• vom 01.12.2016, 07:00 Uhr

Bühne

Update: 01.12.2016, 10:58 Uhr

Interview

Mit Eiern in der Hose gegen den Hass




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Von Mathias Ziegler

  • Die Comedians Kaya Yanar und Bülent Ceylan sind heilfroh über ihre deutschen Pässe und fordern mehr Mut gegenüber Erdogan.



Der in Frankfurt geborene Kaya Yanar (43) fühlt sich selbst "definitiv mehr deutsch als türkisch". Er glaubt, dass viele Türken ein bisschen
mit ihrer Identität spielen.

Der in Frankfurt geborene Kaya Yanar (43) fühlt sich selbst "definitiv mehr deutsch als türkisch". Er glaubt, dass viele Türken ein bisschen
mit ihrer Identität spielen.
© Nadine Dilly Der in Frankfurt geborene Kaya Yanar (43) fühlt sich selbst "definitiv mehr deutsch als türkisch". Er glaubt, dass viele Türken ein bisschen
mit ihrer Identität spielen.
© Nadine Dilly

Zwei der erfolgreichsten Ethnocomedians Deutschlands gastieren demnächst in Wien: Kaya Yanar von 9. bis 11. Dezember mit "Planet Deutschland" im Globe Wien, Bülent Ceylan am 27. Jänner mit "KRONK" in der Wiener Stadthalle. Die "Wiener Zeitung" hat mit den beiden Deutschtürken im Vorfeld über ihre aktuellen Programme, Türken, Erdogan und den jeweils anderen gesprochen. Obwohl getrennt befragt, haben sie doch sehr ähnlich geantwortet.

"Wiener Zeitung": Worum geht es in "Planet Deutschland"?

Kaya Yanar: Eigentlich geht es um die Piefkes, also um eure Nachbarn. Ich war mir ja gar nicht sicher, ob ich noch einmal kommen sollte. Aber die zwei Wien-Vorstellungen im März waren so schnell ausverkauft, dass wir gesagt haben: Da legen wir noch einmal nach. Es ist sozusagen eine lustige Liebeserklärung an Deutschland und seine Einwohner. Ich mache mir ein bisschen Sorgen. Viele Leute sind wütend und frustriert, wir haben einige rechte Tendenzen im Land, und da möchte ich in den zwei Stunden zeigen: Man kann auch auf eine gute Art und Weise stolz auf seine Heimat sein. Ich versuche auch ein bisschen, das typisch Deutsche zu demontieren. Stichwort deutsche Pünktlichkeit - dazu zwei Worte: Deutsche Bahn. So pünktlich sind wir dann doch nicht. Weihnachten ist gar nicht deutsch, der Weihnachtsmann ist Amerikaner, der Nikolaus ein Türke, und die Gartenzwerge kommen von euch! Ich zerstöre sozusagen die deutschen Klischees und baue mein Deutschland wieder so auf, wie ich es mag.

Bülent Ceylan (40) glaubt an die Kraft der Liebe im Kampf gegen Fanatismus: "Mein Vater war Moslem, meine Mutter ist Katholikin – die beiden waren 40 Jahre lang verheiratet! Die haben sich geliebt! Also Leute, es geht!"

Bülent Ceylan (40) glaubt an die Kraft der Liebe im Kampf gegen Fanatismus: "Mein Vater war Moslem, meine Mutter ist Katholikin – die beiden waren 40 Jahre lang verheiratet! Die haben sich geliebt! Also Leute, es geht!"© Luiza Puiu Bülent Ceylan (40) glaubt an die Kraft der Liebe im Kampf gegen Fanatismus: "Mein Vater war Moslem, meine Mutter ist Katholikin – die beiden waren 40 Jahre lang verheiratet! Die haben sich geliebt! Also Leute, es geht!"© Luiza Puiu

Und worum geht es in "KRONK"?

