• vom 20.07.2017, 13:51 Uhr

Bühne

Update: 20.07.2017, 13:59 Uhr

Bregenzer Festspiele

Ein Popstar namens Oper




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Von Judith Belfkih

  • Feurige Show im Regen: Die Bregenzer "Carmen" ist klanglich und vor allem optisch raffiniert opulent.

Luftig und vielseitig: Es Devlins Bühne beherbergt auch kommenden Sommer buntes, effektvolles Musiktheater. - © Bregenzer Festspiele/Karl Foster

Luftig und vielseitig: Es Devlins Bühne beherbergt auch kommenden Sommer buntes, effektvolles Musiktheater. © Bregenzer Festspiele/Karl Foster

Wenn in den Kegeln der Scheinwerfer nicht abertausende Insekten tanzen, sondern Wassertropfen; wenn der Klang des Orchesters durchwoben ist vom feinen, aber steten Prasseln und Knistern der Regenperlen auf raschelnden Pelerinen jeglicher Form und Farbe. Wenn grelle Blitze und das ebensolche Blinken der Sturmwarnung das Geschehen ebenso zusätzlich dramatisieren wie mächtiges Donnergrollen. Auch dann ist Sommertheater.

Vielleicht war es bei der Premiere von Bizets "Carmen" bei den Bregenzer Festspielen am Mittwoch auch (unfreiwillige) Solidarität mit den Darstellern, die zum Teil im und unter Wasser agieren: Die Gewitterfront machte auch vor der Seebühne nicht halt. Die 7000 Besucher ließen sich nicht beirren und wurden mit einer spektakulären Show und immerhin 40 niederschlagsfreien finalen Minuten inklusive Feuerwerk belohnt.

Information

Oper
Carmen
Paolo Carignani (Dirigat), Kasper Holten (Regie), Es Devlin (Bühne)
Bregenzer Seebühne
Termine bis 20. August sowie bei den Festspielen 2018

High-Tech mit Patina

Im Zentrum steht in Bregenz auch diesen Sommer die Bühne. Schon vor der Premiere waren die beiden aus dem See ragenden tätowierten Frauenhände mit dem nicht mehr ganz taufrischen roten Nagellack und der lässigen ewig glimmenden Zigarette, die einen Stoß Karten in die Luft werfen, ein beliebtes Fotomotiv bei Touristen. Tabakfabrik ergo Zigarette, Zigeunerinnen ergo Karten, Leidenschaft ergo roter Nagellack - die Assoziationen der Produktion wandern an der Grenze von schlicht-logisch und schlicht-banal. Doch das Setting von Bühnendesignerin Es Devlin funktioniert. Es ist abstrakt und konkret zugleich, die Karten sind beweglich, können zu betanzten Wasserflächen abgesenkt, erklettert, beleuchtet und in Brand gesetzt werden. Vor allem mit den Projektionen - jede Karte wird dabei raffiniert einzeln mit Bildern bespielt - gelingt es der Produktion, eindrucksvolle Stimmungen zu schaffen und die Geschichte optisch zu kommentieren. Dabei treffen High-Tech auf Nostalgie - mit historischen Postkartensujets aus Sevilla, Stierkampfmotive mit Patina sowie alten Spielkarten.

Die Videos (Luke Halls) und Kostüme (Anja Vang Kragh) fügen sich da harmonisch ein: Leicht auffrisierte und polierte Klischees wohin das Auge reicht, vom roten, tief dekolletierten Fetzenkleid der Titelheldin über schneidige Uniformen der Soldaten bis zu einer Meute aus Zigeunerinnen und Seeräubern. Knallige Farben, effektvolle Lichtspielereien - man merkt, dass Devlin Freilufterfahrung hat und auch schon Popstars wie U2 oder Take That mit einer Showbühne ausgestattet hat. Sie weiß, wie man Stimmungen erzeugt und sie gekonnt verändert, denkt in großen Dimensionen und weiß, was auf der gigantischen Bühne funktioniert.

Für die Ausgestaltung der Charaktere und das Erzählen der Geschichte blieb da in der Regie von Kasper Holten nicht mehr viel Energie übrig. Die Handlung wird nicht zwingend aus den Figuren heraus entwickelt, sie ist einfach da. Dramaturgisch ist die Zweistundenfassung sehr knapp gehalten. Das Warum ist nicht so wichtig. The show must go on. Zwar gelingen Holten in der riesigen Bühne immer wieder intime Szenen. Letztlich bleibt diese "Carmen" jedoch mehr raffinierte, lebendige und reibungsfreie Bühnenshow als eine feine Operninszenierung mit Ecken und Kanten. Das geht nur in Bregenz trotzdem gut aus.

Dafür darf der See gebührend mitspielen, Schauplatz einer eindrucksvollen Wasserchoreografie sein, als nasser Fluchtweg dienen und mit Booten befahren werden. Schließlich ist er auch die Waffe, die Carmen tötet: Don José ertränkt sie im Finale.

Fulminante Opernshow

Klanglich geht es in Bregenz mehr um die Arbeit der Klangdesigner als um die Interpretation der Musiker, zumindest beim Orchester. Dirigent Paolo Carignani liefert mit den Wiener Symphonikern die solide Basis für den schlüssigen Breitband-Sound, der die Bregenzer Arena auch trotz Regenprasselns imposant und sehr plastisch erfüllt. Die räumliche Zuordnung der Sänger hat schon besser funktioniert, was auch dem Plätschern zuzuschreiben sein mag. Prototypisch sind auch die Solisten ausgewählt. Gaëlle Arquez ist optisch wie stimmlich mit ihrem vollen und flexiblen Mezzo eine ideale, wenn auch nicht sehr tiefgründige Carmen, Daniel Johansson mit seinem schneidigen Tenor ein kraftvoll leidender José. Der Escamillo von Scott Hendricks ist holprig, die Micaela von Elena Tsallagova nicht die lyrischste.

Eine Produktion, die zeigt, dass Klischees nicht negativ sein müssen - wenn sie gut umgesetzt sind. Und ein Abend, der vor allem eines ist: ehrlich. Denn diese "Carmen" bietet nicht mehr oder weniger, als sie verspricht: eine fulminante Opernshow.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-07-20 13:57:06
Letzte Änderung am 2017-07-20 13:59:42



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