• vom 22.11.2016, 09:00 Uhr

Bühne

Update: 22.11.2016, 13:23 Uhr

Interview

"Das Thema nervt - sagen Sie das mal einem Flüchtling ins Gesicht"




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Von Mathias Ziegler

  • Der bayrische Kabarettist Claus von Wagner über sein aktuelles Programm, Flüchtlinge und den satirischen Umgang mit Freihandelsabkommen.



"Ich tue mir als gebürtiger Münchner, der von Haus aus keinen Dialekt spricht, in Bayern schwerer als in Norddeutschland", meint Claus von Wagner.

"Ich tue mir als gebürtiger Münchner, der von Haus aus keinen Dialekt spricht, in Bayern schwerer als in Norddeutschland", meint Claus von Wagner.
© Marcus Gruber "Ich tue mir als gebürtiger Münchner, der von Haus aus keinen Dialekt spricht, in Bayern schwerer als in Norddeutschland", meint Claus von Wagner.
© Marcus Gruber

Am 16. Dezember gastiert der deutsche Kabarettist Claus von Wagner mit seinem aktuellen Programm "Theorie der feinen Menschen" im Wiener Stadtsaal. Die "Wiener Zeitung" hat mit ihm darüber gesprochen, ob es heute überhaupt noch feine Menschen gibt und wie er als Kabarettist mit der Flüchtlingskrise und den umstrittenen Abkommen Ceta, TTIP und Tisa umgeht.

"Wiener Zeitung":Sie haben bei Ihrem letzten Wien-Gastspiel im überschaubaren Kabarett Niedermair gespielt, jetzt treten Sie im viel größeren Stadtsaal auf. Spielen Sie - abgesehen von der Gage - lieber vor großem oder vor kleinem Publikum?

Information

Claus von Wagner:
Theorie der feinen Menschen

16. Dezember Stadtsaal Wien
Alle Termine

Claus von Wagner: Ich spiele gerne vor kleinem Publikum. Und ich spiele gerne vor großem Publikum. Ich nehme - im wahrsten Sinne des Wortes - alles, was kommt.

Wieviel müssen Sie bei Ihrem Bühnenprogramm umschreiben, wenn Sie es in Österreich spielen?

Es ist ein Programm über die weltweite Finanzwelt und die immer noch andauernde Finanzkrise. Und riskante Bankgeschäfte sind ja auch in Österreich bekannt. Angela Merkel, denke ich, ebenfalls. Ich werde also wohl nicht viel ändern müssen. Unsere beiden Länder arbeiten im Moment ja auch eng zusammen. Eurem Außenminister haben wir sogar schon politisches Asyl in unseren Talkshows gewährt.

Und wie ist das beim Humor? Wie nah sind Deutsche und Österreicher einander da? Tun Sie sich eigentlich als Bayer in Österreich leichter als in Norddeutschland?

Ich tue mir als gebürtiger Münchner, der von Haus aus keinen Dialekt spricht, in Bayern schwerer als in Norddeutschland, insofern . . . aber sprachlich müssten wir eine Verständigung irgendwie hinkriegen: Ich habe in den Neunziger Jahren einen Abschluss in österreichischem Dialekt an der Hoanzl-Akademie gemacht: Josef Hader und Alfred Dorfer im Hauptfach, Andreas Vitásek und Gunkl im Nebenfach.

Sie machen ja auch die TV-Sendung "Die Anstalt". Wo fühlen Sie sich generell wohler: vor der Kamera oder eher auf der Bühne?

Die "Anstalt" wird in einem Studio aufgezeichnet, das aussieht wie eine Bühne, insofern bin ich da fein raus.

Gibt es Themen und Gags, die Sie nur auf der Bühne und nicht im Fernsehen bringen können? Sind Live-Auftritte da weniger heikel?

Wenn Sie sich die "Anstalt" anschauen, sehen Sie, dass wir versuchen, über alles zu reden. Im Sinne harscher Reaktionen - wie etwa Anwaltsschreiben - ist TV aber tatsächlich als heikler einzustufen. Das macht es auch so spannend. Man erwischt Leute, die eben nicht schon unserer Meinung sind. Unsere Faustregel lautet: Wir bewegen uns innerhalb der Grenzen, die Jan Böhmermann in der deutschen Justiz für uns auslotet. Dafür haben wir ihn ja schließlich.

In der "Anstalt" haben Sie sich ja auch schon mit Ceta und TTIP beschäftigt. Abgesehen davon, dass diese Themen natürlich für Satiriker ein gefundenes Fressen sind: Ist TTIP aus Ihrer Sicht tatsächlich so schlimm oder gäbe es eine Version, der Sie zustimmen würden?

"Schlimm" ist jetzt nicht die Kategorie, in der ich denke. Es geht doch darum, die Zivilgesellschaft an solchen Abkommen zu beteiligen. Auf beiden Seiten des Atlantiks übrigens. Die Menschen protestieren ja auch deshalb, weil zum ersten Mal in Handelsverträgen über demokratisch erkämpfte Schutzstandards verhandelt wird. Das sage nicht nur ich, das sagt auch der ehemalige EU-Handelskommissar und ehemalige WTO-Vorsitzende Pascal Lamy. Es geht auch darum, kritische Dialoge zu führen. Brauchen wir eine Paralleljustiz, die nur Klagemöglichkeiten für Unternehmen bietet? Wozu? Gern wird gesagt: Private Gerichte bieten schnellere Verfahren. Bei uns streitet vor einem privaten Schiedsgericht der Bund mit Daimler und Telekom wegen der versandelten Lkw-Maut. Seit mehr als zehn Jahren! Mehr als 160 Millionen Euro hat das bisher gekostet. Als der vorsitzende Richter des privaten Gerichts erkrankte, wer musste da entscheiden, wie es weitergeht? Ein staatliches Gericht! Kannste dir nicht ausdenken!

Wie lange mussten Sie sich eigentlich in den TTIP-Stoff einlesen? Man muss ja auch als Kabarettist genau wissen, worüber man Satire macht. Wissen Sie jetzt mehr, als Ihnen lieb ist?

Einlesen beansprucht tatsächlich sehr viel Zeit, speziell bei TTIP und Ceta. Wir mussten ja erst alle Vertragstexte durchlesen . . . oh, konnten wir ja gar nicht! Na ja. Es heißt immer recht schnell: Satire vereinfacht. Aber Themen abzustecken und zu entscheiden, was man weglassen kann, ohne zu verfälschen, ist eigentlich das Anspruchsvollste an dem Prozess. Und das Angreifbarste. Wir legen aber unsere Quellen jedes Mal in einem umfangreichen Faktencheck offen. Wir sind also so transparent, wie es TTIP nie war . . .

Sie haben Kommunikationswissenschaft, Geschichte und Medienrecht studiert und Ihre Magisterarbeit über politisches Kabarett im deutschen Fernsehen geschrieben - jetzt machen Sie es selbst. Hat sich Ihr Blick auf das Thema in der Zwischenzeit durch Ihre eigenen Erfahrungen verändert? Und andererseits: Finden die Erkenntnisse der Magisterarbeit jetzt Niederschlag in der "Anstalt"?


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Dokument erstellt am 2016-11-16 14:50:03
Letzte nderung am 2016-11-22 13:23:43



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