• vom 20.03.2017, 15:55 Uhr

Bühne

Update: 20.03.2017, 16:08 Uhr

Theaterkritik

Rülps? Rülps!




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Von Christina Böck

  • Bananenfellatio, kaltes Licht und soziologische Texteindringlinge: "Kasimir und Karoline" im Volkstheater als unsubtile Gagparade.

Immer im Abseits: Rainer Galke als Kasimir.

Immer im Abseits: Rainer Galke als Kasimir.© www.lupispuma.com Immer im Abseits: Rainer Galke als Kasimir.© www.lupispuma.com

Der Zeppelin, dieses Sinnbild von vergänglicher Luxus-Erhabenheit, sorgt für Begeisterung am Oktoberfest in Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline". In Philipp Preuss’ Inszenierung im Volkstheater rennt das ganze Ensemble zusammen und über einen Bildschirm sieht das Publikum auf die winkenden Adabeis im Leuchtschlangen-Karussell hinab. Es ist ein einfallsreiches, in seiner Symbolik schön doppelbödiges Bild, das diesen Theaterabend eröffnet. Der Einfälle sollen noch viele nachfolgen, nicht über jeden wird man sich noch so freuen.

"Kasimir und Karoline" von Ödön von Horvath erzählt das Schicksal zweier Modernisierungsverlierer, wie man sie heute nennen würde. Das Stück spielt am Beginn einer neuen Zeitrechnung für Kasimir: "Der Tag, an dem ich abgebaut wurde." Da zeigt sich, was seine Freundin Karoline verinnerlicht hat: "Zukunft ist eine Beziehungsfrage." Nach einem Streit mit Kasimir lässt sie sich - jeweils auf der gesellschaftlichen Aufstiegsleiter ein Sprießerl weiter nach oben - erst mit dem Zuschneider Schürzinger (Sebastian Klein) und dann mit seinem ehemaligen Chef Rauch ein. Dass sie am Ende auf der Strecke bleiben wird, ist unausweichlich.

Das Jahrmarkttreiben wird auf der Bühne von Ramallah Aubrecht recht minimalistisch, aber optisch eindrucksvoll von einem Kreis, den ein Leuchtschlangen-Vorhang begrenzt, illustriert. Innerhalb dieses Kreises findet - überwacht vom schmierigen Unterwelt-Direktor (Thomas Frank) - das sogenannte Vergnügen statt, von Abnormitäten bis zu käuflichem oder sonst nicht ganz freiwilligem Sex. Dass es immer wieder immer nur um Sex geht, wird in dieser Inszenierung auch dem Ignorantesten klargemacht: Nicht nur werden Bananen - als Eis-Ersatz - lüstern geleckt, auch penetrieren Finger unbarmherzig Achseln - die Nahaufnahme auf der Videowall zeigt es und vieles andere. Diese Videowall überträgt (leider enervierend unsynchron) das Treiben im Inneren der kaltleuchtenden Spaßhölle. Nie in diesen Kreis der "Erleuchteten" tritt Kasimir (Rainer Galke). Der sitzt nämlich praktisch die ganze Aufführung am linken Bühnenrand und schaut trostlos, denn: "Jeder intelligente Mensch muss ein Pessimist sein." Bei aller Metaphorik: Es ist kein gutes Zeichen, wenn man das Gefühl hat, dass eine Titelfigur vergessen wird.

Der Sieg der Drögheit

Galke kann zwar anfangs mit analytischer passiver Aggressivität im Dialog mit Karoline punkten, dann aber wird ihm kaum mehr die Chance dazu gegeben. Umso greller agieren dafür Nebenfiguren wie die Gelegenheitshuren Elli und Maria (Seyneb Saleh, Nadine Quittner), die Überlegungen über die "Gesellschaft des Spektakels" castorfisch durch die Gegend brüllen. Diese Thesen des Philosophen Guy Debord haben Preuss und Dramaturg Roland Koberg in den Horvath-Text - der hier auch noch in verschiedenste Fassungen zerfasert - hineingerammt. Es gibt auch gute Momente: Etwa wenn die beiden Ungustln Speer (Lukas Holzhausen) und Rauch (Michael Abendroth) ihren anzüglichen Text rülpsen, die "Übersetzung" liefern Untertitel. Auch Karolines (Stefanie Reinsperger) brüllendes Bestehen auf ihrer Schüchternheit hat Witz so wie der Diebeszug von dem Merkl Franz (Kaspar Locher), live übertragen aus den Manteltaschen der Garderobe.

Dass am Ende ausgerechnet dem Merkl seine dröge, bis dahin mimikbefreite Erna (Birgit Stöger) ein triumphierendes Junkie-Grinsen aufsetzt, passt: Ein paar Gags, von denen sehr viele nicht nur nicht zünden, sondern veritabel nerven, machen noch keine gelungene Regie. "Ein Volksstück in 974.000 Bildern", so heißt es einmal selbstironisch an diesem Abend. Ein paar oberflächlich-originelle Zugänge weniger und dafür mehr Blick auf das große Ganze hätten der Inszenierung gutgetan.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-20 16:00:09
Letzte nderung am 2017-03-20 16:08:01



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