• vom 01.02.2017, 17:09 Uhr

Bühne

Update: 01.02.2017, 22:10 Uhr

Interview

"Wir haben unsere Lektion gelernt"




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Von Petra Paterno

  • Daniel Kehlmann über sein jüngstes Stück, die Linke und die Bedrohung, die von Donald Trump ausgeht.

Bernhard Schir und Maria Köstlinger. - © apa/Robert Jaeger

Bernhard Schir und Maria Köstlinger. © apa/Robert Jaeger

 "Die Linke ist im Augenblick wie gelähmt, deshalb verliert sie ihren Einfluss an rechte Populisten," sagt Kehlmann.

 "Die Linke ist im Augenblick wie gelähmt, deshalb verliert sie ihren Einfluss an rechte Populisten," sagt Kehlmann.© Apa, Robert Jäger  "Die Linke ist im Augenblick wie gelähmt, deshalb verliert sie ihren Einfluss an rechte Populisten," sagt Kehlmann.© Apa, Robert Jäger

Alarm am Heiligen Abend. Ein Kommissar (Bernhard Schir) verhört eine mutmaßliche Attentäterin (Maria Köstlinger). Er hat 90 Minuten Zeit, um möglicherweise einen Terrorangriff zu verhindern.

Daniel Kehlmanns jüngstes Drama "Heilig Abend", das heute, Donnerstag, im Theater in der Josefstadt von Intendant Herbert Föttinger uraufgeführt wird, verhandelt eine brisante Verhörsituation. Er thematisiert dabei auf packende Weise ein Unbehagen in der Gesellschaft.

Information

Daniel Kehlmann (42), aufgewachsen in Wien, gehört zu den erfolgreichsten Romanciers der Gegenwart. Sein historischer Roman "Die Vermessung der Welt" (2005) ist ein Bestseller, übersetzt in 40 Sprachen und 2012 verfilmt. 2011 wurde sein Bühnendebüt "Geister in Princeton" in Graz uraufgeführt.

Heilig Abend
Theater in der Josefstadt
Premiere: 2. Feb., 19.30 Uhr
Wh.: 3., 13., 14., 18., 19. Feb.
www.josefstadt.org

Der Bestseller-Autor äußerte sich im E-Mail-Interview offen über seine Terrorängste und die Bedrohung der Demokratie.

"Wiener Zeitung":In "Heilig Abend" versucht ein Kommissar mit allen Mitteln, eine angebliche Terroristin zu einem Geständnis zu bewegen. Haben Sie sich mit Verhörmethoden beschäftigt?

Daniel Kehlmann: Ja, das habe ich. Ich habe Verhörexperten befragt und auch mit Leuten gesprochen, die selbst verhört wurden, zum Beispiel von der Stasi. Die Techniken, die mein Polizist anwendet - zum Beispiel der unerwartete Wechsel zwischen Freundlichkeit und Härte oder auch die unmotivierten Themenwechsel -, sind gebräuchliche Verhörtaktiken.

Es ist geradezu unheimlich, in welch hohem Maß das Leben der Verdächtigen von den offiziellen Stellen durchleuchtet wurde. Was denken Sie über die Abhörmethoden von NSA & Co.?

Genau das: Es ist unheimlich. Dadurch, dass sich inzwischen ein so großer Teil unseres Lebens im Internet abspielt, ist unser Leben auch sehr transparent geworden. Wenn wir nicht klare Regeln schaffen, welche Daten gesammelt werden dürfen und welche nicht, räumen wir dem Staat gefährliche Macht ein.

In dem Zweipersonenstück geht die Bedrohung einmal nicht von islamistischen Terroristen aus, sondern von einer gutbürgerlichen Hochschulprofessorin, die sich in ihren Seminaren mit linken und radikalen Theorien beschäftigt. Man fragt sich gegenwärtig tatsächlich: Was ist mit den Linken los? Was ist mit der - wie es in Ihrem Stück an einer Stelle heißt - "Wut von vorgestern"?

Die Linke ist im Augenblick wie gelähmt, deshalb verliert sie ihren Einfluss an rechte Populisten. Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten: Das garantierte Mindesteinkommen zum Beispiel ist keine leere Utopie - es ist wirtschaftlich machbar, es würde viele unserer Probleme auf einen Schlag lösen. Aber kaum jemand fordert es. Ich verstehe nicht, warum.

Im Stück schreiben Sie, dass Autounfälle gefährlicher seien als Terrorangriffe. Sie reisen viel, sind Sie von Terrorangst geplagt?

Das sagt eine Figur in meinem Stück - ich finde das ein sophistisches Argument, nicht ganz falsch, aber doch auch nicht wirklich richtig. Ich muss ja nicht immer der gleichen Meinung sein wie meine Figuren. Und ja, auch mich plagt die Angst vor Terrorangriffen, und das Wissen, dass die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ich in einen solchen geraten könnte, schwindend klein ist, hilft nicht wirklich dagegen. Ein wenig hilft sie aber schon.

Viele blicken dieser Tage besorgt in Richtung USA. Man erlebt einen enthemmten Präsidenten und ein tief gespaltenes Land. Sie leben in New York, wie schätzen Sie die Situation ein?

Die Situation ist extrem gefährlich. Wenn Trump freie Hand hat, sind die USA bald keine Demokratie mehr. Optimistisch stimmt mich allerdings, wie stark der Widerstand ist. Amerika hat eben doch eine sehr starke Zivilgesellschaft und sehr mutige freie Medien. Trump ist gefährlich, aber er ist auch ein politisch enorm geschwächter Präsident, darin liegt Hoffnung.

Wird Donald Trump überhaupt die kommenden vier Jahre durchhalten? Wird er von seiner Partei und den demokratischen Organen der USA eingebremst? Oder stehen wir vielmehr am Beginn einer neuen politischen Bewegung mit ungewissem Ausgang - siehe auch den Aufschwung rechtspopulistischer Bewegungen in Europa?

Wir stehen sicher an einem Scheideweg. Aber die Geschichte ist eben nicht dazu verdammt, sich zu wiederholen. Die Menschen wissen genau, was in den Dreißiger Jahren passiert ist. So wie sich 2008 nicht die Wirtschaftskrise von 1929 wiederholt hat, eben weil die Akteure über 1929 Bescheid wussten, so werden sich wahrscheinlich diesmal die politischen Ereignisse von damals nicht wiederholen. Wir haben eben doch unsere Lektion gelernt, und die Menschen wissen, wie wichtig es ist, den Anfängen zu wehren. Seit ich bei der großen Demonstration gegen Trump in Washington war und hunderttausende Menschen voller Entschlossenheit gegen ihn marschieren gesehen habe, glaube ich, dass die amerikanische Demokratie sich so schnell nicht abschaffen lässt. Und in Europa wird es hoffentlich genauso sein: Mit der Gefahr, sagt Hölderlin, wächst das Rettende auch.





Schlagwörter

Interview, Daniel Kehlmann

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Dokument erstellt am 2017-02-01 16:05:08
Letzte nderung am 2017-02-01 22:10:53



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