• vom 09.08.2017, 16:31 Uhr

Bühne

Update: 10.08.2017, 08:58 Uhr

Opernkritik

Unter Mörderpuppen




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Von Christoph Irrgeher

  • Salzburger Festspiele: Alban Bergs "Wozzeck" als Vorspiel zum Ersten Weltkrieg.

Mord im Wald der Kohlezeichnung: Wozzeck (Matthias Goerne) hat Marie (Asmik Grigorian) erstochen.

Mord im Wald der Kohlezeichnung: Wozzeck (Matthias Goerne) hat Marie (Asmik Grigorian) erstochen.© apa/Neumayr/Leo Mord im Wald der Kohlezeichnung: Wozzeck (Matthias Goerne) hat Marie (Asmik Grigorian) erstochen.© apa/Neumayr/Leo

Es gehört zu den Eigenschaften eines Meisterwerks, dass es mitunter auch andere Kunst zum Leuchten bringt - jedenfalls, wenn diese Kunst nicht dem gleichen Genre angehört. Nehmen wir Oliver Stones Film "Natural Born Killers" als Beispiel: ein Blutbad, schrecklich effektüberladen und gewaltverliebt. Und doch gibt es da diese Mordszene, die unter die Haut geht - weil sie mit einem vertrackt-düsteren Orchesterstück unterlegt ist: der Zwischenaktmusik aus dem dritten Aufzug von Alban Bergs "Wozzeck". Klänge von 1921, die über den Rand der Tonalität hinausdrängen, in ihrer Wucht so überwältigend, dass sie mitgelieferte Bilder aufladen - ob nun im Opernhaus oder im Kino.

William Kentridge, gefeierter Künstler aus Johannesburg, hat den "Wozzeck" nun bei den Salzburger Festspielen inszeniert. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass er seine Kernidee genau an das Ende dieses Zwischenspiels stellt: Während das Orchester rumort und gefühltermaßen auf den Weltuntergang zusteuert, detoniert auf der Bühnen-Leinwand eine Bombe. Und siehe da: Der Erste Weltkrieg hat begonnen. Spätestens jetzt ist klar, wieso die vollgeräumte Bühne im Haus für Mozart mit so viele Gasmasken-Trägern bevölkert ist (Kostüme: Greta Goiris). Und warum sich so viele Kriegsbilder in jene Kohle-Zeichnungen mischen, die Kentridge mehr oder minder unausgesetzt projizieren lässt.

Information

Oper

Wozzeck

Salzburg, Haus für Mozart

Weitere Termine bis 27. August

Maschinenmenschen

Aber noch einmal: ein Wozzeck 1914? Das riecht nach Regie-Willkür. Die Oper ist zwar wenig später entstanden, die Vorlage aber, Georg Büchners lose Szenenfolge "Woyzeck", schon im Jahr 1836, und sie gipfelt nicht in einem Weltenbrand, sondern im Tod des Protagonisten, dieses geschundenen Vertreters der "armen Leut".

Dennoch hat Kentridges Idee etwas für sich. Berg steckte der Weltkrieg beim Komponieren wohl noch in den Knochen. Nicht nur, dass sein Werk nur so wimmelt vor Soldaten und Militär-Vernarrten. Wenn man so will, sind hier zwei gegenläufige Kräfte am Werk: eine irrationale Angst vor der Welt und ein militärischer Drill, der den Einzelnen zum Funktionieren zwingt - aber entmenschlicht. Kentridge, der Zeichner, Animationsfilmer, Puppentheatermann, illustriert diese Entmenschlichung. In Trickfilmen lässt er zahnradbetriebene Soldaten in Richtung Apokalypse marschieren. Auch die zwei wichtigsten Wozzeck-Peiniger, Doktor und Hauptmann, wirken nicht so sehr wie Wesen aus Fleisch und Blut denn wie Horrorfiguren. Vor allem der Doktor: Seine Praxis ist - witzige Bühnenbild-Idee von Sabine Theunissen - in einen Wandschrank gepfercht, der Arzt eine Zerrspiegel-Gestalt vom Typ Spaghetti-Sultan. Gewiss, das ist holzschnittartig. Aber so hat Büchner die Figuren geschnitzt.

Nun hat dieser Opernabend zwar Atmosphäre und Konzept - aber handwerklich ein Problem. Kentridge, so scheint’s, versteht Opernregie als Ausweitung seiner Kunstzone, als ein Konzert düsterer Projektionen, Kurzfilme und skulpturaler Chor-Gesten. Elementare Theatertechniken wie die Personenführung spielen da aber leider nur die zweite Geige. So bleibt die Bühne vor allem eine Riesen-Leinwand für Kentridges Kunst. Die arbeitet zwar inhaltlich klug, aber am eigentlichen Genre vorbei.

Überragende Marie

Matthias Goerne bietet als Wozzeck Erfahrung und Klangkultur: Sein satter Butter-Bariton erlaubt auch dort noch Differenzierung, wo andere brüllen, ist zu einer ganzen Typologie der Ausbrüche fähig, vom brutalen über den überraschten bis zum poetischen. Freilich, am Ende muss auch er der mörderische Rohling sein, leitet dies aber mit Flüstertönen ein, die einem das Blut gefrieren lassen. Asmik Grigorian gibt eine Marie auf Augenhöhe: Den Spagat zwischen Sprechgesang und Koloratur-Akrobatik meistert sie nicht nur athletisch, sondern als ein Mirakel an Ausdruckskraft. Gerhard Siegel (Hauptmann) und Jens Larsen (Doktor) lassen in Extremlage Wünsche offen, zeichnen aber grelle Albtraumfiguren; Mauro Peter (Andres) bietet lyrische Töne, John Daszak (Tambourmajor) leider allzu dünne.

Und die Wiener Philharmoniker? Überraschen. Statt Berg bei seinen Mahler-Wurzeln zu packen, zeichnen sie unter Dirigent Vladimir Jurowski ein kristallines Klangbild. Das bringt einen zwar um das Vergnügen ätherischer Streicher, aber in den Genuss unerhörter Details und einer rhythmischen Präzision, die der Tragödie bisweilen mehr Vorschub leistet als Kentridges Opern-Atelier. Letztlich einhelliger Beifall, vor allem für Goerne und Grigorian.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-09 16:36:09
Letzte nderung am 2017-08-10 08:58:53



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