• vom 03.02.2017, 15:27 Uhr

Bühne


Theaterkritik

Mutlose Vernunft




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christina Böck

  • Terror als durchargumentierte Systemkritik: Daniel Kehlmanns spannender "Heilig Abend".

Noch ist Zeit, aber höchste Zeit: Bernhard Schir will von Maria Köstlinger wissen, wo in 64 Minuten eine Bombe hochgeht. - © apa/Robert Jäger

Noch ist Zeit, aber höchste Zeit: Bernhard Schir will von Maria Köstlinger wissen, wo in 64 Minuten eine Bombe hochgeht. © apa/Robert Jäger

"Gewalt heilt die Wunden, die sie schlägt." Dieses Sartre-Zitat haut die Verdächtige dem Kommissar einmal um die Ohren. Das ist einer der Momente, in denen man wieder nicht so sicher ist, ob die distinguierte Dame im pelzverbrämten Mantel wirklich so unschuldig ist. Solche Momente wechseln in "Heilig Abend", dem im Theater in der Josefstadt uraufgeführten neuen Stück von Daniel Kehlmann, mit jenen Momenten, in denen man dieser ruhigen Frau völlig vertraut, ihr die Desorientiertheit in der absurden Situation total abnimmt.

Eineinhalb Stunden hat der Kommissar Thomas Zeit, aus dieser Frau namens Judith Informationen zu pressen. Es ist halb elf am Heiligen Abend. Um Mitternacht soll eine Bombe explodieren und die Frau wird verdächtigt, etwas damit zu tun zu haben. Eine Uhr im Hintergrund zeigt in unbarmherzigen Digitalziffern an, wie die kostbaren Minuten vergehen. So viel darf verraten werden: Sie wird nicht, wie bei James Bond, gerade noch bei 0.07 stehen bleiben.


Es ist aber naturgemäß keine Actionthriller-Spannung, die Kehlmann in seinem Stück entwickelt. Und doch potenziert sich die Dramatik gegen Ende doch gewaltig, drehen sich die Machtverhältnisse in diesem Gespräch immer rasanter. Zu Beginn hat der Kommissar die Oberhand. Nicht nur, weil er Polizist ist und in einem Verhörzimmer nun einmal Heimvorteil hat, sondern auch, weil er eigentlich ohnehin schon alles weiß. Denn die Frau zu überwachen, das ist keine Frage der Legalität mehr heutzutage: "Alle Geräte, die Sie benutzen, haben sowieso Mikrofone", klärt er auf.

Es sind bestechend aktuelle Anspielungen, die hier fallen: "Sie hätten ja irgendwann etwas machen können", sagt der Verhörende. Und "Die Medien brauchen eine Geschichte, wie sieht denn das sonst aus." Das bringt (nicht nur) die jüngste Terrorverhaftung in Wien und die mediale Diskussion um effektive Anschlagsverhinderung leise ins Bewusstsein.

Unterlegen ist der Polizist der Frau, wenn sie ihr philosophisches Gedankenarsenal auffährt. Wenn sie, die Uni-Professorin, seine "mutlose Vernunft" geißelt, die ein System der Ausbeutung ignoriert und sich von ein paar "Dschihadisten-Idioten" davon ablenken lässt. Maria Köstlinger gelingt es, die Ambivalenz der schlüssigen akademischen Argumentationen und der gar nicht so harmlosen Aussagen wie "Eine Bombe ist ein Ruf, der am weitesten hallt", nuanciert zu vermitteln.

Überraschend viele Pointen
Bernhard Schir ist als Ermittler so schleimig wie schlagkräftig. Seine Brutalität wirkt aber selbst subtil, wenn er die Frau gegen die Wand knallt. Vor allem Schir hat auch das perfekte Timing für die überraschend vielen Pointen, die dieser Abend auch bereithält. Regisseur Herbert Föttinger inszeniert das Verhör zurückhaltend als dichtes Kammerspiel und platziert die beiden Schauspieler in einem Glaskobel (Bühne: Walter Vogelweider), der das Publikum, wie aus US-TV-Serien bekannt, als Beobachter hinter einer mutmaßlichen Spiegelwand zurücklässt. Eine Entscheidung so naheliegend wie in ihrer Einfachheit wirkungsvoll.

Die Überlegung, ob und wann "symbolische Gewalt" in echte umschlägt, ist schon längst keine akademische mehr. Kehlmann ist eine scharfsinnige und gleichzeitig unterhaltsame, irgendwie wienerische Abhandlung dazu gelungen. Dass dieses Stück noch länger aktuell bleiben wird, ist zu befürchten. Die hier noch fiktive aussagekräftige Perfidie eines Anschlags rund um die Weihnachtszeit hat die Realität ja bereits eingeholt.

Theater

Heilig Abend

Theater in der Josefstadt




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-03 15:33:05



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Nicht mit uns"
  2. Kein "Irrer mit der Bombe"
  3. 152 rasante Minuten mit Laserschwert
  4. "Das ist Wahnsinn"
  5. Wird Fox von Disney übernommen?
Meistkommentiert
  1. Die Kamera als Schutz
  2. "Ohne Polen kollabiert London"
  3. Sophie Rois ärgert sich über "Peniszulage"
  4. Beethoven-Skulptur in Wien enthüllt
  5. Zu kurzsichtig

Werbung



CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey,

Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.

Werbung



Werbung


Werbung