• vom 17.03.2017, 18:30 Uhr

Bühne


Interview

"Unsere Gesellschaft ist krank"




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Von Christoph Irrgeher

  • Alvis Hermanis über seinen "Parsifal" an der Staatsoper und die Aufregung über seine Meinung zur deutschen Flüchtlingspolitik.

Wäre gern im alten Wien gewesen, aber auch in Woodstock: Alvis Hermanis.

Wäre gern im alten Wien gewesen, aber auch in Woodstock: Alvis Hermanis.© apa/Barbara Gindl Wäre gern im alten Wien gewesen, aber auch in Woodstock: Alvis Hermanis.© apa/Barbara Gindl

Wien. Ein scharfer Wind bläst Alvis Hermanis in Deutschland entgegen - noch heute. Der Lette, der mit Theaterschöpfungen wie "Väter" und "The Sound of Silence" zum Star aufgestiegen war, hat 2015 in Hamburg eine Regie abgesagt. Der Grund: das Engagement des Thalia Theaters - für Flüchtlinge. Bekannt wurde diese Ursache nicht durch Hermanis, sondern die Bühne. Sie gab in Eigenregie eine Erklärung heraus und zitierte, ohne Wissen des Regisseurs, aus dessen Mails. In der folgenden Empörung fühlte sich Hermanis verkannt. Er sei nicht gegen politische Flüchtlinge, sondern gegen eine völlige Grenzöffnung - auch in Hinblick auf den Terrorismus. In den Vorjahren arbeitete er oft für die Oper, inszenierte bei den Salzburger Festspielen vier Premieren. Nun debütiert er an der Wiener Staatsoper an der Seite von Dirigent Semyon Bychkov mit "Parsifal"; Premiere ist am 30. März. Die "Wiener Zeitung" sprach mit ihm über Wagners kranke Gralsritter und ihren Retter Parsifal, die Leiden unserer Gesellschaft und die Folgen des Thalia-Eklats.


"Wiener Zeitung":Im "Parsifal" geht es vor allem um Erlösung. Worin besteht sie in Ihrer Regie?

Alvis Hermanis:Lassen Sie mich ein wenig von unserem Konzept erzählen. Wenn man Wagner googelt, findet man zwei Personen. Einerseits Richard, andererseits Otto Wagner. Letzterer schuf vor rund 100 Jahren das Otto Wagner Spital in Wien. Unser "Parsifal" findet dort an der Jahrhundertwende statt. Die Stadt war damals so bedeutend für die Welt wie heute Silicon Valley: Wien war, mit seinen Innovationen in der Wissenschaft und in der Kunst, der Wegbereiter des 20. Jahrhunderts, es gab hier eine intellektuelle Konzentration. Die Menschen waren gewissermaßen nah dran, den Gral zu finden.

Ist bei Ihnen Innovation der Gral?

Nein. Die Oper erzählt, dass man den Gral nicht durch ein mächtiges Hirn, sondern ein großes Herz erringt. Im "Parsifal" ist der Ritterorden krank; ich zeige seine Mitglieder als Patienten, dabei treten Gurnemanz und Klingsor als Ärzte auf. Parsifal kommt als Einziger aus einer anderen Zeit, der Entstehungszeit der Legende.

Warum müssen die Menschen in diesem Wien geheilt werden?

Ich würde sagen, dass jede moderne Gesellschaft Heilung nötig hat. Speziell die heutige. Unsere Gesellschaft ist krank. Wir leben in einer pragmatischen, rationalen Gemeinschaft - die "horizontale" Ebene, wie ich sie nenne, ist sehr gut organisiert. Was uns fehlt, ist eine "vertikale" Ebene, eine spirituelle. Wir sind auf Konsum fixiert, aber der kann die Menschen nicht glücklich machen. Nie zuvor waren die Leute so einsam - auch Menschen mit Familie, die nicht mehr genug mit ihren Kindern reden. Ich denke, in dieser Hinsicht hat die 68er-Bewegung Schaden angerichtet. Sie hat die Institution Familie zerstört. Für mich war das eine Generation der Narzissten und Egozentriker.

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Dokument erstellt am 2017-03-17 16:38:06



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