• vom 07.04.2017, 17:15 Uhr

Bühne


Interview

"Die Wunderwuzzi-Diskussion ist absurd"




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Von Judith Belfkih und Christoph Irrgeher

  • Opernchef Roland Geyer über seine "Ring"-Trilogie, knappe Budgets und das Theater an der Wien nach seinem Abgang 2020.

Schmiedet einen neuen, kürzeren "Ring": Intendant Geyer, hier mit Regisseur Keith Warner.

Schmiedet einen neuen, kürzeren "Ring": Intendant Geyer, hier mit Regisseur Keith Warner.© apa/Hans Punz Schmiedet einen neuen, kürzeren "Ring": Intendant Geyer, hier mit Regisseur Keith Warner.© apa/Hans Punz

Wien. Roland Geyer, seit 2006 Chef des Theaters an der Wien, hat die ehemalige Musicalbühne nicht nur zum neuen Opernhaus der Stadt aufgebaut - sondern zu einer internationalen Marke. Im Sommer 2020 verlässt er das Theater, der Posten ist derzeit ausgeschrieben. Die verbleibenden drei Saisonen hat Geyer weitgehend geplant, das Programm für 2017/18 präsentierte er am Freitag. Die 13 Neuproduktionen liegen großteils in der Hand bekannter Namen wie Keith Warner, Torsten Fischer und Claus Guth. Auch wenn das Theater, das zu den Vereinigten Bühnen Wien (VBW) gehört, kein fixes Ensemble besitzt, scheint sich in den vorigen elf Jahren eine Art Künstlerfamilie gebildet zu haben. Ein Gespräch mit Roland Geyer über knappe Budgets, die Zukunft des Hauses und warum er glaubt, Wagners "Ring" neu erzählen zu müssen.

"Wiener Zeitung":Weichen Sie nächste Saison von Ihrem bewährten Kurs ab? Bisher sorgten Sie mit Raritäten für eine Art Komplementär-Angebot zur Staatsoper, in der nächsten Spielzeit zeigen Sie weitgehend etablierte Meisterwerke.


Roland Geyer:Ja, aber wir zeigen sie anders. Die "Zauberflöte" etwa wird nicht wie im Repertoirebetrieb klingen, sondern auf historischen Instrumenten gespielt werden, dirigiert von René Jacobs. Den "Wozzeck" spielen wir in der Fassung für großes Kammerorchester von Eberhard Kloke.

Was in der nächsten Saison besonders ins Auge sticht, ist Ihr Wagner-Projekt. Warum präsentieren Sie die "Ring"-Tetralogie als Trilogie? Wird das eine Art Potpourri?

Nein. Wir wollen die ganze Geschichte erzählen, aber in einer interessanten anderen Form. Regisseurin Tatjana Gürbaca hatte dafür die Idee. Wir zeigen an allen drei Abenden am Anfang Siegfrieds Tod als stumme Szene, dann wird dieser Mord aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt - am ersten Abend aus der Sicht des Mörders Hagen, am zweiten aus jener des Opfers, am dritten aus der Warte Brünnhildes.

Mit welcher Musik?

Mit Wagners "Ring". Wir stellen ihn neu zusammen, reduzieren dabei von rund 15 auf 9 Stunden Spielzeit. Am ersten Abend taucht neben Hagen auch sein Vater Alberich auf und damit einiges aus dem "Rheingold"; am zweiten Abend spielen wir viel aus dem "Siegfried" und der "Walküre", am dritten endet die Musik mit dem Schluss der "Götterdämmerung".

Wie aber nehmen Sie die "Schnitte" für diese Neukombination vor? Die Musik ist ja in einem dauernden Fluss, Wagner vermeidet Arienschlüsse wie in einer Nummernoper.

Wir spielen ganze Akte aus dem Zyklus; und wenn wir einen harten "Schnitt" vornehmen, versuchen wir ihn für eine Pause zu nützen. Wir brauchen nur wenige musikalische Übergänge, um die Teile zu verbinden: Der Komponist und Arrangeur Anton Safronov hat 30 bis 40 Takte aus Wagners Original adaptiert.

Und wie passt das Wagner-Ensemble in Ihren Orchestergraben?

Bei meinen intensiven Recherchen stieß ich auf die 1905 erstellte reduzierte Fassung von Alfons Abbass, die versucht, den "Ring" mit 62 Musikern genauso klingen zu lassen, wie Wagner ihn komponiert hat. Starke Eingriffe gibt es bei den Bläsern, zum Beispiel bei den Hörnern und bei den Harfen. Wir werden aber auch Wagner-Tuben im Orchestergraben haben.

Für Wagnerianer klingt das nach einem Affront. Rechnen Sie mit Reaktionen?

Ja. Ich mache das aber nicht, um einen Skandal heraufzubeschwören. Ich denke, diese "Ring-Trilogie" bietet eine essenziell neue Sichtweise auf Wagners Meisterwerk.

Essenzielle Qualität hat der "Ring" doch auch in der Originalfassung.

Ja, aber die brauche ich nicht zu spielen. Dafür gibt es die Staatsoper und andere Häuser. In unserer Form wird das eine Art Uraufführung und gewinnt vielleicht eine neue Publikumsschicht, der der gesamte "Ring" zu aufwendig ist.

Den Regisseur Geyer gibt es in der nächsten Saison nicht?

Richtig. Das hat aber nichts mit den Buhrufen für meinen "Macbeth" zu tun. Auch berühmten Kollegen passiert das, sogar am eigenen Haus. Man muss mit so etwas leben können, auch damit, einmal von der Presse zerrissen zu werden. 2020 werde ich noch einmal selbst inszenieren.

Wird es in Ihrer Intendanz wieder eine Sommeroper geben?

Wir müssen die Drehbühne dringend reparieren, das ist auf vier Sommer angelegt, also bis 2020. Außerdem könnte ich mir eine Sommeroper auch finanziell nicht mehr leisten. Seit 2011 muss ich jährlich mit der gleichen Subventionssumme auskommen. Alles wird teurer. Wir haben das Glück, dass wir bei Sängern und Regisseuren eine Gagen-Obergrenze eingezogen haben, die um einiges unterhalb der Staatsoper liegt. Wir schaffen es, dass die Künstler nach wie vor mitmachen. So können wir Dinge finanzieren, die eigentlich unfinanzierbar sind.

Sie kommen 2017/18 ohne Koproduktionen aus. Wie geht es sich aus?

Wir sind sehr erfolgreich darin, Produktionen ins Ausland zu verkaufen. Das ist nicht nur für die internationale Reflexion wichtig. Wir bekommen dadurch 100.000 bis 200.000 Euro an Ausstattungskosten wieder herein. Das macht sich zwar nicht in den laufenden Budgets bemerkbar, aber ein paar Jahre später. Es gibt eine Handvoll Produktionen, die immer wieder unterwegs sind, teilweise auch aus meinen ersten Jahren am Haus.

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Dokument erstellt am 2017-04-07 17:21:05



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