• vom 19.06.2017, 16:34 Uhr

Bühne

Update: 19.06.2017, 16:45 Uhr

Theaterkritik

Wurm tot, aber glücklich




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Von Hans Haider

  • "Battlefield", ein Stück Hindu-Mythos von Peter Brook bei den Festwochen.

- © Caroline Moreau

© Caroline Moreau

Nur vier Darsteller und kaum Aktion auf der größten Festwochen-Bühne in der Hofreithalle im Museumsquartier. Für viele Gäste eine Enttäuschung. So wenig großes internationales Theater wie heuer fand sich noch nie im Programm. Peter Brook: die letzte Chance. Doch der englische Großmeister in Paris wollte nicht mehr das "Mahabharata" nacherzählen wie 1985 in Avignon neun und 1990 im Film sechs Stunden lang.

Aus seinem multiethnischen Théâtre des Bouffes du Nord schickte er "Battlefield", ein mit Weisheit durchtränktes Alterswerk von nur 75 Minuten, in englischer Sprache auf Welttournee. Kein Schnelldurchlauf-Digest der 100.000 Doppelverse, sondern nur winzige Episoden, darunter auch komische, in einem Kammerspiel. Brook, heuer 92, zog mit seiner langjährigen Mitarbeiterin Marie-Hélène Estienne aus dem Ursprungs- und Legitimationsepos des Hinduismus Destillate - über Wahrhaftigkeit, Pflichterfüllung, Weltflucht, die Macht der Zeit und des Schicksals, den hoffnungsvollen Tod in den Wäldern und den vorherbestimmten auf dem Schlachtfeld. Zum Gebot für einen Königssohn verkürzt heißt das: Du musst entweder im Krieg sterben oder dich in die Einsamkeit zurückziehen und Buße tun. Sonst droht die Zerstörung der Welt.

Information

Theater

Battlefield

von Peter Brook und Marie-Hélène Estienne

MQ, Halle E

Blutige Verwicklungen

Der mythische Königssohn Yudhishthira (Jared McNeill) ist zwischen der Pflicht zu regieren und einem kontemplativen Leben hin und her gerissen.

Am Anfang stellt er sich als siegreicher Überlebender der Schlacht zu Kurukshetra vor. Sein blinder Oheim Dhritarashtra verlor dort seine hundert Söhne. Von Karna, den Yudhishthira erschlug, offenbart seine Mutter Kunti, dass auch der ihr Sohn war. Also Brudermord. Verwicklungen wie in den Heldensagen der Griechen.

Peter Brooks reichert mit Rekursen auf das alte europäische Theater seinen meisterlich klaren Grundton an - auf Botenberichte aus Schlachten bei Aischylos, auf grausige Gefechtsfeldbesichtigungen in Shakespeares Königsdramen. Die tragischen Klassiker sind Brooks lebenslanger Kompass. Sean O’Callaghan, mit einem umwerfend irischen Quadratschädel, tappt als König Dhritarashtra wie der geblendete König Lear mit dem Blindenstock ins Spielgeviert. Bis auf ein paar Bambusstäbe und ein blutrotes Tuch ist es leer.

Jetzt gemahnt das Rot noch an die Schlachtwunden, bald ist es ein Königsmantel, bald der Schleier, hinter dem sich Carole Karemera als Flussmutter Ganga den Irdischen entrückt. Am Rande des Black Kube sitzt Toshi Tsuchitori an einer afrikanischen Djembé-Trommel. Der Japaner schuf schon die Musik für den "Mahabharata"-Film. "Battlefield" wird mit seinem minutenlangen Effektsolo ausklingen. Ohne Katastrophe oder Happy End, eher wie eine letzte Lektion.

Die moralischen Botschaften sind in Episoden gegossen. Etwa jene vom Wurm, der sich auf einer Straße panisch vor einem sich nähernden Karren in Sicherheit bringen will. Göttlicher Zuspruch nimmt ihm die Angst, erhebt ihn zur Gleichmut. Trotzdem wird er überfahren. Für manchen ein Anlass zu befreiendem Lachen. Ein Stilbruch jedoch die Lazzi-Szene, in der ein Schauspieler Tücher dem Erstbesten im Saal zuwirft, der damit einen Armen beschenken will.

Nicht wenige Sentenzen erinnern an den biblischen Ratgebungsgestus in Büchern wie Weisheit, Sprüche, Kohelet. Stirbt Yudhishthiras solche Lehren verkündender Großvater Bhishma, eingehüllt in einen goldgelben Mantel, zuckt über Ery Nzarambamits Gesicht für einen Augenblick ein Leuchten wie ein göttlicher Funke. Mehr von solchem Zauber in diesem statischen Ansage-Theater hätte sich das Publikum wohl gewünscht.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-19 16:38:06
Letzte nderung am 2017-06-19 16:45:19



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