• vom 10.06.2017, 10:52 Uhr

Bühne

Update: 11.06.2017, 10:00 Uhr

Wiener Festwochen

Der Schlepper wird gekreuzigt




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Von Hans Haider

  • Wiener Festwochen auf Spurensuche im Volkstheater: "Traiskirchen. Das Musical"

- © Alexi Pelekanos / Volkstheater

© Alexi Pelekanos / Volkstheater

Ein Blinder mit Stock tappt auf die Bühne. Ein Mensch wie ein Koffer rollt herein. Vater, Mutter, Baby erinnern an die Hl. Familie auf der Flucht nach Ägypten. Eine Schwangere. Ein Zitterer. 43 Mitspieler rücken ins Bühnenlicht, fügen sich zum Ensemble "Die Schweigende Mehrheit". Sie entwickeln aus dem eigenen Typ Komik. Doppelt gemoppelt der Schwarze Moussa Thiaw als uniformierter Wächter: ein Schlawiner mit breitem Wiener Dialekt, den nicht kratzt, wenn er Flüchtlinge in der Hitze Schlange stehen lässt. Er könnte ein Publikumsliebling werden. Und ist doch in "Traiskirchen. Das Musical" als Angestellter der Schweizer Lagerbetreiberfirma ORS ein Leuteschinder.

Traiskirchen im Sommer 2015: Während der Fluchtwelle aus Ungarn kletterte der "Belagstand" im Erstaufnahmezentrum auf 4.740. Er sank inzwischen auf 500 bis 700. Die Stadt Wien schloss dieser Tage ihr letztes Notaufnahmelager. Das "Problem" liefert keine Bilder mehr von Verzweifelten hinter Zäunen. Es verkroch sich in Amtsstuben, Zahlstellen, über Stadt und Land verstreute Billigquartiere und ist Instrument im permanenten Wahlkampf. Auf die Bühne kehrt der Zaun als Metapher für Flüchtlingselend zurück.

Information

Die Schweigende Mehrheit: Traiskirchen. Das Musical, Uraufführung im Rahmen der Wiener Festwochen im Volkstheater, Arthur-Schnitzler-Platz 1, 1070 Wien
Weitere Termine am 15. und 17. Juni im Volkstheater, 21. Juni im Stadttheater Wiener Neustadt, 2. Juli bei den Festspielen Stockerau

Im Buch "Brennpunkt Traiskirchen", im April 2017 erschienen, spielte Franz Schabhüttl, Lagerchef 2015, die Kritik am menschenunwürdigen Chaos zurück zu Politik und den NGOs. In ihrem Musical zwirbeln Tina Leisch und Bernhard Dechant strukturelle Missstände sonder Zahl zu schmerzenden Satiren hoch. Aber auch Politik und Helferorganisationen. Traiskirchens Bürgermeister (SPÖ), auf einer Sänfte hereingetragen, und die damalige Innenministerin Mikl-Leitner (ÖVP) bekommen ihr Fett ab, auch die FPÖ als trutzige Bewahrerin von "Heimat" sowie bürgerliche "Gutmenschen", die in Abendrobe Highheels spenden ("Der Stöckelschuh ist der Burka des Westens") oder den Mann im Flüchtling kirremachen.

Tina Leisch ist Mitbegründerin der Interventionstruppe VolxTheater und als Polittheater-Aktivistin eine Wiener Institution. Mit dem Schauspieler Bernd Dechant organisierte sie 2015 eine Mahnwache für eine humanere Flüchtlingspolitik vor der Staatsoper. Die Wiener Festwochen taten ihnen die große Bühne auf. Ein Jahr lang konnten sie mit Profis, Semiprofis und Laien aus 19 verschiedenen Ländern proben. Ein Beschäftigungsprogramm, das gewiss viel Not linderte.  Unterstützung kam aus der harten Wort-und-Musik-Szene – von der Linzer Hip-Hop-Band Texta, Bauchklang, Eva Janitschitsch, Richard Schuberth. Witziger werden "Gutmenschen" nie verhöhnt als im Song "Rettet die Wale".

Stellt sich ein Fremdländischer als Herr Mochezu Mochema Chezuka Yokha vor, überfordert er jeden Beamten. Ein Einheimischer lässt den Satz fallen, es gehe darum, das politische Theater neu zu erfinden. Zu spät! Die offene burleske Form bediente schon vor 100 Jahren der Rotavantgardist  Wladimir Majakowski. Heute verführt sie zum raschen Wechsel von Trist und Heiter, Dokument und Phantasma, Aggression und Elendskitsch, Kalauer und Politansage. Leisch und Dechant – der als Sandler verkleidet den Ablauf mit Wiener Schmäh kommentiert – dachten das Problem Traiskirchen redlich durch und erfanden Sketches und Bilder für christliche Nächstenliebe, Erwartungsdruck, islamischen Predigerhass, Wagenburgtrotz der Sesshaften. Ein Schlepper wird gekreuzigt. Ein Waffenhändler gebärdet sich linkisch als Gott.

Die Missstands-Revue dreht sich zu lange im Kreis. Erst nach zweieinhalb Stunden die Schlussnummer: ein Zukunftsblick auf "Neutraiskirchen", ein österreichisches Lager in Nordafrika. "Die Flüchtlingsfrage ist ja nicht das Problem", schreiben Leisch/Dechant im Programmheft, "sondern nur das Symptom eines viel tieferliegenden Problems, und das ist der Kapitalismus in seiner ultrabrutalen neoliberalen Form." Sie erwarten sich zu viel von ihrer Kunstcamouflage. Der slowenische Denkstar Slavoj Žižek warnte bei den Festwochen Europas Linke vor der Hoffnung, die Flüchtlingsströme fügten sich zu einem revoltebereiten "Neuen Proletariat".





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-10 10:41:36
Letzte nderung am 2017-06-11 10:00:14



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