• vom 21.09.2016, 16:20 Uhr

Bühne

Update: 21.09.2016, 16:43 Uhr

Opernkritik

Ein Psychothriller von nebenan




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Von Joachim Lange

  • Simon Stone überzeugt als Opernregisseur mit Erich Wolfgang Korngolds "Die tote Stadt" in Basel.

Traum oder Realität? Paul (Rolf Romei) leidet an seiner Liebe zur vitalen Tänzerin Marietta (Helena Juntunen).

Traum oder Realität? Paul (Rolf Romei) leidet an seiner Liebe zur vitalen Tänzerin Marietta (Helena Juntunen).© Sandra Then Traum oder Realität? Paul (Rolf Romei) leidet an seiner Liebe zur vitalen Tänzerin Marietta (Helena Juntunen).© Sandra Then

Die Frage, ob Simon Stone (32) auch Oper kann, lässt sich nach seinem Debüt am Theater Basel mit Erich Wolfgang Korngolds "Toter Stadt" eindeutig mit einem Ja beantworten. So sah es jedenfalls das Premierenpublikum, und das lässt sich begründen. Im Schauspiel hat der bei Theatertreffen, Festivals und Rankings hoch im Kurs stehende, in Basel geborene und in Australien aufgewachsene Stone längst einen Ruf zu verteidigen. Vor allem für seinen gekonnt leichthändigen Zugriff auf Vergangenes von heute aus, wie bei seinem Wiener-Festwochen-Ibsen "John Gabriel Borkmann", der auch schon im Theater Basel zu sehen war. Dort ist Stone seit dem Vorjahr Hausregisseur.

Dass der vielseitig Begabte auch eine Film-Vorliebe hat, gibt er augenzwinkernd mit den Filmplakaten zu Protokoll, die Ralph Myers an den Wänden der betont spießigen Zimmer verteilt hat, in denen Paul in der Todesstadt Brügge seiner verstorbenen großen Liebe nachtrauert. Sie werben für Jean-Luc Godards "Pierrot le fou" (1965), Michelangelo Antonionis "Blow Up" (1966) und Emile Ardolinos "Dirty Dancing" (1987). Zeugnisse aus der Zeit gemeinsamen Glücks? Mit unzähligen Fotos tapeziert, wirkt ein winziger Raum wie eine Schatzkammer der Erinnerung. Dort verbirgt Paul alles, was an Marie erinnert, in großen Kartons. Simon Stone übersetzt das traumdeutelnde Werk, in dem die Liebestrauer zelebriert wird und der Vereinsamte selbst der Welt abhandenzukommen droht, in eine nachvollziehbar heutige Geschichte - ohne den surrealen Teil zu unterschlagen oder ihn szenisch überzustrapazieren. In der kleinen Erdgeschoßwohnung entfaltet sich das Psychogramm eines vereinsamten Mannes in einer Lebenssackgasse, in der er die letzten Stunden mit seiner von einer Chemotherapie gezeichneten Marie immer wieder neu durchlebt. Erst die Begegnung mit der quicklebendig zupackenden Marietta macht einen Ausbruch möglich. Was daran Traum ist oder wirklich passiert, bleibt offen. Dass Paul sich in einem Mord-Exzess gegen die Rückkehr ins Leben wehrt, erweist sich am Ende jedenfalls als heilsam schockierender (Alb-)Traum.

Information

Oper
Die tote Stadt
Von Erich Wolfgang Korngold
Mit Rolf Romei, Helena Juntunen

Theater Basel

Nächste Termine: 23. September, 4., 7., 15., 23. und 29. Oktober

Suggestiver Sog im Orchester

Dem Überborden der Musik merkt man die Jugend ihres Schöpfers an. Korngold landete seinen Lebenserfolg 1920 mit 23 Jahren. Und zwar gleich so, als wollte er es mit einem Richard Strauss oder Giacomo Puccini aufnehmen. Freilich hört man dieser dauerschwelgerischen Musik schon ein wenig an, dass Korngold, später vor den Nazis in die USA geflohen, dort zum Oscar-gekrönten Impulsgeber des Hollywood-Sounds werden sollte.

In Basel findet Erik Nielsen mit dem Sinfonieorchester schnell zu dem unbekümmert suggestiven Sog, dem man sich kaum entziehen kann und bei dem sich jeder Vorbehalt in Luft auflöst, wenn es ans "Glück, das mir verblieb" oder die Bariton-Arie "Mein Sehnen, mein Wähnen" geht - zwei Hits, die die Erinnerung an dieses Werk auch in jenen Zeiten wachhielten, als es sich noch nicht so eindrucksvoll wie in den Vorjahren auf den Bühnen zurückmeldete.

Rolf Romei ist ein noch nicht gealterter, aber überzeugend am Lieben leidender Paul, der ohne Kraftmeierei vokal bis an seine Grenzen geht. Dass ihm einige Spitzentöne wegbrechen, nimmt man hin. Helena Juntunen ist eine hinreißend irdische Marietta, Eve-Maud Hubeaux eine höchst überzeugende Brigitta. Ungeteilter Jubel für alle.





Schlagwörter

Opernkritik, Basel

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-09-21 16:26:05
Letzte nderung am 2016-09-21 16:43:28



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