Bülent Ceylan: "KRONK" steht für "krank", und das passt natürlich wie die Faust aufs Auge auch in Österreich. Hier gibt es die gleichen Probleme und Themen wie in Deutschland. Ob es nun um Vegane geht, wo sich meine Figur Harald aus Mannheim Gedanken darüber macht, ob es bei veganem Sex mit seiner Freundin nicht tierisch zugehen darf. Oder der Hausmeister Manfred muss mit seiner Frau shoppen gehen. Oder Anneliese hat einen Esoterikwahn. Hassan wiederum versteht in seinem Fitnesswahn die Trainerin nicht, und als sie sagt: "Jetzt machen wir Pilates." Da fragt er sie: "Wie schmeckt das?" Er kennt sich also nicht aus. Dadurch werden die Nummern auch witzig, wenn man diese Charaktere auf der Bühne sieht. Als Bülent selber mache ich mir wiederum Gedanken darüber, dass ich ständig auf Facebook schaue - aber früher war ich ja auch nicht 30 Mal am Tag beim Briefkasten, um zu sehen, ob ich Post habe. Es geht aber auch um ernste Themen wie Flüchtlinge, Nazis und ähnliches. "KRONK" hat mehr Haltung als die anderen Programme. Es nicht dezidiert politisch, aber es ist politischer geworden.

Information

Kaya Yanar: Planet Deutschland
9. bis 11. Dezember 2016, Globe Wien
www.globe.wien
www.kaya-yanar.de

Bülent Ceylan: KRONK
26. Jänner 2017, Stadthalle Graz
27. Jänner 2017, Wiener Stadthalle
28. Jänner 2017, Tips Arena Linz
29. Jänner 2017, Salzburg Arena
www.stadthalle.com
www.buelent-ceylan.de

Wer ist Ihr Stammpublikum: Deutsche oder Türken?

Bülent: Es waren schon immer mehr Deutsche, ich würde sagen, 70 bis 80 Prozent. Es kommt natürlich auch darauf an, in welcher Stadt ich bin. In Wien kommen sicher wieder mehr Leute mit Migrationshintergrund.

Kaya: Bei den Shows in Deutschland sind es 90 Prozent Deutsche, die anderen 10 Prozent haben Migrationshintergrund, von Türken über Serben und Italiener bis hin zu Arabern. Die Deutschen sitzen gerne im Publikum und möchten, dass ich mich über sie lustig mache, auf eine nette Art und Weise. Das ist übrigens in der Schweiz genauso. Ich habe ein eigenes Schweizer Programm, in dem ich nur Witze über die Schweizer mache - und das kommt dort auch sehr gut an. Das ist wie eine Therapie für die Leute.

Wie sehr machen Sie Witze über Türken? Wie kommen die weg?

Kaya: Ich habe die ersten zehn Jahre meiner Karriere von vielen Türkenwitzen gelebt, aber ich habe mich dann allmählich davon verabschiedet, weil man das Rad ja nicht neu erfinden kann und gefühlt jeder Türkenwitz schon erzählt wurde. Deshalb habe ich mich zuletzt eher über Holländer, Chinesen, Russen lustig gemacht, und das aktuelle Programm handelt eben von den Deutschen.

Wie gehen Ihre türkischen Freunde und Familie mit den Witzen auf der Bühne um?

Kaya: Die wissen, dass meine Witze oft überzeichnet und übertrieben sind. Aber wenn ich zum Beispiel einen Witz mache über Landsleute, die im Fitnessstudio nur vor dem Spiegel stehen, dann ist da schon ein wahrer Kern drinnen, den sie kennen.

Bülent: Ich frage in meinen Shows immer: Sind Tschuschen da? Sind Kanaken da? Und dann lachen die auch - weil ich ja selber einer bin und das sagen darf. Ich versuche ja in meinem Programm auch rüberzubringen, dass man sich selbst nicht immer so ernst nehmen soll. Aber ich habe auch Messages, die bei mir vielleicht deutlicher sind als bei anderen Comedians. Wenn ich zum Beispiel sage: Wir dürfen uns von den Scheiß-Terroristen nicht das Lachen nehmen lassen. Das hat vielleicht bei mir mehr Gewicht, weil ich eben Migrationshintergrund habe. Man darf dabei übrigens nicht vergessen, dass mein Vater Moslem war und meine Mutter Katholikin ist - und die beiden 40 Jahre lang verheiratet waren! Die haben sich geliebt! Also Leute, es geht! Das ist der Punkt: Die Liebe sprengt jeden Fanatismus. Das ist meine große Hoffnung, dass wieder mehr Liebe in das alles hineinkommt und nicht dieser Hass.


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-11-25 16:11:10
Letzte nderung am 2016-12-01 10:58:19



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