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Update: 02.09.2017, 13:47 Uhr

Theater

"Ich bin eine Katastrophe"




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Von Petra Paterno

  • Regisseur Leander Haußmann über Lachen in Diktaturen, magische Theatermomente und wie die Welt nüchtern nur schwer zu ertragen ist.

"Ich wurde zum Aufbegehren erzogen, entwickelte eine Antipathie gegen jedes Dogma", sagt Leander Haußmann. - © picturedesk/Mangione

"Ich wurde zum Aufbegehren erzogen, entwickelte eine Antipathie gegen jedes Dogma", sagt Leander Haußmann. © picturedesk/Mangione

Wien. Leander Haußmann sitzt im vergoldeten Besprechungszimmer des Burgtheaters; der Regisseur macht Pausenprobe.

Haußmann, 58, gehört zu den bekanntesten und verkanntesten Regisseuren seiner Generation. Auf frühe Erfolge als Theaterregisseur folgte eine kurze Karriere als Intendant in Bochum sowie eine nicht minder bewegte Laufbahn als Filmregisseur. Seine Filmkomödie "Sonnenallee" (1999) genießt Kultstatus, zuletzt brachte er die Komödie "Das Pubertier" in die Kinos.


William Shakespeares "Sommernachtstraum" hat Haußmann bereits drei Mal inszeniert, die Wiener Version feiert kommenden Mittwoch (6. September) im Burgtheater Premiere.

Er befinde sich, schickt er dem Gespräch voraus, noch in "postalkoholischer Euphorie". Umstandslos beginnt er das Interview.

Leander Haußmann:Sie tun mir leid, ich bin eine Katastrophe für jeden seriösen Journalisten, denn alles, was ich sage, entspringt dem Moment. Es kann morgen ganz anders sein. Ich rede, ohne mich zu zensieren. Deshalb zieht sich durch mein Leben eine Spur, gesäumt von Erniedrigten und Beleidigten. Darum habe ich seit frühester Jugend gelernt, dass man mit Entschuldigungen leichter lebt. Ich bin auch gern bereit, mich zu entschuldigen, aber im Moment bin ich voller Hass.

"Wiener Zeitung":Warum denn?

Die Welt dreht sich nicht so, wie ich es gerne hätte. Sie wird immer, wie soll ich es nennen? dümmer?, grausamer? Und man kann es kaum an jemandem festmachen. Ich bringe schwer Ordnung in das Chaos meiner Gedanken. Ich hadere mit der Gegenwart wie ein alter Opa, der den Kindern mit dem Krückstock droht, während ein Irrer in Nordkorea nukleare Raketen auf die USA richtet, ein anderer Irrer mitten in Europa eine Diktatur errichtet, Familien in nie gekannter Zahl zu uns fliehen, die Rechte erstarkt und an den Wiener Würstelbuden der Kren kaum noch gerieben, sondern in Tütchen ausgegeben wird - es ist zum Verzweifeln.

Sie sind ein begnadeter Querulant.

Das haben die in der DDR auch immer gesagt. Ich liebe das Leben, nur tanzt es leider nicht nach meiner Pfeife. Das ärgert mich. Worüber reden wir hier eigentlich? Stellen Sie endlich Ihre Fragen!

In Ihrer Jugend dürften Sie auch öfters betrunken gewesen sein, zumindest schreiben Sie das in Ihrer Autobiografie "Buh. Mein Weg zu Reichtum, Schönheit und Glück" (2013). War die DDR in nüchternem Zustand nicht zu ertragen?

Sie scheinen sich sehr für meinen Alkoholkonsum zu interessieren und Ihre Frage suggeriert, dass ich jetzt betrunken bin, aber was denken Sie sich? Ich habe gerade einen Film herausgebracht und mache eine Inszenierung am Burgtheater, wie denken Sie ist das zu schaffen? Außerdem kommt man doch meistens zu dem Schluss, dass die Welt nüchtern nicht zu ertragen ist. Nach dem Fall der Mauer war die Hoffnung, es würde sich etwas ändern. Aber die Dinge gerieten noch mehr aus den Fugen. Eine Diktatur lebt davon, dass sie sich ernst nimmt. Vor nichts hat eine Diktatur mehr Angst als vor dem Lachen. Jede Diktatur verhaftet die Komiker, kontrolliert den Humor. Etwas nicht ernst zu nehmen, ist eine starke Waffe. In der DDR habe ich mich gleichsam auf einer dadaistischen Humorebene bewegt. Wir waren wie Traumtänzer, nahmen dieses Land in seiner ganzen drastischen Komik wahr.

Ihre Familie bekam indes die Macht des Systems in aller Härte zu spüren: Ihr Vater, ein bekannter DDR-Schauspieler, erhielt zehn Jahre Auftrittsverbot, weil er gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestiert hatte.

Die DDR stürzte meine Eltern in Chaos und Konfusion. Es war eine Tour de Force der Stimmungsschwankungen, unterbrochen von Verzweiflungsausbrüchen. Es ist wohl mein Schicksal, immer wieder über mein Leben in der DDR zu sprechen, aber gut, was soll’s. Mein Vater war manisch-depressiv und tablettenabhängig. Und man verbot ihm, das zu tun, was er für seine Bestimmung hielt. Was sollte er ohne das Theater machen? Er hatte ja keine Hobbies. Die Unbeständigkeit innerhalb der Familie hatte aber auch etwas Grandioses. Ich wuchs in einem bildungsbürgerlichen Umfeld auf, wurde zum Aufbegehren erzogen und ich entwickelte eine Antipathie gegen jedes Dogma. Das macht sich auch in meinen künstlerischen Arbeiten bemerkbar. Ich habe immer versucht, in großer Unabhängigkeit zu leben. Auch in der DDR. Damals gab es innerhalb der Familie und eines bestimmten Freundeskreises einen starken Zusammenhalt, innerhalb dessen man sich entwickeln und sich dem Zugriff des Systems entziehen konnte.

In Ihrer Autobiografie berichten Sie, dass Sie sich freiwillig in die Psychiatrie einweisen ließen. Sie wollten "einmal ausschlafen". Fühlen Sie sich ausgeschlafen?

Die Frage kann ich nicht mit Ja oder Nein beantworten, weil ich den Gedanken daran aufgegeben habe. Das Lamento "Ich bin müde, ich habe viel gearbeitet, ich muss ausschlafen" ist Quatsch. Was mache ich denn schon? Meine Arbeit bereitet mir Vergnügen. Ich mache sie gern. Seitdem ich das akzeptiert habe, ist mein Leben deutlich besser geworden.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-01 15:36:06
Letzte nderung am 2017-09-02 13:47:16



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