• vom 18.06.2017, 07:30 Uhr

Bühne


Interview

"Ein Tritt in den Hintern"




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Von Petra Paterno

  • Jan Fabre über seine Nahtoderfahrungen und Schlaflosigkeit, die neue Rechte und die Zukunft Europas.



Kaum ein Künstler polarisiert und provoziert so stark wie Jan Fabre. In seinem Überwältigungstheater setzt sich der Allroundkünstler gern mit mythischen Fragen und großen Themen auseinander.

Das diesjährige ImpulsTanzfestival widmet dem 58-Jährigen einen besonderen Schwerpunkt: die Ausstellung "Stigmata" (ab 6. Juli im Leopold Museum), eine Soloperformance des Künstlers am 13. Juli sowie die Uraufführung von "Belgian Rules/Belgium Rules" im Volkstheater (18., 20., 21. Juli).


"Wiener Zeitung":Ihre Soloperformance trägt den Titel "I am a mistake". Trifft er zu?

Jan Fabre: Ich empfinde mich als fehlerhaft, weil ich meine eigenen Wege gehe, oft nicht in diese Welt passe, mich hier fremd fühle. Dazu kommt, dass ich ziemlich arrogant und stur sein kann.

Gesamtkunstwerk Jan Fabre: Links: Selbstporträt des Künstlers aus 1980, das Bild "Ilad of the Bic Art (self-portrait)" ist im Rahmen der Ausstellung "Stigmata" im Leopold Museum zu sehen.

Gesamtkunstwerk Jan Fabre: Links: Selbstporträt des Künstlers aus 1980, das Bild "Ilad of the Bic Art (self-portrait)" ist im Rahmen der Ausstellung "Stigmata" im Leopold Museum zu sehen. Gesamtkunstwerk Jan Fabre: Links: Selbstporträt des Künstlers aus 1980, das Bild "Ilad of the Bic Art (self-portrait)" ist im Rahmen der Ausstellung "Stigmata" im Leopold Museum zu sehen.

Kennen Sie Lampenfieber?

Ich mache meine Arbeit seit Ende der 1970er Jahre und ich bin jedes Mal aufgeregt. Jede Performance findet nur ein einziges Mal statt. Dabei gehe ich häufig an körperliche und psychische Grenzen. Bei einem meiner letzten Auftritte versuchte ich, einen Geschwindigkeitsrekord von Eddy Merckx zu überbieten.

Das belgische Radsport-Idol schaffte 1972 in Mexiko 49,432 Kilometer in einer Stunde. Das ist Ihnen im Lyoner Velodrom im Herbst 2016 gelungen?



Natürlich nicht. Es ging um die Schönheit des Scheiterns. Das dürfte mir eher gelungen sein. Ich war danach vollkommen erledigt.

Jüngst veröffentlichten Sie Ihre Tagebücher. Darin ist zu lesen, dass Sie mit 18 der Meinung waren, dazu verdammt zu sein, ein Genie zu werden. Wie muss man sich den jungen Jan vorstellen?

Er war nervig und arrogant, aber auch jemand mit Visionen und Leidenschaften, letzten Endes fragil und verletzlich. Wenn ich ihm heute begegnen würde, würde ich ihm vermutlich einen Tritt in den Hintern gegeben.

Warum?

Als junger Künstler ist man auf sich konzentriert, jeder andere wird als potenzieller Feind wahrgenommen. Ich hatte Glück und begegnete wunderbaren Menschen. Das hat mich verändert, ich wurde weniger selbstbezogen, viel empathischer. Was wäre der Mensch, ohne die Fähigkeit, andere zu respektieren und zu lieben?

Damals fielen Sie nach schweren Unfällen zwei Mal ins Koma. Wie fühlt es sich an, aus der Bewusstlosigkeit zu erwachen?

Jeder einzelne Atemzug wird gigantisch, jede kleinste Bewegung erschütternd. Diese existenziellen Erlebnisse haben mich tief geprägt und meine gesamte künstlerische Arbeit geradezu kontaminiert. Alles, was ich tue, hängt irgendwie mit dem besagten Zustand zusammen. Der Gedanke an den Tod führt einen unweigerlich dahin, intensiver zu leben, das Leben mehr zu respektieren. Gerade in einer Gesellschaft, die das Sterben so verdrängt wie unsere, feiere ich in meiner Arbeit den Tod - aus Respekt vor dem Leben.

Sie sind berühmt-berüchtigt für Ihre ausufernden Theaterabende. Als Zuschauer erlebt man die Erschöpfung der Performer auf der Bühne gewissermaßen selbst mit.

Es geht darum, etwas zu erleben und durch zu leben -, es geht um die Katharsis. Seit Ende der 1970er Jahre versuche ich, Performances in den Theaterkontext zu integrieren: In den Aufführungen verbinde ich das Authentische einer Performance mit der Künstlichkeit des Theaters. Aus der Reibung der unterschiedlichen Bühnensprachen entwickelte ich in den vergangenen 40 Jahren eine eigene künstlerische Sprache.

Beim Wiener ImpulsTanzfestival werden Sie Workshops geben. Was kann man von Ihnen lernen?

Zunächst bringen wir den Teilnehmern bei, körperliche Abläufe zu verstehen. Wir tendieren dazu, Gefühle nur von außen zu betrachten - man weint oder lacht. Emotionen sind jedoch vor allem physiologische Prozesse. Was macht das Herz? Wie geht es der Leber? Der Niere? Im Lauf der Jahre haben wir dazu Übungsserien und Anleitungen entwickelt.

Das klingt sehr wissenschaftlich.

Das ist es auch. Wir arbeiten seit fünf Jahren mit der Antwerpener Universität zusammen, um den Körper in Spiel und Aktion zu vermessen. 2018 wird ein Buch mit Übungen samt wissenschaftlichen Erklärungen erscheinen.

Sie pflegen ein enormes Arbeitspensum. Wann schlafen Sie eigentlich?

Letzte Nacht habe ich zwei Stunden geschlafen. Ich schlafe generell nicht viel, das ist genetisch bedingt.

Wie entspannen Sie dann?

Wenn ich schreibe und zeichne, entspannen sich Körper und Geist. Das ist für mich Droge und Beruhigungsmittel zugleich.

Zuletzt gastierten Sie in Wien mit dem umjubelten 24-stündigen Theatermarathon "Mount Olympus". Hat Sie der Erfolg überrascht?

Total. In Wien setzte es 42 Minuten Standing Ovations! Es war überwältigend. Wir haben "Mount Olympus" sechs Jahre lang vorbereitet, zwölf Monate intensiv geprobt, kurz vor der Premiere sagte ich zu meiner Truppe: "Wenn am Ende noch 50 Leute im Zuschauerraum sein werden, bin ich glücklich." Ich denke ja jedes Mal, dass das, was ich gerade mache, niemandem gefallen wird.

Jetzt kokettieren Sie, oder?

Nein. Weil es der beste Weg für einen Künstler ist. Als Künstler muss dein Werk absolute Notwendigkeit haben. Dabei darfst du nicht an den Erfolg oder die öffentliche Meinung denken.

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Dokument erstellt am 2017-06-16 15:56:12



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