• vom 18.01.2017, 16:02 Uhr

Bühne

Update: 18.01.2017, 18:09 Uhr

Theater an der Wien

"Hinter die Kulissen schauen"




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Von Christoph Irrgeher

  • Mariame Clément inszeniert Purcells "The Fairy Queen" im Theater an der Wien - und damit ein seltsames Zwitterstück.

Lud ihren Käseverkäufer ein: Mariame Cl ment.

Lud ihren Käseverkäufer ein: Mariame Cl ment.© Elisa Haberer Lud ihren Käseverkäufer ein: Mariame Cl ment.© Elisa Haberer

Wien. Als jüngst Bogdan Roščić zum Staatsoperndirektor ab 2020 nominiert wurde, verblüffte das nicht nur, weil der Gekürte ein Quereinsteiger ist. Roščić, Ex-Chef von Ö3 und Labelboss bei Sony Classical, diagnostizierte dem Opernbetrieb sogleich vor Pressevertretern ein Problem. Zwar sei das Haus an der Wiener Ringstraße bisher gut ausgelastet. Global betrachtet habe die Oper aber seit 1945 an Bedeutung verloren und gerate auf dem Feld des Entertainments zunehmend unter Druck.

Was denken Menschen mit internationaler Opernpraxis über solche Worte? Mariame Clément, französische Regisseurin zwischen Glyndebourne und Tel Aviv, denkt kurz nach - dann holt sie zu einer Brandrede für die alte Dame Oper aus. "Zwar muss man feststellen, dass sie nicht mehr dieselbe Rolle hat wie im 19. Jahrhundert. Die populärste Unterhaltungsform ist heute das Kino. Dass Oper aber eine elitäre, veraltete oder jedenfalls für alte Menschen gemachte Kunst ist, halte ich weniger für die Wahrheit als ein Klischee. Und die Karten sind auch nicht unbedingt teurer als für ein Popkonzert oder Fußballspiel!" Dennoch gebe es sie, diese Schwellenangst. "Manchmal höre ich: ‚Die Oper ist nichts für mich, damit kenne ich mich nicht aus.‘ Aber absolviert man denn eine Filmschulung, bevor man ins Kino geht?"



Liebeswirren im Opernhaus: Sopranistin Anna P. (gespielt von Anna Prohaska) sitzt bei Regieassistent Florian K. (Florian Köfler), Ausstatter Florian B. (Boesch) wird mit Blümchen vorstellig.

Liebeswirren im Opernhaus: Sopranistin Anna P. (gespielt von Anna Prohaska) sitzt bei Regieassistent Florian K. (Florian Köfler), Ausstatter Florian B. (Boesch) wird mit Blümchen vorstellig.© Monika Rittershaus Liebeswirren im Opernhaus: Sopranistin Anna P. (gespielt von Anna Prohaska) sitzt bei Regieassistent Florian K. (Florian Köfler), Ausstatter Florian B. (Boesch) wird mit Blümchen vorstellig.© Monika Rittershaus

Zwar sei Oper, sagt Clément, bei vielen als Statussymbol in Gebrauch. Für sich betrachtet, sei das elitäre Image aber unverständlich: "Oper ist eine direkte Kunstform, die unmittelbar an die Sinne appelliert. Mich interessiert darum auch besonders die Reaktion von Leuten, die noch nie dort waren." Hand aufs Herz: Schläft nicht mancher dieser Neulinge im Zuschauerraum ein? Im Gegenteil: "Als ich in Paris ‚Hänsel und Gretel‘ inszeniert habe, lud ich meinen Käseverkäufer ein. Der ist mit Popkultur aufgewachsen, war aber begeistert!"

Clément, 1974 geboren, ist seit jeher ein Fan. "Meine Eltern haben mich als Kind mitgenommen. Ich habe die Oper immer geliebt, nie rebelliert." Dass sie selbst einmal Geld damit verdienen würde, stellte sich erst spät heraus. Die Tochter einer Iranerin und eines Franzosen hat in Paris Literatur und Kunstgeschichte studiert, zog später nach Berlin, um dort über persische Miniaturmalereien des Mittelalters zu promovieren. Dazu kam es aber nie. Eine Hospitanz an der Berliner Staatsoper ließ die Prioritäten durcheinanderpurzeln. Heute inszeniert Clément pro Jahr durchschnittlich drei Regiearbeiten.

Effektvoll, aber nichtssagend

Derzeit ist sie im Theater an der Wien tätig. 2011 hat sie dort mit Rameaus "Castor et Pollux" debütiert, nun schultert sie abermals ein Barockstück, nämlich Henry Purcells "The Fairy Queen"; Premiere ist am heutigen Donnerstagabend.

Wobei das Werk keinem gängigen Schema gehorcht. Seine Form verhöhnt vielmehr die heutigen Bühnenkonventionen. Die "Semi-Opera" aus dem Jahr 1692 ist weniger ein Stück Musiktheater als ein unvermitteltes Nebeneinander der Gattungen. Die Bühne gehört abwechselnd Darstellern, die den "Sommernachtstraum" aufführen - und Sängern, die eine davon losgelöste Musik vortragen. Clément: "Diese Arien sind extrem rührend und wirkungsvoll. Aber sie erzählen nichts, sie tragen nichts zur Handlung bei. Wenn man diesen Abend wirklich so gestaltet, wie er ursprünglich gedacht war, also mit Sängern, Schauspielern und Tänzern, wäre er sehr lang - und die szenische und dramaturgische Stringenz von begrenztem Interesse."

Was also tun? Clément hat, gemeinsam mit ihrer Ausstatterin Julia Hansen und der Autorin Lucy Wadham, ein neues Erzählkonzept erdacht. "Wir lassen das Shakespeare-Schauspiel weg und haben zur Musik unsere eigene Handlung entwickelt." Dabei bleiben typische Themen des "Sommernachtstraums" erhalten: Wald, Magie, Liebeswirren. Gezeigt werden aber Menschen von heute, die Purcells "Fairy Queen" proben.

Theater im Theater also? "Das finde ich eigentlich problematisch. Es ist ein ziemlich abgelutschtes Konzept, wenn es eine Handlung gibt. Hier aber existiert keine." Die Produktion werde mit zwei Ebenen spielen: "Manchmal zeigen wir einfach die Purcell-Arien - oft aber die Alltagssituationen einer Sopranistin, eines Regisseurs, einer Dramaturgin. Im Grunde schaut man ein bisschen hinter die Kulissen." Was Clément verblüfft: "Durch die Handlung, die wir uns ausgedacht haben, erhalten die Arientexte einen Sinn, werden von den Situationen gefärbt. Das finden auch die Sänger schön."

"Liebe zur Perfektion"

Erfreulich auch, wo diese Arbeit stattfindet: Das Theater an der Wien gehört zu Cléments Lieblingshäusern. "Es ist so dimensioniert, dass die Zuseher nah dran sind, und die Atmosphäre ist hervorragend. Allein mit dem Schönberg-Chor arbeiten zu dürfen ist ein Privileg. Da singt nicht nur jeder ausgezeichnet, sondern ist auch schauspielerisch voll dabei. Womit wir wieder beim Anfang wären: Wenn Oper klappt, gibt es nichts Besseres. Und diese Liebe zur Perfektion erlebe ich hier."

"The Fairy Queen" - Premiere: heute, Donnerstag, im Theater an der Wien. Christophe Rousset dirigiert Les Talens Lyriques, es singen Florian Boesch, Anna Prohaska, Kurt Streit und andere.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-18 16:05:08
Letzte nderung am 2017-01-18 18:09:07



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