charme, Blümchentapeten, abgewetzte Teppiche, Sofas mit Cordsamt-Bezug, Schlagermusik.

Die Zuschauer werden zu Mitspielern - reden und rauchen, trinken und essen mit den Akteuren. Es ist ein Mitmachspiel, auf das man sich einlassen muss. Befremdlich gestalten sich die Begegnungen mit den "Hundschen". Die meisten der 24 "Hundsche" können nämlich sprechen, sie drücken sich mit einfachen Worten und schlichter Grammatik aus, sodass man sie, wie Kleinkinder, nur mit einiger Mühe versteht. Sie erzählen von ihrer bedingungslosen Liebe zum "Herrchen", von demütigenden Begegnungen mit Menschen, sie brabbeln Nonsens.

Sitz. Platz. Fass

Innerhalb der Gemeinschaft gibt es verschiedene Theorien über die Entstehung der "Hundsche": Lag es an einem Geschlechtsakt zwischen Mensch und Hund? Ist es genetisch vererbt? Fluch oder Plan Gottes? Unverrückbar scheint jedenfalls zu sein, dass "Hundsche" ohne Menschen nicht überlebensfähig sind und von starker Führung abhängig sind: Sitz. Platz. Fass. Zwischen "Hundschen" und "Herrchen"/"Frauchen" erlebt man an dem Abend mitunter irritierende Herr-Knecht-Episoden, von sexuellem Missbrauch und Gewaltexzessen wird getuschelt. Grenzwertig sind die Psychospiele während der Dressurakte im Zwinger.

Seit 2004 arbeiten die Performerin Signa und der österreichische Künstler Arthur Köstler unter dem Label Signa zusammen. Sie sind Vorreiter des immersiven Theaters, das dramatische Räume und Inhalte radikal zu öffnen sucht. Mit "Wir Hunde/Us Dogs" gastieren sie erstmals in Wien.

Dass sich Tiere in Menschen verwandeln, Menschen Tiergestalt annehmen, ist Topos vieler Märchen, Mythen und Religionen. Signa hievt das Sujet in die Gegenwart, eröffnet dabei eine Reihe von Assoziationen - vom Umgang mit Fremden, Außenseitern und Anders-Seienden bis zur apokalyptischen Warnung, dass sich dereinst Tiere an den Menschen rächen könnten. Enigmatisch raunt es durch die Gänge: "Die Zeit der Hundsche wird kommen." Mit Signa kann man sich schon jetzt auf das Schlimmste gefasst machen.





Schlagwörter

Theaterkritik, Signa

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-05-16 16:59:04
Letzte nderung am 2016-05-16 17:07:47



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Der Islam hat einen Geburtsfehler"
  2. Hommage an einen großen Realisten
  3. Verheißungen des Glücks
  4. Bedeutungsflucht auf leerer Bühne
  5. Milborn erhält Robert-Hochner-Preis
Meistkommentiert
  1. "Der Islam hat einen Geburtsfehler"
  2. Machtkampf um den ORF
  3. In memoriam Susanna Schuhmacher
  4. Bezahlmodelle unter Druck
  5. Fakten statt Fiktionen

Werbung



Die Erwartungen waren hoch: von Sex-Metal bis Goth-Lolita und Noise-Geisha hörte man das Publikum verheißungsvoll wispern. Und dann: Weder die erhofften durchsichtige Kleidchen noch DIY-Reishüte am Kopf waren zu sehen, sondern pechschwarz und kabukihaft kam das japanische Duo Group A auf die Bühne. Im Bild: Sayaka Botanic tönt effektvoll auf ihrer Violine.

Regisseur Wolfgang Murnberger (l.) mit Josef Hader ("Wilde Maus") und Schauspieler-Kollegin Pia Hierzegger. Mary Wollstonecraft (1759 - 1797) gilt als die erste Feministin Englands. Das bekannteste Werk der Schriftstellerin, Übersetzerin und Philosophin, "A vindication of the rights of woman" ("Verteidigung der Rechte der Frau") tritt für eine Gleichberechtigung von Mann und Frau ein.

Barry Jenkins Film "Moonlight" gewann den Oscar für den besten Film. Zuvor wurde irrtümlich "La La Land" gekürt. Hugh Jackman winkt am Roten Teppich.

Werbung



Werbung