• vom 14.10.2016, 16:55 Uhr

Bühne

Update: 14.10.2016, 17:10 Uhr

Theater-Kritik

Keiner kommt hier lebend raus




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Von Petra Paterno

  • Sabine Mitterecker inszeniert Jelineks "Schatten (Eurydike sagt)" im F 23.



Die Geschichte von Orpheus und Eurydike handelt von Liebe, die über den Tod hinausreicht und von der unheimlichen Macht der Kunst. Die Nymphe wird von einer Schlange gebissen, landet im Hades. Dank seines himmlischen Gesangs vermag Orpheus die Hüter des Schattenreichs zu bewegen, ihm die Tote zurückzugeben. Allerdings gibt es eine Bedingung: Er darf sich nicht nach seiner Geliebten umdrehen, bis die Rückkehr aus der Unterwelt ganz vollzogen ist. Elfriede Jelinek nähert sich dem antiken Mythos in ihrem Stück "Schatten (Eurydike sagt)" mit einem erstaunlichen Perspektivenwechsel: Eurydike will gar nicht leben, sie bleibt lieber auf ewig im Hades als an der Schattenseite ihres Göttergatten.

Bei der Uraufführung, 2013 von Ex-Burgdirektor Matthias Hartmann im Akademietheater, wurde daraus ein Abgesang auf einen zum Sexsymbol stilisierten Künstler-Macho. Erst neulich brachte Katie Mitchell das Stück an der Berliner Schaubühne heraus - und verpasste ihm die Züge eines modernen Ehedramas.

Information

Theater
Schatten
(Eurydike sagt)
Von Elfriede Jelinek
Sabine Mitterecker (Regie)
Mit Sarah Sanders, Christina Scherrer, Alexandra Sommerfeld
F23, 23, Breitenfurter Straße 176 Wh. bis 5. November

Ganz anders geht nun Sabine Mitterecker die Sache an. Als spektakulären Spielort wählte die Regisseurin die ehemalige Sargfabrik F23 in Wien-Liesing. Eine weitläufige Betonhalle wird zum Spielort, das Publikum bewegt sich frei im Raum, der wohl den Hades darstellt, wird Teil des installativen Konzepts. Allerdings ist das Schattenreich bitterkalt und zugig, man kann sich Decken und Klapphocker ausleihen.

Glasklare Sprache

Dezent im Hintergrund hält sich Soundbastler Wolfgang Musil, im Vordergrund steht eindeutig Jelineks Sprache. Wie eine Partitur verteilt Regisseurin Mitterecker den Text auf drei Schauspielerinnen, die jeweils unterschiedliche Prinzipien verkörpern. Sarah Sanders vereint in sich Nymphe, Femme fatale und weibliche Opferrolle - "Angst und Hilflosigkeit, ich bin daran gewöhnt", sagt sie etwa und streift sich laufend Kleider, Mäntel und Röcke über. Den Aspekt der Schriftstellerin und autonomen Künstlerin könnte Alexandra Sommerfeld darstellen, sie irrlichtert durch die gewaltige Halle - "was für ein Glück, kein Ich mehr zu sein. Es Icht nicht mehr." Ihre elegante Erscheinung wird durch ein seltsames Requisit gebrochen: Ums Handgelenk hat sie einen Fisch gebunden, als wäre er eine Handtasche. Die Pose des Rock-Stars Orpheus nimmt Christina Scherrer ein - sie trägt Latex-Hosen, ein Glitzerjackett mit der Aufschrift "Don’t look back", lümmelt gern breitbeinig auf einem Fauteuil, mitunter zupft sie auch an einer kirschroten E-Gitarre und bringt eine Jelinek-Passage als Song dar.

Glasklar vermitteln die drei Textarbeiterinnen die Sprache, präzise und pointiert wird Text abgeliefert. Die Überforderung, die häufig mit Jelineks Dramen einhergeht - siehe: Einar Schleef, Christoph Schlingensief, Nicolas Stemann - wurde weggebügelt. Hier geht es um Vermittlung, nicht um Verstörung. Ist das ein Verdienst? Nun ja. Einerseits ist die Aufführung von seltener Ernsthaftigkeit, die formale Strenge bringt auch Stringenz. Andererseits ereignet sich bei dem ambitionierten Unternehmen szenisch recht wenig, im Lauf der 100-minütigen Aufführung wird das etwas langatmig. Jelineks Sprache auf der Bühne auszustellen, ohne sie zu bloßzustellen - ist und bleibt ein schwieriges Unternehmen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-10-14 16:59:07
Letzte nderung am 2016-10-14 17:10:06



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