• vom 22.09.2016, 15:39 Uhr

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Update: 22.09.2016, 18:46 Uhr

Steirischer Herbst

Besserer Realismus




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Von Petra Paterno

  • Am Freitag eröffnet das Kunstfestival steirischer herbst: ein global-regionales Programm zwischen Politik und Ästhetik.



"Die Aufgabe des Künstlers ist es, Zeuge seiner Zeit in der Geschichte zu sein" , meinte einst der Maler Robert Rauschenberg. Das Kulturfestival steirischer herbst legt in einem vielfältigen Programm Zeugenschaft über die Zumutungen der Gegenwart ab: Von 23. September bis 16. Oktober finden Gastspiele aus aller Welt statt, in den Bereichen Theater, Performance, Tanz und Musik. Die Fotos zeigen Szenen fotos aus "Empire" von Milo Rau (oben), Needcompany: "Forever" (Mitte) und "Schuldfabrik" von Julian Hetzel (unten).

"Die Aufgabe des Künstlers ist es, Zeuge seiner Zeit in der Geschichte zu sein" , meinte einst der Maler Robert Rauschenberg. Das Kulturfestival steirischer herbst legt in einem vielfältigen Programm Zeugenschaft über die Zumutungen der Gegenwart ab: Von 23. September bis 16. Oktober finden Gastspiele aus aller Welt statt, in den Bereichen Theater, Performance, Tanz und Musik. Die Fotos zeigen Szenen fotos aus "Empire" von Milo Rau (oben), Needcompany: "Forever" (Mitte) und "Schuldfabrik" von Julian Hetzel (unten). "Die Aufgabe des Künstlers ist es, Zeuge seiner Zeit in der Geschichte zu sein" , meinte einst der Maler Robert Rauschenberg. Das Kulturfestival steirischer herbst legt in einem vielfältigen Programm Zeugenschaft über die Zumutungen der Gegenwart ab: Von 23. September bis 16. Oktober finden Gastspiele aus aller Welt statt, in den Bereichen Theater, Performance, Tanz und Musik. Die Fotos zeigen Szenen fotos aus "Empire" von Milo Rau (oben), Needcompany: "Forever" (Mitte) und "Schuldfabrik" von Julian Hetzel (unten).

"Das moderne Theater muss nicht danach beurteilt werden, wieweit es die Gewohnheiten des Publikums befriedigt, sondern danach, wieweit es sie verändert", schrieb einst Bertolt Brecht. Seine Parole erlebt gerade eine ungeahnte Konjunktur. Die Kunstwelt des 21. Jahrhunderts fragt wieder nach der Rolle des Künstlers in der Gesellschaft, sucht in einer Zeit, die aus den Fugen zu geraten scheint, nach politischen Antworten in der Kunst. Viele Künstler treibt die Frage um, was uns noch zusammenhält, in einer Zeit, da Radikalismen überhandnehmen - von Islamismus bis Nationalismus?

Zwischen den Kulturen

"Wir schaffen das", der wohl meistzitierte Satz der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, dient auch als Motto des diesjährigen Kunstfestivals "steirischer herbst", das heute Freitag, 23. September, beginnt und bis 16. Oktober läuft.

"Die realen poltischen Verhältnisse, die Flüchtlingsbewegungen und die damit einhergehenden Diskussionen belegen, wie sehr Europa zur Disposition steht - politisch, wirtschaftlich, kulturell, ethisch - und unter massiven Druck geraten ist", hält herbst-Intendantin Veronica Kaup-Hasler im Vorwort des Programmbuchs fest. Europa und sein Verhältnis zur Welt soll demnach in den kommenden Wochen in diversen Programmpunkten verhandelt werden. Kunst, angesiedelt an der Schnittstelle zwischen Politik und Ästhetik.



Eine Besonderheit in diesem herbst-Programm: Viele Künstler kommen aus anderen Kulturen, bringen globale Perspektiven in das regionale Festival ein.

