• vom 20.03.2017, 16:07 Uhr

Bühne

Update: 20.03.2017, 16:07 Uhr

Theaterkritik

Regen, Feuer und Blut




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Von Petra Paterno

  • "Die Orestie" am Burgtheater: Ein Frauenensemble rast durch das dürre Stückgerüst. Warum eigentlich?

Beste Idee: Ein Frauenensemble (v.l.: Barbara Petritsch, Aenne Schwarz, Caroline Peters, Sarah Viktoria Frick, Maria Happel, Irina Sulaver) verkörpert den Chor und verhandelt Menschheitsgeschichte.

Beste Idee: Ein Frauenensemble (v.l.: Barbara Petritsch, Aenne Schwarz, Caroline Peters, Sarah Viktoria Frick, Maria Happel, Irina Sulaver) verkörpert den Chor und verhandelt Menschheitsgeschichte.© R. Werner Beste Idee: Ein Frauenensemble (v.l.: Barbara Petritsch, Aenne Schwarz, Caroline Peters, Sarah Viktoria Frick, Maria Happel, Irina Sulaver) verkörpert den Chor und verhandelt Menschheitsgeschichte.© R. Werner

Die Orestie ist eher kein Stück, das man beiläufig auf den Spielplan und die Bühne hievt. Das etwa 500 Jahre vor Christus uraufgeführte Drama zählt zu den ältesten Bühnentexten, mehr noch: Es gilt als einzige vollständig erhaltene Tragödientrilogie der griechischen Antike, als eine Art Ur-Drama unserer Kultur.

Der Dichter Aischylos beruft sich darin auf den Atridenmythos, eine Familiensaga, in der ein blutiger Mord den nächsten nach sich zieht: Väter opfern ihre Töchter (Agamemnon hat Iphigenie auf dem Gewissen, um gen Troja zu ziehen); Ehefrauen schlachten ihre Ehemänner (Klytaimestra rächt sich in "Agamemnon", dem ersten Teil der Trilogie, am siegreich heimkehrenden Agamemnon); schließlich Muttermord (Orest meuchelt Klytaimestra - siehe "Choephoren"). In etlichen Mythen-Versionen verliert Orest danach den Verstand; bei Aischylos hingegen kommt es im dritten Teil ("Eumeniden"), im berühmten Gerichtsakt, zu einem Freispruch.

Information

Theater
Die Orestie
Von Aischylos
Burgtheater
Wh.: 25., 28. März

Damit wird die Blutrache beendet und in die Ordnung des Rechtsstaats überführt. Das Finale - der Sieg der Vernunft über die Gewalt, die Geburt der Demokratie aus dem Geist der Rechtsprechung - ist auch tausende von Jahren später nicht hoch genug einzuschätzen: Der Ablösungsmoment von Alt zu Neu ist Dreh- und Angelpunkt jeder "Orestie"-Interpretation.

Letzte Überlebende

In Antú Romero Nunes "Orestie"-Inszenierung, die nun am Burgtheater zu sehen ist, verpufft der entscheidende Moment, verflüchtig sich sang- und klanglos. Irina Sulaver verkündet als Athene das Ende der Anarchie und Despotie; sie rast dabei durch einen Text von fünf Seiten Länge. Vom Bühnenhimmel herab segeln pastellfarbene Kleider, und der wilde Chor der Frauen - zuvor sahen sie aus wie letzte Überlebende eines indigenen Stammes, das Haar ungebändigt, Springerstiefel, Fetzenkleider, von Kopf bis Fuß weiß geschminkt - schlüpft artig in Frauenkleider, scheint domestiziert (Kostüme: Victoria Behr). Das soll schon alles gewesen sein?

In Interviews sprach der 33-jährige Regisseur davon, dass er gerade in den Rachefurien Repräsentantinnen einer rechten Weltanschauung ausmache, gewissermaßen Vorläuferinnen rechtspopulistischer Gruppierungen, die es durch das unbedingte Erstarken demokratischer Kräfte zu überwinden gelte. Diese nicht unbedingt naheliegende, aber durchaus interessante Interpretation vermochte die Inszenierung beim besten Willen nicht zu vermitteln. Warum dann das ganze Unternehmen? Worauf zielt die Neubearbeitung ab? Nunes bleibt die Antwort auch darauf schuldig.

Mit einer Spieldauer von etwas über zwei Stunden ist die Aufführung vergleichsweise kurz geraten (bei Peter Stein dauerte das Antikenprojekt 1980 noch zehn Stunden, zehn Jahre später zelebrierte Ariane Mnouchkine die Trilogie an drei Abenden). Die abgespeckte Burg-Inszenierung müht sich damit ab, das, was an Handlung überbleibt (die straffe Fassung von Chefdramaturg Klaus Missbach spart ohnehin vieles aus), einigermaßen nachvollziehbar über die weitgehend leere Bühne zu bringen (Bühnenbild: Matthias Koch). Umgesetzt wird das Spiel in der exzellenten Übersetzung Peter Steins, welche die Schwere des Texts nicht leicht, aber doch zugänglich macht.

Regisseur Nunes verzichtet dankenswerterweise auf allzu simple Regieeinfälle, er geht keineswegs effektheischend mit dem Stoff um, erlaubt sich lediglich elementaren Theaterzauber: Regen, Feuer sowie eine die ganze Bühnentiefe durchmessende Blutspur, dazu effektvolle Lichtregie (Licht: Friedrich Rom). Die Aufführung wirkt wie ein Maßnehmen an einem reduzierten szenischen Spiel mit gleichzeitigem Hang zum Deklamatorischen, wie man es bei antiken Darbietungen vermutet. Doch dieser Zugang führt unweigerlich auch zu langatmigen Auftritten.

Die Idee des Abends war die Besetzung mit einem reinen Frauenensemble: Sieben Burg-Schauspielerinnen verkörpern den Chor - das mag als Kommentar zur Theatergeschichte durchgehen: In der Antike spielten bekanntlich ausschließlich Männer, nun verhandeln Frauen die großen Themen der Menschheitsgeschichte.

Homöopathische Dosis

Bei ihren Soloauftritten und Dialogen treten die Akteurinnen aus dem Chorgefüge, sprechen ihre Passagen und kehren in die Formation zurück. Es entsteht ein sinnfälliger Übergang vom Chor-Kollektiv zum Individuum. Unschlagbar: Caroline Peters als Klytaimestra und Maria Happel als Agamemnon. Wie die beiden Großschauspielerinnen einander umgarnen und angiften, gehört zu den raren Momenten von Schauspielkunst an diesem Abend. Der Chor bleibt sonst unter seinen Möglichkeiten (Leitung: Bernd Freytag).

Antike Dramen laden dazu ein, die Gegenwart aus dem Blickwinkel längst vergangener Zeiten neu zu beleuchten. Griechische Tragödien entfalten nach wie vor enorme Aussagekraft und Wucht. In der "Orestie" am Burgtheater bekommt man davon bestenfalls homöopathische Dosen geboten.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-20 16:00:06
Letzte nderung am 2017-03-20 16:07:38



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