• vom 05.07.2017, 12:34 Uhr

Bühne

Update: 05.07.2017, 12:52 Uhr

Kritik

Hotel Europa außer Saison




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Von Hans Haider

  • "Zur schönen Aussicht" von Horváth als Arenaspiel in Reichenau.

Johanna Prost und David Oberkogler

Johanna Prost und David Oberkogler© Foto: Dimo Dimov, Festspiele Reichenau Johanna Prost und David Oberkogler© Foto: Dimo Dimov, Festspiele Reichenau

Laut und brutal wie der Überfall einer Motorradgang beginnt in der Reichenauer Bühnenarena Ödön von Horváths "Zur schönen Aussicht". So heißt das heruntergekommene Hotel im Alpenland, wo außer Saison nur ein abgetakelter Offizier und Filmbonvivant als bankrotter Besitzer, eine nymphomane Baronin, die ihn finanziert, deren Chauffeur (und mehr) sowie ein zum barfüßigen Kellner und Hausdiener verschlampter graphischer Künstler hausen.

Der bärtige Motorist Karl stürzt in Lederkluft mit einer Schnapsflasche in der Hand zur Tür herein und tritt das dort dösende Faktotum Max vom Sofa. Wo der Dichter Handgreiflichkeiten vorschreibt, inszeniert sie Michael Gampe dreimal so grob. Hausherr Strasser brüllt nicht nur, er zieht auch einen Revolver. Christine, die merkwürdige Heilige, ein frühes unter den Horváthschen bedauernswerten Fräuleins, wird gar wie zur Vergewaltigung auf eine Tischplatte fixiert, bis sie in Ohnmacht fällt. Zuviel expressives Schreitheater mit zu viel Hin-und-her-Gerenne für das als Gaunerkomödie getarnte Untergangspasticcio. Es müsste sich ruhig wie im Uhrtakt und kühl wie in einem Terrarium zum erschreckenden Sinnbild des alten Europa nach dem politischen und moralischen Kollaps des Ersten Weltkriegs fügen – gerät aber aus der Bahn.

Information

Zur schönen Aussicht
Von Ödon von Horváth
Michael Gampe (Regie)
Mit Peter Matic, Therese Affolter, Thomas Kamper u. a.
Festspiele Reichenau

"Zur schönen Aussicht" gilt als Horváths komplexestes und schwierigstes Stück. Das sich, so sein Meisterinterpret, der Schweizer Dramaturg Herbert Gamper, "nur höchst bruchstückweise umsetzen lässt". In einer Raumbühne, mit Tribünen rundum, fehlt auch der genau vorgezeichnete optische Rahmen. Sessel, Tisch, samtrotes Rundsofa, Vogelbauer als Deckenleuchten: zu wenig für Horváths Armseligkeitskulisse. Die mit Mehrfachbedeutungen aufgeladenen Wörter in spitzen Sätzen – nicht im Schnitzler-Kammerton, den viele Stammgäste erwarten! – verlangen nach Exaktheit im Ablauf. Der Dichter komponierte auch Pausen, "Stille". Der vorprogrammierte Gewitterdonner kommt. Nicht aber der Ton der Mitternachtsglocke. Fällt einmal das Wort "Spiritismus", lässt Gampe einen kitschigen "Kyrie"-Gesang anstimmen.

Als "schöne Aussicht" in die Zukunft fürchtete Horváth den sich auch in Murnau, wo er 1926 siedelte, formierenden Nazifaschismus. Thomas Kamper verkörpert dieses "Neue Deutschland" in beklemmend trostloser Disziplin schon im Moment seines ersten Erscheinens als Schuldeneintreiber und Betrüger. Dieser selten zu sehende, doch immer hervorragende Ausnahmetyp und der selbstironisch-noble Peter Matic als abgebrannter Baron retten über viele Peinlichkeiten hinweg. Künstler, meint Horváth, bewahren Menschlichkeit. Als Kellner verströmt sie Nicolaus Hagg zunehmend mehr, zuletzt mit Dackelblick. Therese Affolter übertreibt schrill die Ektasen einer gealterten Dame, die mit Geld über ihre Stiere regiert. Erst wenn sie die weißblonde Perücke ablegt und leise spricht, erkennt man sie wieder als Grundton einer großen Burgtheater-Ära. Der unauffällige David Oberkogler: wie von einer Vampirin ausgesaugt. Ein Hoteldirektor? Eher Leiter einer Aufbauschule. Philipp Stix als Fahrer: ein plattgestylter B-Movie-Gangster.

Alibihaft ist hoch an einer Wand, wo sie nur die Hälfte des Publikums sehen kann, eine Schullandkarte vom Kontinent aufgehängt. Horváths Europa-Diagnose: Kollaps aller Werte, auch der religiösen, herbeigeführt im Gründerzeitkapitalismus, der das Wettrüsten beschleunigt und des Menschen Sein auf seine Habe reduziert. Eines der Opfer dieses Niedergangs ist Christine, vor einem Jahr in diesem Hotel geschwängert und nun auf dem Weg zum Kindesvater. Ausgerechnet der Baron, Bruder (und mehr) der Männerverschlingerin, schlägt ein grausames Spiel – "Theater auf dem Theater" – zur Abwehr von Alimenteforderungen vor: Jeder der fünf Männer behauptet mit vollem Körpereinsatz, er sei mit Christine intim geworden. Sie entledigt sich ihrer Peiniger, als sie offenbart, über 100.000 (sic!) Mark zu verfügen. Sofort ist sie umworben, doch hat sie ihre Lektion gelernt und gelehrt und reist ab. Die berührend unsentimentale Johanna Prosl wirkt wie aus einer anderen Welt, wenn sie ihre Schlussbotschaft deponiert, zugleich Klage und Trost: "Es gibt einen lieben Gott, aber auf den ist kein Verlass. Man müsste den lieben Gott besser organisieren."





Schlagwörter

Kritik, Festspiele Reichenau

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-05 12:35:35
Letzte nderung am 2017-07-05 12:52:04



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