Willkommenskultur à la Kunstfestival. Da ist etwa ein Mahnmal für Menschen, die auf der Flucht ihr Leben gelassen haben. Das Auftragswerk des steirischen herbst setzte der angolanische Künstler Kiluanji Kia Henda in der Südsteiermark, in Seggauberg, um. Die diesjährige herbst-Ausstellung mit dem Titel "Body Luggage. Migration von Gesten" im Grazer Kunsthaus wurde von der indischen Kuratorin Zasha Colah gestaltet. Es geht dabei um Wissenstransfer zwischen den Kulturen und Zeiten.



Die katalanische Künstlergruppe El Conde de Torrefiel entwirft "Tableaux Vivants" der Gesellschaft und das Dokumentartheater-Duo Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura erkundet in performativen Wanderungen Grenzziehungen in der Region. Mit den Trümmern Europas setzt sich wiederum die griechische Blitz Theatre Group auseinander. Mit Kolonialismus, Globalismus und der Stärkung regionaler Gemeinschaften beschäftigt sich die herbst-Akademie am 6. und 7. Oktober mit Gästen wie Rolando Vazquez und Marjetica Potrč.

Eines der szenischen Höhepunkte des diesjährigen herbst-Spielplans dürfte das Gastspiel von Milo Rau werden: Mit "Empire" zeigt der Schweizer Theater- und Filmemacher am 14. und 15. Oktober im Schauspielhaus Graz, den dritten und letzten Teil seiner gefeierten Europa-Trilogie.

In "Empire" geht es um Menschen, die als Flüchtlinge nach Europa kamen oder an den Rändern Europas leben. Vier Performer gehen der Frage nach, ob Europas Traditionen dadurch gefährdet sind oder ob Migration nicht einfach ein uraltes Phänomen ist, so alt wie die Menschheit. In Teil eins, "The Civil Wars", im Vorjahr bei den Wiener Festwochen zu sehen, ging es um den Dschihad und die Frage, warum junge Westeuropäer vom radikalen Islam so fasziniert sind, dass sie bereit sind, ihre Leben dafür herzugeben. "The Dark Ages", Teil zwei, brachte Vergangenheitsbewältigung auf die Bühne.

Milo Raus "Real-Theater"

Die Werke von Milo Rau, 39, und seiner 2007 gegründete Produktionsgesellschaft IIPM - International Institute of Political Murder - nehmen im Gegenwartstheater einen besonderen Stellenwert ein. Seine Werke vermessen thematisch und formal ein weites Land: Die Bandbreite reicht von hypernaturalistischen Reenactments ("Die letzten Tage der Ceauşescus") bis zu dokumentarischen Ansätzen. "Hate Radio" ist etwa eine sehr freie Rekonstruktion eines Radiosenders, der in den 1990er Jahren zwischen Nirvana-Songs und Werbeblöcken zum Genozid in Ruanda aufrief. In "Breiviks Erklärung" brachte er die Rede des Attentäters auf die Bühne und die "Moskauer Prozesse" haben das Verfahren gegen Pussy Riot zum Inhalt.

Milo Rau bezeichnet seine Arbeiten, die gekonnt zwischen Realität und Fiktion changieren, aber stets einen politischen Auftrag verfolgen, als "Real-Theater". Seine Theaterstücke, Filme und Performances, waren weltweit in mehr als 20 Ländern zu sehen und sorgten mitunter für heftige Debatten.

Rau mischt sich gern ein, verfasst Pamphlete ("Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft") und Aufsätze wie "Eine andere Währung des Glücks" in dem es etwa heißt: "Die Alternative zum Kapitalistischen Realismus kann also nicht kein Realismus oder noch mehr Kritik sein. Nein, sie muss ein besserer Realismus sein."

Höhepunkte beim steirischen herbst 2016 

(pat) Das Kunstfestival steirischer herbst eröffnet am Freitag mit Philippe Quesnes "Die Nacht der Maulwürfe (Welcome to Caveland) in der Grazer Helmut List Halle. Der französische Theatermacher dringt quasi unter die Erdoberfläche und gewährt Einblicke in die Welt eines Maulwurfshügels. Entschleunigung
garantiert.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-09-22 15:44:11
Letzte nderung am 2016-09-22 18:46:29



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