• vom 24.11.2016, 16:39 Uhr

Bühne

Update: 24.11.2016, 16:46 Uhr

Zubin Mehta

"Falstaff ist ein oama Kerl"




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christoph Irrgeher

  • Dirigent Zubin Mehta über Regie-Gags, die selbst ihn überraschen, und die nächste Staatsopernpremiere.

Hat sich einen traditionellen "Falstaff" gewünscht: Zubin Mehta, Dirigent der Staatsopern-Premiere am 4. Dezember.

Hat sich einen traditionellen "Falstaff" gewünscht: Zubin Mehta, Dirigent der Staatsopern-Premiere am 4. Dezember.© apa/afp Hat sich einen traditionellen "Falstaff" gewünscht: Zubin Mehta, Dirigent der Staatsopern-Premiere am 4. Dezember.© apa/afp

Wien. Zubin Mehta ist ein alter Hase. Schon vor 50 Jahren hat er die Wiener und die Berliner Philharmoniker dirigiert, war später Musikdirektor der New Yorker Philharmoniker und der Israelischen, hat an den führenden Opernhäusern der Welt gearbeitet - entsprechend global wurde sein 80. Geburtstag heuer gefeiert.

Welche Räume sich aber im Direktionstrakt der Wiener Staatsoper befinden, hat er bisher nicht gewusst. Eine Frau aus der Presseabteilung klärt ihn am Mittwoch über die Resultate jenes Umbaus auf, der auch schon einige Jahre zurückliegt. Lange ist Mehta nicht hier gewesen. 2010 war der Inder Teil eines All-Star-Konzerts für den scheidenden Direktor Ioan Holender. Der Auftritt davor war eher unerfreulich: 2008 leitete der Pultstar eine "Forza del destino" mit Buhorkan am Ende. Ausgelöst hat ihn die Regie von David Pountney mit ihren Cowgirls in Hotpants.


Noch einmal altmodisch
Aber Schnee von gestern. Jetzt probt Mehta das augenzwinkernde Alterswerk von Giuseppe Verdi, den "Falstaff". Mehta, das Haar grau, der Blick funkelnd, sitzt im Konferenzraum der Staatsoper einer Gruppe Journalisten gegenüber. Das Interesse an ihm war zu groß, um es in Einzelinterviews zu befriedigen. Schon vor drei Jahren hat er bei den Salzburger Festspielen einen "Falstaff" dirigiert, ebenfalls mit den Wiener Philharmonikern und Ambrogio Maestri in der Titelrolle. Überspitzte Frage: Muss Mehta da überhaupt noch proben? Ja, antwortet er. Außerdem sei Salzburg ein Sonderfall gewesen: Aufgrund der geringen Probezeit saßen damals bei allen Terminen dieselben Musiker im Graben. Jetzt, in Wien (Premiere: 4. Dezember), herrscht normaler Probenbetrieb, also mit Fluktuationen von Termin zu Termin. Mehta: "Stellenweise muss man proben. Aber die Musiker kennen das Werk, man hört es. Ich leite hier einen Rolls-Royce." Überhaupt sieht Mehta, der (bisher) fünffache Dirigent des Neujahrskonzerts, der Premiere freudig entgegen. Wegen der Sänger, die nicht zuletzt die heikle A-cappella-Passage "perfekt" meistern. Und wegen der Regie David McVicars: Mehta müsse nur kleine Korrekturen vornehmen. Wenn etwa die Alice Ford eine Phrase mit dem Rücken zum Saal singt, "dann sage ich, das geht nicht".

Redet der Weltstar auch bei dem Regiekonzept mit? Nun, er hat im aktuellen Fall einen Wunsch beim Direktor deponiert. "Vor zwei Jahren bin ich mit Dominique Meyer zusammengesessen. Ich habe gesagt: ‚Schau, das wird wahrscheinlich mein letzter neuer ‚Falstaff‘. Bitte, machen wir das einmal im 15., 16. Jahrhundert.‘ Meyer war sofort einverstanden."

Nach Salzburg (Regisseur Damiano Michieletto verknüpfte die Handlung mit dem Alltag in einem Sängeraltersheim) nun also ein "Falstaff" nah der Shakespeare-Zeit. Ist Mehta konservativ? "Was ist für Sie eine gute Inszenierung?", fragt ein Kollege. Antwort: Eine werkgetreue Regie, womöglich aber mit modernen Mitteln. Beispiel: Jener "Ring", den Mehta mit der Gruppe La Fura dels Baus geschaffen hat. "Die haben nichts von Wagner weggelassen, ich habe gerne mit ihnen gearbeitet - auch wenn sie mich beim ‚Tannhäuser‘ ein bisschen reingelegt haben." Wie das? Er habe erst sehr spät bemerkt, dass die Damen im Mittelakt Saris tragen und die Herren aussehen wie Bollywood-Gecken. Gibt es nicht Gelegenheit, solche Wissenslücken vorab zu schließen? Kreativtreffen, Proben? Manches, sagt Mehta lächelnd, falle der Regie offenbar sehr kurzfristig ein. Wie bei einem Münchner "Siegfried": "Im ersten Akt beginnen die Leute plötzlich zu buhen. Ich sehe nach oben - und der Siegfried pischt auf sein Schwert. Nicht einmal in der Generalprobe war das so!"

Mehta im "Mehta-Saal"
Aber zurück zum "Falstaff". Warum zählt er zum Repertoire, "zieht" aber nicht wie andere Verdi-Werke? "Weil der Tenor nicht stirbt." Und: "Die Fenton-Arie ist nicht ‚La donna è mobile‘." Außerdem sei die Geschichte vom Möchtegern-Aufreißer nicht so heiter, wie gern behauptet. Der Dickwanst, der zwischenzeitlich im Fluss landet, hätte schon bessere Zeiten gesehen: "Der Falstaff ist ein oama Kerl", sagt Mehta auf Wienerisch.

Dieser Dialekt ist bei ihm noch in Relikten vorhanden - immerhin hat der Inder vor 60 Jahre hier studiert. Die Musikhochschule, sagt er, sei heute nicht wiederzuerkennen in ihrer schieren Größe. Am Mittwoch hat er ihr einen Besuch abgestattet. Grund: Mehta tritt in Wien auch als Konzertdirigent auf, für die Hofmusikkapelle (am 11. Dezember), aber auch für das Webern Orchester der Musikuni (8. Dezember), die eben einen Saal nach ihm benannt hat. Beeindruckt so eine Ehre, schon zu Lebzeiten? Mehta, schelmisch grinsend: "Soll ich mich jetzt - umbringen?"




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-24 16:44:09
Letzte nderung am 2016-11-24 16:46:29



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Wie gewonnen, so verschwunden?
  2. Kein "Irrer mit der Bombe"
  3. Heiter dem Tausender entgegen
  4. Kleine Stimme, große Kunst
  5. Häuser, die Gedächtnisspeicher sind
Meistkommentiert
  1. Woher kommt der Mensch?
  2. Sophie Rois ärgert sich über "Peniszulage"
  3. Die Kamera als Schutz
  4. "Ohne Polen kollabiert London"
  5. Zu kurzsichtig

Werbung



CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey,

Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.

Werbung



Werbung


Werbung