• vom 21.05.2017, 14:34 Uhr

Bühne

Update: 21.05.2017, 14:40 Uhr

Slavoj Zizek

Mutig in die Hoffnungslosigkeit




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Von Hans Haider

  • Der slowenische Philosophie-Komet Slavoj Žižek bei den Wiener Festwochen.

Der slowenische Philosoph, Psychoanalytiker und Kulturtheoretiker Slavoj Zizek (Archivbild) hält Hoffnungslosigkeit für unsere größte Chance.

Der slowenische Philosoph, Psychoanalytiker und Kulturtheoretiker Slavoj Zizek (Archivbild) hält Hoffnungslosigkeit für unsere größte Chance.© APAweb / Herbert Neubauer Der slowenische Philosoph, Psychoanalytiker und Kulturtheoretiker Slavoj Zizek (Archivbild) hält Hoffnungslosigkeit für unsere größte Chance.© APAweb / Herbert Neubauer

Wien. Übervoll der Wiener Arbeiterkammersaal, Übertragung ins Theater Akzent nebenan. Der weltreisende slowenische Philosophiekomet Slavoj Žižek landete bei den Festwochen in Wien. Die finanzierten den "NSK-State Pavillon" der Laibacher Aktionsgruppe "Neue Slowenische Kunst" am Rand der Biennale in Venedig mit. "NSK", Laibachs Kunst-Underground, als Schockband "Laibach" unüberhörbar, beschleunigte ebenso wie prominente Dichter, Gewerkschaftsjugend und Katholische Kirche Sloweniens Staatswerdung 1991. Ihr 1992 gegründeter NSK-Kunststaat führte, konsequent oppositionell, die Idee des neuen Nationalstaats ad absurdum und gibt, auch in Wien, an Flüchtlinge Kunstpässe aus.

2015 war Žižek zuletzt in Wien zu Gast mit der Freud-Vorlesung im Burgtheater und am Institut für die Wissenschaften vom Menschen. Diesmal wirbt der "christliche Atheist, hegelianische Philosoph, lacansche Psychoanalytiker und kommunistisch politische Theoretiker" (NSK-Visitenkarte) für den Sammelband "The Final Countdown: Europe, Refugees and the Left". Österreichs derzeit gefragtester Philosophie-Internationaler Robert Pfaller, Professor an der Linzer Kunstuni, schrieb im Buch mit und sitzt in der ersten Reihe.

Information

The Courage of Hopelessness
Von und mit Slavoj Žižek
AK Wien Bildungszentrum

Ohne Schuld kein Vergnügen

Žižek, Jahrgang 1949, Halbbart, T-Shirt, fünfmal pro Minute sich an die erigierte Nase greifend, ist für sein Drauflosreden und seine Witze bekannt, ja geliebt. Mit Selbstbezichtigungen bremst er den rhetorischen Furor: "Ich entschuldige mich, dass ich da obszön bin",oder "das ist ganz teuflisch, was ich jetzt sage"; zum Beispiel den Kalauer aus dem deutschen Wahlkampf 1983 Helmut Kohl gegen Jochen Vogel: "Lieber gevögelt als verkohlt." Er sagt auch: Ohne Schuld kein Vergnügen.

Wenig strukturiert, in immer neue Assoziationen ausschweifend: Dem Charismatiker im Unterschichtenlook ist schwer zu folgen, obwohl er einfaches Englisch spricht. Er beginnt mit dem Unterschied von Bürgerrecht und Menschenrecht: Flüchtlingen wird das eine zugestanden, das andere nicht, sie seien, mit Berufung auf den Linguisten Jean-Claude Milner, degradiert zu "sprechenden Körpern". Vom "Öffnen unserer Herzen für Flüchtlinge" hält er nichts. "Wir brauchen präzise politische Maßnahmen." Er will sie nicht als "unser neues Proletariat" idealisiert wissen. Das habe mehr Rechte und Chancen. Eine von ihren Helfern angestrebte übergeordnete homogene Lebensweise gibt es nicht. Universalismus bleibt eine Bruderschaft verschiedener Lebensweisen. Flüchtlinge sollen ihren Way of Life behalten – ihre sexuellen Bräuche, den Genuss, wie man lacht und liebt, ihre hierarchische Ordnung, auch die arrangierten Zigeunerhochzeiten. Israel ahnde aus Klugheit keine Ehrenmorde in den besetzten Palästinensergebieten; so wie auch die britischen Kolonialherrn Indiens Kastenwesen nicht anrührten.

"The Courage of Hopelessness" heißt sein neuestes Buch, am 10. Mai in London erschienen, mit dem Untertitel "Chronicles of a Year of Acting Dangerously". Diese Gefährdungschronik streift er nur am Rand: Donald Trump vor und nach den Wahlen, das Versagen der US-Demokraten und die Wahlschlacht in Frankreich. Europa glaube, Macron sei ein unabhängiger Außenseiter, der sei aber "absolutes Establishment" und verkörpere "die Politik, die Le Pen produziert hat". Die Verteidiger des europäischen Erbes der Aufklärung nennt er eine "Gefahr für Europa", Le Pen eine "Protofaschistin".

Durch den Nullpunkt der Hoffnungslosigkeit

Weiter im Gedankenstenogramm: Mut zur Hoffnungslosigkeit bedeutet, dass man falsche Lösungen erkennt. Durch den Nullpunkt der Hoffnungslosigkeit schreiten! Man muss diese Nullphase durchlaufen, dass es keinen Gott gibt. Um wirklich gut sein zu können, darf man nicht an eine Macht glauben, die uns lenkt. Die Liebe ist einzigartig, egal ob die ganze Welt zerfällt. Der Kapitalismus verändert sich in etwas, das wir nicht wissen. In fünfzig Jahren drohen ein totales ökologisches Desaster und eine neue Klassengesellschaft. Alle guten Filme über den Holocaust seien Komödien.

Nach seiner Meinung zur österreichischen Politik gefragt, fiel dem Professor in New York und London nur ein, dass "Kurz" im Slowenischen ein ordinäres Dialektwort für "Schwanz" ist und Kreisky ein großer Außenpolitiker war. Anschmeißerisch auch sein Schlusswort: "Ich hoffe auf eine Renaissance von Wien. Ihr werdet die Stadt! Paris, London, New York sind verloren."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-05-21 14:36:15
Letzte nderung am 2017-05-21 14:40:12



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