• vom 29.11.2016, 16:59 Uhr

Bühne

Update: 01.12.2016, 10:18 Uhr

Opernkritik

Auf der dunklen Seite der Welt




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Von Joachim Lange

  • Kirill Petrenko und Harry Kupfer begeistern das Münchner Publikum mit Schostakowitschs mörderischem Meisterwerk "Lady Macbeth von Mzensk".

Hochzeit in schlechter Gesellschaft: "Lady Macbeth", inszeniert von Harry Kupfer.

Hochzeit in schlechter Gesellschaft: "Lady Macbeth", inszeniert von Harry Kupfer.© Wilfried Hösl Hochzeit in schlechter Gesellschaft: "Lady Macbeth", inszeniert von Harry Kupfer.© Wilfried Hösl

Lässt man sich bei Dmitri Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" vor allem auf das ein, was man hört, kann man sich heute eher darüber wundern, dass Stalins berüchtigtes Donnerwort "Chaos statt Musik" dieses Stück erst nach zwei Jahren landesweitem Erfolg in den geistigen Gulag verbannte und nicht schon 1934, vor oder nach der Leningrader Uraufführung. Heute kann man vor allem den Gefangenenmarsch ins sibirische Straflager kaum anders hören denn als einen Trauermarsch auf die dunkelste Seite der Sowjetmacht - oder die Hymne an die Sonne, die der Pope bei der Hochzeit von Katerina mit ihrem Liebhaber anstimmt, nur als eine Parodie auf den eskalierenden Personenkult um den Roten Zaren.

Und wo ist eine bis ins Mark korrupte Staatsmacht je treffender am Nasenring der Parodie vorgeführt worden als in der Szene auf dem Polizeirevier? Dazu die aufbrechende sexuelle Gier: eine versuchte Gruppen-Vergewaltigung, dann ein an drastischer Eingängigkeit kaum zu überbietender Liebesakt mit vollem Orchestereinsatz. Mit dem neuen Menschen und der propagierten Zukunftsgesellschaft war das alles auf Kollisionskurs. Und dann gelingt in diesem Meisterwerk über eine Frau, die unter widrigsten Umständen zur Mörderin wird, auch noch ein Echo auf den "Rosenkavalier": wenn sich der Schwiegervater-Fiesling (etwas müde: Anatoli Kotscherga) wie weiland der Ochs auf Lerchenau seiner Weibergeschichten aus jungen Mannesjahren rühmt.

Information

Oper
Lady Macbeth von Mzensk
Bayerische Staatsoper München
Weitere Termine bis 11. Dezember; 0049/89/21851920

Behauptete Opulenz

Der Star der Münchner Neuinszenierung, der Noch-Generalmusikdirektor Kirill Petrenko, bietet in der transparent präzisen, zwischen auftrumpfend und lyrisch nie schrillen Lesart auch diese Assoziationsräume, die, weg von einer mörderischen Gruselgeschichte aus dem russischen Landleben des vorvorigen Jahrhunderts, mitten in die russische Seelenlage wohl nicht nur der Entstehungszeit führen. Das ist atemberaubend und wird zu Recht gefeiert. Zumal mit Anja Kampe eine Katerina mit allen vokalen Facetten im Zentrum steht und auch der Sergei, Misha Didyk, zumindest stimmlich mithält.

Szenisch freilich hat der über Jahrzehnte die Berliner Opernszene dominierende und auch im Westen gefragte Regiealtmeister Harry Kupfer (81) vor allem in Sachen Personenführung das Pech, sein eigener Maßstab zu sein. Allein schon daran gemessen enttäuscht er. Er bebildert die Geschichte, er arbeitet sie mehr ab, als mit einem szenischen Feuerwerk wie in seinen besten Arbeiten zu verblüffen und näher in den Kern des Werks einzudringen. Die Liebesnacht von Katerina und Sergei wird hier zum Als-ob-Bodenturnen mit deftigem Begleitsound. Bei der Prügelszene dann dürfte kein einziger von den müde angedeuteten Peitschenhieben eine Spur auf dem Rücken des verborgenen Sergei hinterlassen. Insofern kann der dann tatsächlich kurz danach auch wieder auf dem Rücken liegen. Überhaupt ist die Personenregie (die Kupfer einst zum Standard machte) bei den Chorszenen, in der Polizeistation oder bei den kabinettstücktauglichen Auftritten des Popen eher beiläufig.

Auch die desolate (für sich genommen freilich faszinierende) Industriehallen-Opulenz, mit nach und nach erweitertem Meer- und Wolkenblick, in die Hans Schavernoch einen beweglichen Wohncontainer mit Sandler-Ausstattung als Katerinas Stube platziert hat, bleibt eine sozialkritisch gemeinte Behauptung - samt der Proleten, die Tag und Nacht im Schiebermützenlook von Yan Tax auf- und abmarschieren.

In München bestätigt sich die These, dass Kupfer sich nie verbessert, wenn er ein Stück wiederholt. Bei "Lady Macbeth" führt die erste Wiederholung in eine behauptete Opulenz, die nicht wirklich Mitgefühl mit einer Mörderin weckt. Emotionale oder szenische Irritationen, die das Publikum am einhelligen Jubel gehindert hätte, gab es diesmal jedenfalls nicht.





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Dokument erstellt am 2016-11-29 16:41:07
Letzte nderung am 2016-12-01 10:18:08



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