• vom 19.06.2017, 17:30 Uhr

Bühne

Update: 19.06.2017, 17:41 Uhr

Opernpremiere

Frühlingsgefühle im Bunker




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Von Christoph Irrgeher

  • Premiere für "Pelléas et Mélisande" an der Staatsoper: eine respektable Regie mit prächtigem Klangbild.

Bruderzwist: Golaud (Keenlyside, 2. v. l.) herrscht Mélisande an (Bezsmertna, Mitte); links hinten sinniert Pelléas (Eröd.) - © apa/Techt

Bruderzwist: Golaud (Keenlyside, 2. v. l.) herrscht Mélisande an (Bezsmertna, Mitte); links hinten sinniert Pelléas (Eröd.) © apa/Techt

Zumindest einmal macht sich das Leben in seiner profanen Form bemerkbar. Kleines Hoppala am Sonntag an der Wiener Staatsoper: Der Szene-Vorhang verweigert seinen Dienst. Regisseur Marco Arturo Marelli verwendet für seine Premiere keinen gewöhnlichen aus rotem Stoff, sondern aus mehreren Flächen: Die drei Einzelvorhänge öffnen sich in verschiedene Richtungen, dadurch entsteht der Eindruck eines sich weitenden Fensters. Nur einmal, da klappt es eben nicht bei einem Szenenwechsel von "Pelléas et Mélisande": Irgendetwas unterbricht die gleitende Bewegung, die Blenden bleiben stecken und verkrümmen sich traurig vor der Szene. Abbruch! Dirigent Alain Altinoglu verkündet eine kurze Unterbrechung. Aufmunternder Applaus aus dem Saal.

Bestimmt unbestimmt

Information

Oper

Pelléas et Mélisande

Wiener Staatsoper

Wh.: 20, 24., 27., 30. Juni

Eine irritierende Pause - nicht nur darum, weil Claude Debussys Musik als stetig schillernder Klangfluss dahinströmt. Das Malheur war auch aus anderem Grund ein herber Kontrast. "Pelléas et Mélisande", 1902 uraufgeführt, ist ein Stück Musiktheater-Elfenbein aus weltferner, abgehobener Poesie. Die Oper beruht zwar auf einem typischen Schema: Der Königsenkel Golaud findet im Wald eine einsame Frau und heiratet diese Mélisande; die ist aber deutlich mehr an seinem Halbbruder Pelléas interessiert, was letztlich zu einem Eifersuchtsmord führt.

Debussy und der Dramatiker Maurice Maeterlinck begeisterten sich aber nicht dafür, aus dieser Handlung fesselndes Kapital zu schlagen: Hier sollen nicht Taten überwältigen, sondern Mysterien bezirzen. Mélisande, die anfangs wie eine geschändete Nymphe an einem Waldbrunnen liegt - was geschah ihr, wer ist sie? Warum fällt Golaud genau dann vom Pferd, wenn sie ihren Ehering in einen Brunnen wirft? Weshalb ist es im Schloss von Allemonde und seinen Parks so düster, wie Mélisande klagt? Kein Mensch weiß es. "Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam", sagt der Symbolist Maeterlinck. Gestalten, die über das Licht sinnieren, über eine verborgene Rose oder Mélisandes meterlanges Haar: Das sind die Stimulanzien dieses Rätselspiels. Sie weisen mit Bestimmtheit ins Unbestimmte.

Wie im Hause Usher

Wie konkretisiert man so etwas, ohne in einem Wald- und Weiherkitsch zu landen? Marco Arturo Marelli, Regisseur und Ausstatter von bereits zehn Premieren am Haus, hat einen passablen Weg gefunden. Er zeigt das Königreich Allemonde als einen dunklen Bunker. Schiefe Betonblöcke mit schattigen Durchgängen umsäumen den Bau - dem Untergang geweiht wie Edgar Allen Poes Haus Usher. Ein Bote der Schönheit ist hier allein Wasser. Es füllt einen Pool auf der Bühne, es lässt Lichtreflexe an der Decke tanzen und bietet genug Manövrierraum für ein kleines Boot. Darin sitzt Mélisande wie eine Art Rätselnixe. Auch eine dringend benötigte Frischzellenkur ist sie hier. In Marellis Regie ist nicht nur König Arkel mit Krankheit geschlagen. Golaud unternimmt, bevor er seine Braut findet, einen halbherzigen Selbstmordversuch; Yniold, sein Sohn aus erster Ehe, will sich mit Glasscherben aus der Welt schaffen. Mit Mélisande scheint eine Art Heilkraut gegen die Lebensmüdigkeit gefunden. Weshalb Golaud umso wütender wird, als ihm dieses rätselhafte Rapunzel-Wesen entgleitet.

Die Dunkelheit kann einerseits als Aktivposten des Abends gelten: Sie stattet die Figuren, die ihren Tätigkeiten im Rahmen einer soliden Personenführung nachgehen, mit einem Motiv aus. Andererseits: Über zweieinhalb Opernstunden gebreitet, sorgt diese Schattenwelt auch für eine gewisse Abstumpfung - und sie widerspricht dem Libretto, das sowohl Licht als auch Schatten kennt. Zudem ereignen sich in diesem Königreich manche Plattitüden. Eine Liebesszene etwa, die an die "König der Welt"-Pose aus dem Film "Titanic" erinnert. Zuletzt darf die tote (?) Mélisande mit dem Kahn in einen Postkarten-Sonnenuntergang schaukeln.

Elastische Millimeterarbeit

Die Musik leuchtet dafür durchgehend. Keine leichte Aufgabe: Debussy hat "Pelléas" nicht als Melodienreigen konzipiert, sondern als Abfolge von Stimmungsbildern. Denkbar unakademisch, schöpfen sie ihren Reiz unter anderem aus Ganzton-Reihen, vor allem aber aus hauchzarten Klangmalereien.

Wer diese Musik zur Wirkung bringen will, braucht einen feinen Pinsel - aber nicht nur: Diese tönenden Gemälde wollen mit naturhafter Energie angebahnt und wieder hinter sich gelassen werden. Alain Altinoglu gelingt dies mit dem Staatsopernorchester souverän: Insbesondere die hohen Holzbläser und die Geigen leisten elastische Millimeterarbeit. Aus der Darstellerriege, der Debussy fast nur sprachmelodische Gesänge übertragen hat, ragt Adrian Eröd hervor: Sein hoher, kristallklarer Bariton ist prädestiniert für die Rolle des Pelléas und füllt diese mit feinnerviger Intensität. Simon Keenlyside legt den Golaud markig-maskulin an, erweist sich dabei aber mitunter in der Tiefe als defizitär. Olga Bezsmertna wiederum lässt einen herrlichen Sopran strömen, hat jedoch etwas zu viel Erdendramatik in der Stimme für das Feenwesen Mélisande. Profunde Töne liefern Bernarda Fink (Geneviève), Maria Nazarova (Yniold) und Franz-Josef Selig, der als greiser König Arkel auch über lyrische Noten gebietet. Letztlich ungetrübte Zustimmung, wenngleich der "Pelléas" wohl auch in seinem vierten Wiener Anlauf eine Rarität bleiben wird.





Schlagwörter

Opernpremiere, Staatsoper

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-19 17:35:09
Letzte nderung am 2017-06-19 17:41:04



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