• vom 18.08.2017, 16:47 Uhr

Bühne

Update: 18.08.2017, 17:43 Uhr

Theaterkritik

Die Überdosis Sex




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Petra Paterno

  • Eine ambitionierte "Lulu" versandet auf der Perner-Insel in Hallein in Harmlosigkeit.

Lulu im Sturm der Gender-Debatte: Die dreifache Lulu Ariane Labed, Isolda Dychauk und Anna Drexler bedrängt Christian Friedel als Alwa.

Lulu im Sturm der Gender-Debatte: Die dreifache Lulu Ariane Labed, Isolda Dychauk und Anna Drexler bedrängt Christian Friedel als Alwa.© Monika Rittershaus Lulu im Sturm der Gender-Debatte: Die dreifache Lulu Ariane Labed, Isolda Dychauk und Anna Drexler bedrängt Christian Friedel als Alwa.© Monika Rittershaus

Plastikkugeln. Riesige Plastikkugeln. Die gewaltige Bühne der Perner-Insel in Hallein ist voll mit Kugeln im XL-Format. Am Beginn der Aufführung schweben sie zur Bühnendecke, geben eine leere, tiefschwarze Bühne frei (Bühnenbild: Florian Lösche). Tiergeräusche sind zu hören, man wähnt sich in einem Zoo. Von hinten kriecht eine eigentümliche Kreatur zur Bühnenrampe, wie ein Käfer krabbelt sie auf sechs Beinen nach vorne. Lulus erster Auftritt: animalisches Wesen, Monster mit drei Köpfen, unheilige Dreifaltigkeit. Die Schauspielerinnen Anna Drexler, Isolde Dychauk und Ariane Labed verkörpern Lulu. Wortlos stehen die drei schließlich an der Rampe, zusammengezwungen durch ein Kostüm, das sie zu einem Unikum mit drei Köpfen und sechs Beinen macht. Während die Männer sich das Maul über sie zerreißen.

Prinzip Projektion

Information

Lulu

Von Frank Wedekind

Athina Rachel Tsangari (Regie)

Perner Insel Hallein

Wh.: bis 28. August

Regisseurin Athina Rachel Tsangari hat einen starken Anfang gefunden, eine Vision für Lulu, eine der geheimnisvollsten Bühnenfiguren der Dramenliteratur. Frank Wedekinds gleichnamiges Stück löste 1894 einen Sturm der Entrüstung aus. Die Zensur sperrte sich gegen eine Aufführung, der Autor überarbeitete den Stoff mehrfach, milderte, glättete. Für die Zeitgenossen war Lulu eine Überdosis Sex. Als männerverschlingende Zerstörerin wildert sie durch den Text, wird von der Gosse in die feine Gesellschaft gespült, verjubelt als Witwe und Mörderin ihr Vermögen, landet auf dem Strich, wird im Londoner-Exil von einem Lustmörder erstochen.

Lulu passt nun wirklich nicht in das typische Rollenmuster Tochter, Ehefrau, Mutter, sie ist so etwas wie die Inkarnation einer Männerfantasie, allzeit bereit zum Koitus. Es wundert daher nicht, dass sie häufig als Femme fatale dargestellt wurde, als Angstlust-Fantasie - wie Louise Brooks in der Regie von G. W. Pabst, 1929. Erst die feministische Lesart ließ eine andere Deutung zu: Lulu wurde nicht mehr als entfesseltes Urweib, sondern als Urgestalt des Prinzips Projektion betrachtet.

Lulu als Konstrukt patriarchal-normierter Rollen: Ehefrau, Muse, Dirne. Die Männer verkörpern geradezu archetypische Haltungen, ihr Umgang mit Lulu ist geprägt von Besitzanspruch, Bevormundung, Eifersucht. Peter Zadek, 2009 verstorben, setzte sich bei der Uraufführung der Urfassung im Jahr 1988 (!) mit dieser Sichtweise auseinander: Seine "Lulu"-Interpretation wurde mit Susanne Lothar in der Titelrolle legendär.

