• vom 03.08.2017, 16:05 Uhr

Bühne


Oper

Im Hinterhof der Menschlichkeit




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Von Judith Belfkih

  • Mariss Jansons gibt mit Schostakowitsch sein umjubeltes Salzburg-Debüt. Andreas Kriegenburg inszeniert stimmig konventionell.

Gewalt als letzte Lebendigkeit: Nina Stemme als solitäre Katerina, Dmitry Ulyanov als autoritärer Boris.

Gewalt als letzte Lebendigkeit: Nina Stemme als solitäre Katerina, Dmitry Ulyanov als autoritärer Boris.© Salzburger Festspiele /Thomas Aurin Gewalt als letzte Lebendigkeit: Nina Stemme als solitäre Katerina, Dmitry Ulyanov als autoritärer Boris.© Salzburger Festspiele /Thomas Aurin

Im grauen Hinterhof der Trostlosigkeit regiert der Trieb. An Würde oder Perspektive ist den Menschen hier alles genommen. Was ihnen geblieben ist, sind die Mechanismen der Unterdrückung, die Gesetze der Gewalt und der animalischen Instinkte. Die Strukturen in diesem trist-lüsternen Soziotop sind so marode wie die bröckelnde schale Beton-Fassade. Wer hier die Oberhand hat, ist eine Frage der wechselnden Umstände und der Gewaltbereitschaft.

Es ist ein vage gestriges Nirgendwo, beinahe ein Gemeinplatz der industrialisierten Hoffnungslosigkeit, den Andreas Kriegenburg und Bühnenbildner Harald B. Thor im Großen Festspielhaus entstehen haben lassen. Diese soziale Endstation erweist sich als grausamer Nährboden für die ungeschminkte Gewalt und die bittere Groteske, die Dmitri Schostakowitsch in seiner anfangs populären, später verbotenen Oper "Lady Macbeth von Mzensk" komponiert hat. Es ist dieser geniale musikalische Grenzgang zwischen dem größtmöglichen Realismus der Grausamkeiten und dem satirisch beißenden Humor, der die Premiere der Produktion am Mittwoch dominierte. Dieser feine Balanceakt zwischen Drama und Farce gelang dem wohl prominentesten Debütanten dieses Festspielsommers: Mariss Jansons, der hier seine erste Opernproduktion realisierte. Es erwies sich als überfällig.


Dass Jansons hier eine seiner Lieblingsopern realisieren konnte, merkt man an der Akribie der Produktion. Jansons hat nicht nur eine eigene, den Intentionen der verschollenen Urfassung von 1932 nachspürende Fassung erarbeitet, er zeigte sich in Salzburg weniger als Interpret der Oper als vielmehr als deren leidenschaftlicher und kluger Fürsprecher. Jeden Winkel der Partitur scheint er dabei in oft berückender kammermusikalischer Klarheit auszuleuchten, wandert traumwandlerisch sicher und mühelos zwischen solistischen Momenten und der ganzen Klangmacht und -gewalt der großen Besetzung.

Seine Lesart ist auch dank der ihm in jede Nuance folgenden Wiener Philharmoniker fein gegliedert, verliert trotz aller Expression nie die Balance, verfügt über pulsierende, ja drängende Dringlichkeit und dennoch tiefe Zärtlichkeit. Dabei folgt Jansons Schostakowitsch in seine unmittelbare klangliche Schilderung menschlicher Abgründen und Regungen - vom Aufschrei über das Röcheln und Hecheln bis zum sexuellen Akt. Die klangliche Plastizität und die dabei gewahrte höchste Klangkultur sind beeindruckend.

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Dokument erstellt am 2017-08-03 16:09:09



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