• vom 16.03.2017, 15:49 Uhr

Bühne


Buchkritik

Wie ein Mammut




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Von Petra Paterno

  • Skandale, Erfolge, unfassbare Interviews: Claus Peymanns Erinnerungsbuch "Mord und Totschlag".

Claus Peymann boxt sich durch.

Claus Peymann boxt sich durch.

Kennen Sie den? "Vranitzky, Moritz und Peymann sind zu Besuch beim lieben Gott. Fragt Moritz: Lieber Gott, wie lange werde ich wohl noch Kulturminister sein? Meint Gott: Ein paar Monate. Moritz dreht sich um und weint. Fragt Vranitzky: Wie lange werde ich wohl noch Kanzler sein? Meint Gott: Höchstens fünf Jahre. Vranitzky dreht sich um und weint. Fragt Peymann: Und ich, wie lange werde ich noch Burgtheaterdirektor sein? Da dreht sich der liebe Gott um und weint."

Welcher Burgtheater-Direktor kann von sich behaupten, dass man Witze über ihn riss? Claus Peymanns anfangs äußerst umstrittene und später bewitzelte Direktion währte von 1986 bis 1999, in dieser Zeit stieg er zu einer legendären Streitgestalt auf.


Mit der Uraufführung von Thomas Bernhards "Heldenplatz" (1988) bescherte er Wien den bis dato größten Theaterskandal, in den 1990er Jahren plakatierte die FPÖ in ganz Österreich gegen Künstler, auch Peymanns Name wurde genannt. Der Kampf gegen den "Piefke", den konservative und reaktionäre Kräfte anfangs mit beachtlicher Vehemenz ausfochten, legte den Grundstein für die Legende Peymann.

Vom jungen Wilden zum Fossil
In "Mord und Totschlag" blickt Claus Peymann am Ende seiner Intendanz am Berliner Ensemble und kurz vor seinem 80. Geburtstag auf sein Leben zurück. Wobei Leben und Theater bei einem Theatermacher wie Peymann untrennbar miteinander verbunden sind. Der 535 Seiten starke und üppig mit Schwarz-Weiß-Fotos bebilderte Band beinhaltet Interviews, Briefe, Selbstzeugnisse, Notizen, Zeitungsberichte, Erinnerungen von Freunden und Feinden. Dokumentiert werden mehr als 50 Jahre Theaterarbeit. Entstanden ist nicht nur die amüsante Rückschau eines begnadeten Selbstdarstellers - O-Ton Claus Peymann: "Ich halte mich mittlerweile für einen Regisseur, dessen Inszenierungen, selbst wenn sie misslingen, zu den besten gehören" -, sondern auch eine lesenswerte Chronik, die dazu einlädt, ein Zeitalter zu besichtigen. Jutta Ferbers, Anke Geidel, Miriam Lüttgemann und Sören Schulz haben in "Mord und Totschlag" ein Stück Theatergeschichte zusammengetragen.

In den ausgehenden 1950er Jahren beginnt Claus Peymanns Laufbahn im Hamburger Studententheater. Peymann gilt als junger Wilder, als Advokat neuer Dramatik. 1966 ist er bereits Oberspielleiter des Frankfurter Theaters am Turm, nach einem kurzen Intermezzo an der Berliner Schaubühne ist er von 1974 bis 1979 Schauspieldirektor in Stuttgart.

Die Härte, mit der das Establishment damals die jungen Talente bekämpfte, ist heute kaum mehr nachzuvollziehen: Weil Peymann im Theater Spenden für den Zahnersatz der inhaftierten RAF-Terroristin Gudrun Ensslin sammelte, geriet er bundesweit in die Schlagzeilen. Wegen 100 D-Mark verlor er seinen Job. "Unser Held war Peymann, der Revoluzzer", schreibt Harald Schmidt in "Mord und Totschlag" und erinnert sich an Peymanns letzte Vorstellung in Stuttgart: "Applaus bis vier Uhr morgens - vier Stunden Beifall. Es war vollkommen hysterisch."

Nächste Station: Bochum. Von 1979 bis 1986 feierte Peymann große Erfolge bei Kritik und Publikum, die seinen Ruhm als Regisseur begründeten, seine besondere Beziehung zu Thomas Bernhard festigten und ihn für seinen nächsten Job empfahlen: die Position des Burgtheaterdirektors.

"Mord und Totschlag" ist nicht nur eine Anhäufung von Skandalen und Erfolgen, es ist ein Plädoyer für die Macht des Theaters und eine Verneigung vor den Autoren. Es geht um Shakespeare und um Zeitgenossen wie Peter Handke, Peter Turrini, George Tabori und vor allem: Thomas Bernhard. In vielen Passagen umkreist das Buch die besondere Arbeitsbeziehung zwischen dem Dichter und seinem Regisseur. Nach der Zeit in Wien, von 1999 bis Ende dieser Spielzeit, leitet Peymann das Berliner Ensemble, sein Nachfolger ist Oliver Reese. Peymanns Theaterarbeit wurde vom Berliner Publikum gefeiert, aber die Kritiker behandelte ihn zunehmend wie einen, der aus der Zeit gefallen ist. Vom jungen Wilden zum Fossil.

"Lobeshymnen und Verrisse hat Peymann zuhauf eingesammelt, besagen gar nichts über Wert und Wirkung eines Theaterabends", so Hermann Beil. Claus Peymann schließt das Buch mit den Worten: "Es macht mir nichts aus, dass ich ein bisschen aus der Mode gekommen bin. Dass ich wie ein Anachronismus erscheine, dass ich wie so ein Mammut hier noch eine Weile herummachen kann."

sachbuch

Claus Peymann.

Mord und Totschlag

Hrsg. v. Jutta Ferbers u.a. Alexander Verlag Berlin 2016,

S. 535, Euro 30,80




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Dokument erstellt am 2017-03-16 15:54:09



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