• vom 09.07.2017, 10:09 Uhr

Bühne

Update: 14.09.2017, 15:24 Uhr

Kritik

Das Liebesleben der Paradiesvögel




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Von Christoph Irrgeher

  • Gediegene Bilder mit einem Schuss Ironie: "Der Vogelhändler" bei den Seefestspielen Mörbisch.

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Das galt am Freitag auch für jene Autos, die Richtung Mörbisch rollten. Wer erst kurz vor Spielbeginn eintraf, fand keine Lücke mehr in der gewaltigen Parkplatz-Betonwüste am Festspielgelände. Leider: Da musste man seinen Wagen eben am Rand der Zufahrtsstraße abstellen; die so entstandene Blechschlange maß mehrere Hundert Meter.

Für das Festival, in den Vorjahren mit stagnierenden Zahlen konfrontiert, freilich kein übles Omen: Sollte sich der Ansturm an den Folgeabenden fortsetzen, klingt die Fünf-Jahres-Intendanz von Dagmar Schellenberger mit einem Auslastungs-Happyend aus (2018 übernimmt dann Peter Edelmann). Am Premierenabend spickte auch einige Polit-Prominenz das Publikum: Kulturminister Thomas Drozda war mit Bildungskollegin Sonja Hammerschmid zugegen, Landeshauptmann Hans Niessl mit Kulturlandesrat Helmut Bieler, FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache mit seiner neuen Brille und Ursula Stenzel. Wobei diese Visiten wohl auch im Zeichen des Wahlkampfs standen.

Vogelhändler mit Zirkus

Der Stücktitel half sicher, die Reihen weiter hinten zu füllen: Hatte Mörbisch im Vorjahr eine Rarität erprobt ("Viktoria und ihr Husar"), setzt es mit Carl Zellers "Vogelhändler" heuer wieder auf eine Zugnummer. Die entwickelt auf dem gewaltigen Freiluft-Gelände dann auch Charme und Tempo. Axel Köhler (Regie) und Frank Philipp Schlößmann (Bühne) mischen altmodische Schauwerte mit Ironie, ohne dabei gravierende Widersprüche zu erzeugen. Im Zentrum prangt eine gigantische Kuckucksuhr, links und rechts umfassen riesige Bilderrahmen bauschige Wolkenbilder. Hübsche Idee: Ein Trupp Jäger eilt anfangs herbei und knallt ein gemaltes Wildschwein aus einem Gemälde. Die Kostüme (Armella Müller von Blon) bescheren weitgehend klassische Ansichten: Es erscheint ein Baron mit Dreispitz und Schnauzer (um für seinen Kurfürsten eine "Ehren-Jungfrau" zu suchen). Es lamentiert ein verkrachter Barock-Adeliger (um sich schon bald als Fürst auszugeben und Liebeswirren zu stiften). Und es grüßt der Tiroler Titelheld mit großem Trara: Vogelhändler Adam zieht als eine Art Zirkus-Impresario mit allerlei Trachtenträgern und Gauklern ein; nicht zu vergessen mit einem Schwarm gefederter Frauen: Diese Paradiesvögel flattern als sein Besitz um ihn herum. Politisch korrekt? Im Gegenzug befehligt die resche Christel von der Post immerhin einen Schlag Taubenkostümträger als Mitarbeiter. Die tanzen ein wenig tölpelhaft, leisten aber Wesentliches für die Mörbischer Riesenbühne – indem sie diese mit Spektakel befüllen.

Ironie verfliegt, Gesang überzeugt

Das gelingt dann auch bis zur Pause stimmig. Danach erlahmen die kreative Energie und der Elan aber leider ein wenig. Zwar sehen die Wasserstrahl-Choreografien, zwischen die Akte eingeschleust, deutlich imposanter aus als in den Vorjahren (und stellen die Tanzszenen damit fast in den Schatten). Die Bilder aber wiederholen sich, die Rokoko-Kleider funkeln zunehmend Ironie-befreit, und der Chor erstarrt streckenweise zum Standbild. Das Ende: gepflegte Operetten-Konvention.

Der Vorzug der zweiten Hälfte aber: Die kompakte Leistung der Sängerschaft nach einem etwas durchwachsenen Beginn. Es charmierte Paul Schweinester als kerniger, des Tirolerischen mächtiger Vogelhändler, es punktet Sieglinde Feldhofer mit einem frischen Christel-Sopran, während Horst Lamnek einen schneidigen Baron-Bariton hören ließ und Philipp Kapeller einen wohligen Tenor als Hallodri Stanislaus. Applaus auch für die beiden Edeldamen Marie (nach schrillem Beginn angenehm gemildert: Cornelia Zink) und Adelaide (Schellenberger) sowie für das Festival Orchester Mörbisch unter der beschwingten Leitung von Gerrit Prießnitz.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-09 10:11:30
Letzte nderung am 2017-09-14 15:24:55



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