• vom 20.01.2017, 16:18 Uhr

Bühne


Oper

Um das Stück betrogen




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Von Judith Belfkih

  • Die Neukonzeption von Purcells "Fairy Queen" im Theater an der Wien erweist sich als Teilerfolg.

Anna Prohaska als Titania.

Anna Prohaska als Titania.© Monika Rittershaus Anna Prohaska als Titania.© Monika Rittershaus

Ein Blick hinter die Kulissen ist eine spannende Angelegenheit - aber auch eine gefährliche, gerade in der Kunst. Denn neben der Faszination für das Zusammenspiel der unsichtbaren Fäden und Abläufe neben und hinter dem Bühnenportal bedeutet ein Blick hinter den Vorhang gerade in der Oper immer eine Art Entzauberung. Das mitunter allegorisch erhöhte Bühnengeschehen, dieses tief musikalische, oft tragische, mitunter opulente Reich jenseits der oft grauen Realität des täglichen Lebens, entpuppt sich als eine sehr profane Angelegenheit.

Im Theater an der Wien hat die französische Regisseurin Mariame Clément Henry Purcells Semi-opera "Fairy Queen" als so einen Blick hinter die Bühne neu konzipiert und inszeniert. Sie erzählt die (Liebes-)Geschichten, die sich in und um eine Opernproduktion von "Fairy Queen" zutragen. Handlungsort ist also nicht der Zauberwald, sondern die Probebühne. Die verwirrten Liebespaare bilden nicht Titania oder Oberon, sie formieren sich aus Opern-Personal jeder Art. Shakespeares "Sommernachtstraum", die Grundlage der Oper, ist in der neuen Fassung nur in Kostüm-Andeutungen vorhanden. Was den Abend bestimmt, sind liebevoll gearbeitete, etliche Klischees bestätigende Berufsstudien des Opernbetriebes. Vom Regieassistenten, der von seiner ersten Inszenierung träumt, der Chorsängerin, die plötzlich als Solistin einspringen soll, der nicht ganz jungen Dramaturgin, die den Regisseur liebt, der wiederum nur Augen für den neuen jungen Star hat, bis zum brummigen Ausstatter.


Die Arien, Duette und Ensembles von Purcell sind in die Rahmenhandlung des Probenbetriebes und der Premierenfeier eingeflochten. Für sie friert die Regisseurin das bunte Treiben mitunter ein, um Ruhe zu schaffen für die zarten musikalischen Seelenspiegel der Figuren. Die Handlung treiben sie nicht voran, das tun sie im Original allerdings auch kaum. Sparsame neue Zwischentexte (Lucy Wadham) und Projektionen der Gedankenwelt schlagen Brücken zwischen Musik und Bühne. Ein konsequent umgesetztes Konzept, in dem sogar jedem Chor-Mitglied detailverliebt eine eigene Rolle zugedacht wurde. Gestellte Tableaus sucht man hier vergebens, die Szenen sind stimmig und lebendig.

Rückbindung der Poesie
an die Lebensrealität

Der positive Effekt von Cléments Entzauberung ist, dass es ihr punktuell gelingt, die Poesie und die tiefe Melancholie aus Purcells Musik aus dem Feenreich mitten in die Lebensrealität dieser alltäglichen Figuren zu holen, sie also an ein Hier und Heute rückzubinden. Ein schöner Kunstgriff.

Die musikalische Umsetzung durch das französische Barockensemble Les Talens lyrique unter der Leitung von Christophe Rousset hat leider nicht die Kraft, um sich neben diesem szenischen Konzept zu behaupten beziehungsweise ihm ein ebenbürtiger Partner zu sein. Mitzureißen vermag diese Lesart selten. So wird die Musik trotz einiger dramaturgischer Schwächen mitunter zur Nebensache degradiert. Die offene Bühne ist der Klangdichte dabei nicht förderlich, vor allem lyrischere Stimmen klingen nur an der Rampe. Rousset zelebriert die Partitur mitunter bis zur Überdehnung, was der Klang des Orchesters nicht immer zu füllen vermag, am Premierenabend zeigten dazu nicht nur die barocken Trompeten alle ihre Tücken.

Mit den Solisten hat Rousset einige schöne Szenen herausgearbeitet, sie zu einem Ensemble zu schmieden, ist ihm nicht restlos gelungen. Sopranistin Anna Prohaska kann ihre lyrische Frische bei der Premiere am Donnerstag erst nach und nach entfalten. Tenor Kurt Streit als Regisseur hat nicht seinen stärksten Tag und wirkt angestrengt. Marie-Claude Chappuis glänzt als Dramaturgin mit ihrem warmen, fein geführten Mezzo-Sopran, Bass Florian Boesch agiert als exaltierter Ausstatter sonor souverän. Rupert Charlesworth überzeugt als kraftvoller und humoristischer Schauspieler. Mehr als nur Talentproben liefern die Jungen Ensemble-Mitglieder Florian Köfler und Carolina Lippo.

Trotz eines überzeugenden, liebevoll umgesetzten Konzeptes und einiger musikalisch schöner Momente bleibt das Gefühl, zwischen Probebühne und Premierenfeier um das Stück selbst betrogen worden zu sein. Und es bleibt die Sehnsucht nach dem Zauber des Feenwaldes.

Oper

Fairy Queen

Theater an der Wien

Christophe Rousset (Dirigat)

Mariame Clément (Regie)

Les Talens Lyriques

Wh.: 21., 23., 26. und 30.Jänner




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Dokument erstellt am 2017-01-20 16:23:08



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