• vom 19.05.2017, 15:45 Uhr

Bühne

Update: 19.05.2017, 16:10 Uhr

Theaterkritik

Massenmord in Pastell




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Von Christina Böck

  • Die "Golden Girls" als Serienkiller: "Arsen und Spitzenhäubchen" in den Wiener Kammerspielen.

Wollen weiter Herren zum ewigen Frieden verhelfen: Marianne Nentwich, Martin Niedermair, Elfriede Schüsseleder. - © Herwig Prammer

Wollen weiter Herren zum ewigen Frieden verhelfen: Marianne Nentwich, Martin Niedermair, Elfriede Schüsseleder. © Herwig Prammer

Dass ältere Damen mitunter mit Vorsicht zu genießen sind, weiß man nicht erst seit Elfriede Blauensteiner. Filmfreunde wissen das schon seit der Komödie "Arsen und Spitzenhäubchen", in der Cary Grant die Leichen im Keller seiner Tantchen findet. Der Film basiert auf einem Theaterstück von Joseph Kesselring, das am Donnerstag in den Kammerspielen Premiere hatte. Fabian Alder inszeniert die ulkige Moritat mit viel Lust an der gemäßigten Groteske und dem Griff in die Kiste mit den optischen Filmzitaten.

Martin Niedermair spielt den Neffen Mortimer, der feststellen muss, dass seine Tanten Martha und Abby eine besondere "Therapie" für ältere, einsame Herren haben. Die behandeln sie nämlich mit Holunderwein, angereichert mit ein wenig Arsen, Strychnin und Cyankali. Holunderwein, weil "Im Tee riecht man es unangenehm". Mortimer ist Theaterkritiker und Niedermair wurde so ausgestattet, wie ein Hipster-Kulturjournalist in Brooklyn heute angeblich so daherkommt: mit Jutetasche, Hornbrille, fettigen Haaren und Flohmarkt-Sakko über dem Band-Fan-Shirt. (Mit dem einzigen Glaubwürdigkeitsmanko, dass so ein Hipster-Kulturjournalist wohl am Donnerstag eher im Hamam der Festwochen gewesen wäre denn bei seinen Tantchen.)

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Arsen und Spitzenhäubchen

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Niedermair ist veritabel hysterisch, was es umso witziger macht, wenn er manchmal zur Untermalung einer bedrohlichen Situation die Stimmlage unbeholfen auf Horrormodus wechselt. Marianne Nentwich und Elfriede Schüsseleder sind die mordenden Tanten, beide spielen sie mit kindlicher Sanftheit. Mit ihren Pastellkleidchen wirken sie erst wie aus einer "Golden-Girls"-Version von "Sieben", später wogen sie in üppigem Trauerornat über die Bühne, das einer Maria Theresia zur Ehre gereicht. Alexander Pschill gibt den zweiten Neffen der beiden, der ja nur auf den ersten Blick der verrückteste von allen ist. Teddy hält sich für Roosevelt, Pschill rast in chaplineskem Slapstick durch die turbulente Rolle, die mit ihren Trompetenstößen auch ein ermattetes Publikum - manche Längen hat dieser Theaterabend - immer wieder zur Ordnung ruft.

Markus Kofler muss die Frankensteinmaske des dritten Neffen tragen, den es elementar in seinem Serienkillerstolz kränkt, dass die Seniorinnen mehr Leichen auf ihrer Tanzkarte eingetragen haben als er. Ljubiša Lupo Grujčić ist sein gequälter Komplize, Dr. Einstein - "nicht der Dr. Einstein". Für gute Laune sorgt der muntere Chaostrupp von der Polizei - einmal rechtschaffen doof (Patrick Seletzky, Oliver Rosskopf), einmal pornocool-ignorant (Alexander Strobele), einmal total neben der Spur (Oliver Huether als Möchtegernkrimiautor). Salka Weber versucht, der antiquierten Rolle der Verlobten von Mortimer ein bisschen handgreiflich-feministische Modernität einzuhauchen. Eine stumme Rolle spielt auch "Nosferatu" von Friedrich Wilhelm Murnau, der als Schatten (von Markus Kofler) sogar Türen zuwerfen und versperren kann.

Alles in allem harmlos-souveräne Unterhaltung, ein würdiges Geschenk zu Marianne Nentwichs 75er. Es war, wie die anschließende Laudatio verriet, ihre 127. Premiere.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-19 15:51:10
Letzte nderung am 2017-05-19 16:10:47



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