• vom 14.04.2017, 16:25 Uhr

Bühne

Update: 14.04.2017, 16:32 Uhr

Theaterkritik

Alles, was glänzt, sind Fettflecken




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Von Christina Böck

  • Ein Nestroy, den die Regie leben lässt: "Liebesgeschichten und Heiratssachen" im Burgtheater.

Ein ganz ein edles Team: Regina Fritsch als Lucia Distel, Gregor Bloéb als Florian Fett und eine mobile Couch. - © Georg Soulek

Ein ganz ein edles Team: Regina Fritsch als Lucia Distel, Gregor Bloéb als Florian Fett und eine mobile Couch. © Georg Soulek

Es ist nicht einfach mit dem post-postmodernen Nestroy. Steht der böse Vormärzer heute auf dem Spielplan, bangt der gemäßigt innovative Theaterfreund: Wird es wieder eine Botschafts-Brechstange geben? Wird die Modernisierung sich in leidlich provokanten Fäkalismen und Unterwäsche erschöpfen? Und, das Wichtigste: Wird man die stichelnde Sprache des Satirikers überhaupt noch als die seine erkennen?

Für Georg Schmiedleitners Inszenierung von "Liebesgeschichten und Heiratssachen" im Burgtheater kann hierzu getrost Entwarnung gegeben werden. Nestroys Stück über die Ware Liebe, die sich jeder halt so, wie er kann, leistet, ist nicht sein übersichtlichstes. Umso erfreulicher, wie Schmiedleitners kolossales Ensemble dem Verwirrspiel, bei dem man sich normal immer fragt, wer jetzt wieder wen unglücklich liebt, Kurzweiligkeit abtrotzt. Und dem Sprachwitz nachgerade huldigt.

Information

Theater

Liebesgeschichten und Heiratssachen

Burgtheater

Gregor Bloéb spielt den vom Fleischselcherstatus aufgestiegenen Neureichen Florian Fett: Im schimmergoldenen Anzug parliert er genüsslich in Pseudofranzösisch ("Spaß a parté") und wackelt mit der Hüfte, weil er das mondän findet. Er ist so reich, dass er natürlich den neusten heißen Technikscheiß haben muss. Und das ist in seinem Fall ein ferngesteuertes Sofa, das für gerade genug Slapstickeinlagen herhält. So wie er - ein "Anfänger in der Noblesse" - in seiner Sprache (und im Grunzlachen) immer wieder ins Bodenständigere rutscht, verhehlt auch sein Wohnzimmer seine Vergangenheit nicht: Seine Grenzen markiert ein Plastikvorhang, der wahrscheinlich aus dem Schlachthaus übrig ist.

Die Bühne von Volker Hintermeier dreht sich von diesem Salon über den trefflich geschmacklosen Garten mit Leuchtflamingos weiter zum Wirtshaus, in dem Peter Matić als eine Art ausgemergelter Hells-Angel-Pensionist mit rüstiger Rockabilly-Perücke seine Schulden beim Blendermeister Nebel eintreiben will.

Paula Wessely in Simmering

Dieser Nebel hat sein "Ökonomisch Verehelichen für Dummys" verinnerlicht, Markus Meyer gibt ihn als ruhig berechnenden Sarkasten. Seine Couplets trägt er als Sprechgesang vor, live begleitet von den Musikern rund um Komponist Matthias Jakisic, die meistens im Maschendraht-Aussichtsturm des Wirtshauses unter einem großen leuchtendem Herzen sitzen. Dort bringen sie mit verzerrter Heurigenmusik und dramatischem Effektgefiedel weitere Dynamik in die Inszenierung.

Martin Vischer ist als verarmter Buchner, der in die Liebesturbulenzen mit seiner Fanny (Marie-Louise Stockinger) so eingetunkt wird wie ins Marmorplanschbecken, jämmerlich liebenswert. Alfred, der sich unstandesgemäß in Ulrike (bizarr und lieblich: Stefanie Dvorak) verliebt hat, wird von Christoph Radakovits dezent rastlos gegeben.

Dietmar König spielt den echten Adeligen, den Marchese Vincelli (oder, laut Fett: Tschinelli) wie eine menschgewordene hochgezogene Augenbraue. Ungläubig lässt er sich auf Fetts motorisierter Couch kreiseln, mit Ekel liest er einen umgangssprachlich verfassten Brief ("P- Pf- Pfiati ...?") Bloébs und Königs brillanteste Gegenspielerin ist aber Regina Fritsch als Lucia Distel. Von der Kostümabteilung (viel schimmerrosa Lagenlook von Su Bühler) mit riesiger Brille verwöhnt, wirkt sie wie eine aus jener Fraktion der kreischenden Elvis-Fans, die sicher nie als Groupie erwählt werden. Wenn sie spricht, klingt es, als würde eine Simmeringer Hausmeisterin sich in einer Parodie von Vilma Degischer oder Paula Wessely versuchen. Und dabei gelingt es Fritsch auch noch, am Ende der Distel die Anmutung einer zeitgenössischen selbstbewussten Frau zu verleihen.

Es gibt Details für Feinschmecker, etwa wenn man den wahren Luxus des Marchese daran erkennt, dass er jemanden hat, der ihm sogar Rollkoffer trägt. Es gibt auch Einfälle erotischer Art, die Nestroy-Puristen weniger erfreuen mögen, aber sie bleiben im Rahmen. Kein Gag wird zu Tode wiederholt. Das Stück und seine Allgemeingültigkeit werden behutsam und unterhaltsam ins Jetzt geholt, ohne den Text zu ersticken. Schmiedleitner drängt dem Publikum seine Deutung nicht auf, lässt Platz zum Denken. Wenn man will. Wenn nicht, hat man doch viel zu lachen. Auch über ein herrlich absurdes ferngesteuertes Plüschschweindl.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-14 16:30:06
Letzte nderung am 2017-04-14 16:32:45



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