• vom 11.08.2017, 16:13 Uhr

Bühne

Update: 11.08.2017, 16:50 Uhr

Interview

"Es ist tough"




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Von Petra Paterno

  • Die griechische Filmregisseurin Athina Rachel Tsangari über ihr Theater-Debüt bei den Salzburger Festspielen.

"Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass es in ,Lulu‘ primär um Erotik gehe. Alles dreht sich um Macht", sagt Tsangari.

"Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass es in ,Lulu‘ primär um Erotik gehe. Alles dreht sich um Macht", sagt Tsangari.© Jasmin Walter "Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass es in ,Lulu‘ primär um Erotik gehe. Alles dreht sich um Macht", sagt Tsangari.© Jasmin Walter

"Wiener Zeitung": Lulu ist wohl eine der rätselhaftesten Bühnenfiguren: Sie ist Heilige und Hure, Femme fatale und Unschuldslamm, die Lulu-Forschung füllt ganze Bibliotheksreihen. Wer ist Lulu?

Athina Rachel Tsangari: Das weiß ich auch nicht. Niemand weiß das. Wedekind lässt es nicht zu, dass Lulu sich im Stück offenbart. Sie bleibt rätselhaft - und wir werden das Rätsel noch vervielfachen. Bei uns gibt es drei Lulus auf der Bühne. Die Multiplikation soll die männliche Fantasie untergraben: Es ist schwerer, drei Frauen als Objekt der Begierde zu betrachten, als eine. Zu dritt können die Schauspielerinnen auf der Bühne eine ganz andere Kraft entfalten, auch das szenische Repertoire vervielfältigt sich: Die Schauspielerinnen changieren zwischen Protagonistin und Chor. Wie im antiken Drama können sie als chorische Formation das Geschehen kommentieren. Verglichen mit anderen großen Frauenrollen des Weltdramas erscheint mir Lulu besonders modern. Ihre Identität ändert sich im Lauf des Stückes fortwährend. In meiner Inszenierung taucht sie als ein dreiköpfiges animalisches Wesen auf.

Information

Athina Rachel Tsangari, 51, kommt aus Athen, studierte in New York Performance und in Austin Texas Film. In Richard Linklaters Filmen "Slacker" und "Before Midnight" wirkte sie als Schauspielerin mit. Als Filmregisseurin sorgte vor allem ihr zweiter Langfilm "Attenberg" (2010) international für Furore. 2015 wurde ihr Film "Chevalier" auf dem London Film Festival ausgezeichnet. Tsangari leitet die Filmproduktionsgesellschaft Haos Films. Wedekinds "Lulu" ist ihre erste Theaterarbeit.
http://haosfilm.com



Sie bringen die Urfassung von 1894 auf die Bühne. Wie ist Ihr Zugang zum Text?

Ich sehe das Stück als Tragikomödie über menschliche Abgründe. Es erinnert mich an eine Screwball-Comedy: Es gibt scharfe Ping-Pong-Dialoge voll schwarzem Humor. Das Stück handelt von Macht, den Kampf der Geschlechter und Klassen. Wedekind hält einer sich verändernden Gesellschaft einen Spiegel vor. Ohne dass der Begriff Emanzipation ein einziges Mal fällt, thematisiert das Stück neue Formen von Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Unsere Zeit befindet sich wie das Fin de Siècle in einer Übergangsphase. Mich interessiert, wie sich das Stück in den gegenwärtigen Diskurs einfügt.

Karl Kraus bezeichnete Lulu als "Allzerstörerin", weil sie von allen zerstört wurde. Wie beurteilen Sie die Sexualität in "Lulu"?

Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass es in "Lulu" primär um Erotik gehe. Vielmehr dreht sich alles um Macht. Es bleibt ja auch offen, ob Lulu jemals etwas für einen ihrer Männer empfunden hat, dasselbe gilt für die Männer. Die Männerfiguren sind genauso wie Lulu Archetypen. Die einzige Bühnenfigur, die wirklich liebt und bereit ist, sich für einen anderen aufzuopfern, ist Gräfin Geschwitz.

Sie sind Filmregisseurin, "Lulu" ist Ihre erste Theaterarbeit. Wie empfinden Sie den Genrewechsel?

Es ist tough. Es ist eine Erfahrung, die mich als Regisseurin verändert.

Inwiefern?

Wie läuft eine Theaterprobe normalerweise ab? Wie geht das mit der Bühnentechnik und dem Bühnenbild? Die ganzen Abläufe waren neu für mich. Oder die Sprache: Ich beherrsche Deutsch nicht fließend, die Arbeitssprache ist Englisch. Dann der Cast: Üblicherweise arbeite ich mit Schauspielern, die ich kenne, hier mussten wir erst miteinander vertraut werden. Beim Film kann man als Regisseur alles kontrollieren und manipulieren - angefangen von der Kameralinse über Wiederholungen bis hin zu Schnitt und Nachbearbeitung. Wie bringe ich das, was ich sonst mithilfe eines Schnitts, einer bestimmten Aufnahme oder Kamerafahrt erzählen würde, auf die Theaterbühne? Im Grunde ist es wie ein einziger Take, der zwei bis drei Stunden dauert. Eine grandiose Herausforderung.

Verwenden Sie filmische Elemente in Ihrer Inszenierung?

Nein, vielleicht weil ich sonst ausschließlich mit Film arbeite, habe ich mich entschlossen, bis auf eine kurze Sequenz darauf zu verzichten.

Wie beurteilen Sie die Situation für Künstler in Griechenland?

Es ist hart, vor allem für Filmemacher. Es gibt kaum staatliche Förderungen, unserer Filmproduktionsgesellschaft Haos Films fehlt es hinten und vorne an Mitteln. Und die Regierung tut das ihre, um Künstlern das Leben unnötig schwer zu machen. Als freischaffender Künstler zahlt man beispielsweise dieselben Steuern wie ein Millionär. Die Lage ist ernst. Der ökonomische Druck verändert die Gesellschaft, man bemerkt vielerorts einen konservativen Backlash. Aber es gibt auch, vor allem unter jungen Künstlern, einen ganz starken Drang, die Gesellschaft zu verbessern, an Griechenlands Zukunft mitzuwirken, damit das Land seine Souveränität zurückgewinnt. Das macht mir Hoffnung.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-11 16:18:05
Letzte nderung am 2017-08-11 16:50:25



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