• vom 20.03.2017, 16:50 Uhr

Bühne

Update: 20.03.2017, 17:00 Uhr

Opernkritik

Die Nacht der rollenden Röcke




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Von Christoph Irrgeher

  • Im Theater an der Wien soll eine Rossini-Rarität punkten. Es gelingt aber nur einzelnen Sängern.

Beengt im Korsett der Staatsräson: Alexandra Deshorties. - © Herwig Prammer

Beengt im Korsett der Staatsräson: Alexandra Deshorties. © Herwig Prammer

Glaubt man dem Programmheft, ist nicht weniger als ein "unbekanntes Schlüsselwerk" zu besichtigen: 1815 hat Gioachino Rossini, der Schnell- und Vielschreiber der italienischen Belcanto-Oper, seine erste Arbeit für das San-Carlo-Theater in Neapel verfasst; "Elisabetta" hieß sie und hatte tatsächlich einige Vorzüge: An die historische Elisabeth I. angelehnt, entwickelt das Stück mit effektvollem Libretto (Giovanni Federico Schmidt) einen Konflikt zwischen Staatsräson und Herzensneigung.

Elisabeth I. ist dem schneidigen Feldherrn Leicester zugetan; der aber hat seine Zeit in Schottland nicht nur für einen Sieg gegen Maria Stuart genützt, sondern auch deren Tochter klammheimlich geheiratet. Dass ihm die Gattin nun verkleidet nach England nachreist, schlägt dem Fass den Boden aus. Die Ehe fliegt auf, der Scharfrichter wetzt das Messer - und Elisabeth gibt grünes Licht. Bis sie im Zuge eines Anschlags feststellt, dass ihr Leicester - zwar nicht in ihrer Eigenschaft als Frau, aber als Königin - sehr ergeben ist.


Diese Doppelrolle ist auf der Bühne unübersehbar. Regisseurin Amélie Niermeyer lässt Elisabeth in kolossale Reifrock-Kleider steigen - Riesenpanzer, die an der Rückseite eine Öffnung besitzen und an der Unterseite kleine Rädchen, die das starre Kostüm bewegbar machen. Steckt Elisabeth in einem dieser Mobilkleider (Kostüme: Kirsten Dephoff), stellt sich bei ihr aber rasch Beklemmung ein - worauf sie den Kokon auch wieder verlässt. Dieses Hin und Her wiederholt sich in den drei Opernstunden erschöpfend oft. Irgendwann versucht sogar ein Herrentrupp, in einen Roll-Reifrock zu steigen. Da weiß man gleich: Diese Männer planen Umstürzlerisches.

Filigrane Beziehungsarbeit
Die dunkle Bühne mit den mobilen Wänden (Alexander Müller-Elmau) ist aber nicht nur ein Austragungsort für Plakatives. Niermeyer hat viel Mühe darauf verwandt, die Beziehung zwischen der Königin und ihrem Feldherrn in kleine Gesten aufzudröseln - Zwiegespräche der Hände und Augen, in denen sich auch so etwas wie Machtkampf verrät. Nur leider: Die Regie vergröbert sich im Laufe der, wie gesagt, drei Stunden, immer mehr zu einem Holzschnitt-Stil.

Der andere Hemmschuh ist die Musik. Stimmt zwar: Mit viel Inbrunst aufgeladen, können die Vokalgirlanden des Gioachino Rossini mitunter wie Leuchtdrähte glühen. Die Formelhaftigkeit aber, mit der diese Notenmaschen gestrickt sind, entzaubert dann auch wieder, ebenfalls die Routine, mit der sich im Orchester die Um-Pa-Pas und 08/15-Kadenzen wiederholen. Zwar hört man, wie sehr sich das Ensemble Matheus im Graben ins Originalklangzeug legt und um eine federnde Drahtigkeit ringt (schon in der Ouvertüre, die Rossini übrigens im "Barbier" wiederverwendet hat); eine Sogwirkung will sich unter Dirigent Jean-Christophe Spinosi (jedenfalls bei der Premiere) nicht einstellen.

So glänzen nur einige Sänger. Einerseits Alexandra Deshorties, die als Elisabeth bald staatsfraulich, bald überraschend natürlich wirkt und eine geläufige Temperamentsstimme ins Treffen führt. Souverän der Sopran von Ilse Eerens, die der Konkurrentin Matilde reiche, runde Klänge verleiht. Norman Reinhardt wiederum gibt den Leicester mit einem etwas beengten, aber sinnlichen Tenor, der Schmelz mit markanten Konsonanten würzt. Und als intriganter Norfolk macht Barry Banks zwar anfangs unsichere Figur vor der Hofgesellschaft (dem spielfreudigen Arnold Schönberg Chor), steigert sich im zweiten Teil aber merklich. Nach dem Schlusston ein scharfer Buhruf - dann begütigender Applaus.

Oper

Elisabetta, regina d’Inghilterra

Von Gioachino Rossini

Theater an der Wien

Weitere Termine bis 28. März




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-20 16:54:07
Letzte nderung am 2017-03-20 17:00:08



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