Überhitzter Gender-Diskurs

Was vermag Lulu indes über gegenwärtige Kampfzonen der Geschlechter auszusagen? Wirkt ihr Mythos im überhitzten Gender-Diskurs des dritten Jahrtausends nicht bereits ein wenig antiquiert? Man merkt der Salzburger Inszenierung an, dass sich Tsangari diese Fragen stellt. Die 51-jährige griechische Regisseurin ist eigentlich Filmemacherin ("Attenberg", 2010), "Lulu" ist ihre erste Theaterarbeit. Mit der Mehrfachbesetzung hinterfragt sie Lulu grundlegend als Projektionsfläche. Mitunter gelingen dabei auch packende szenische Bilder: Unter der Fuchtel ihres ersten Ehemanns, dem ältlichen Dr. Goll (Rainer Bock), staksen die drei Lulus wie ferngesteuerte Roboter über die Bühne. Als gelangweilte Muse stecken sie jeweils in einem aufblasbaren Ball, der Künstler (Maik Solbach) rollt sie nach Belieben hin und her, benutzt sie als Zorbing-Ball-Installation. Über den jungen Alwa Schöning (Christian Friedel) machen sie sich gleichzeitig her, begrapschen und bedrängen ihn. Etwas banal gerät jedoch ein Walzer mit drei verhängnisvollen Liebschaften: Eine Lulu-Darstellerin tanzt mit Casti-Piani, der sie verkaufen und verraten will, eine andere mit Rodrigo, der von ihr Geld erpressen will, die dritte walzt mit der Gräfin Geschwitz (überragend: Fritzi Haberlandt), die erbarmungswürdig-hoffnungslos in Lulu verliebt ist. Der simple Eins-zwei-drei-Wechselschritt wird der Komplexität der Figurenverknotungen keineswegs gerecht. Im letzten Akt - das schreckliche Finale ist meistens Höhepunkt jeder "Lulu"-Inszenierung - fällt das Konzept vollends in sich zusammen: Eine Lulu-Darstellerin ermordet die andere. Warum? Das bleibt das Rätsel dieser Aufführung.

Männer bleiben Leerstellen

Die Leidenschaft macht den Menschen zum Ungeheuer. Davon handelt "Lulu". Auf der Perner-Insel ist vom Furor des Begehrens kaum etwas zu bemerken. Außer der dreifachen Lulu fällt Regisseurin Tsangari nicht mehr viel ein. Vor allem die Männerfiguren bleiben eine eigentümliche Leerstelle. Meist stehen sie steif auf der Bühne, als hätten sie einen Besenstiel verschluckt. Ein herkömmliches Zusammenspiel wird durch die Dreifachbesetzung erschwert, zu einer anderen szenischen Form findet die Inszenierung allerdings auch nicht wirklich. Immerhin einen Bühnengag erlaubt sich die Regisseurin mit den Auf- und Abtritten der Männerfiguren: Sie tauchen plötzlich aus dem Bühnenuntergrund auf und verschwinden auch wieder in der Versenkung. Doch die groß gedachte Tragödie verliert den Halt, zerfällt sehr bald schon, verflüchtigt sich in nichtigen Turbulenzen.





1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-18 16:51:16
Letzte nderung am 2017-08-18 17:43:28



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Disney auf dem Weg zur medialen Allmacht
  2. Möge die Schlacht mit uns sein
  3. Der Nächste, bitte
  4. "Das ist Wahnsinn"
  5. Vom Kunstgewerbe zur Kunstpille
Meistkommentiert
  1. "Ohne Polen kollabiert London"
  2. Sophie Rois ärgert sich über "Peniszulage"
  3. Die Kamera als Schutz
  4. Beethoven-Skulptur in Wien enthüllt
  5. Zu kurzsichtig

Werbung



CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey,

Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.

Werbung



Werbung


Werbung