• vom 08.09.2017, 16:49 Uhr

Bühne

Update: 08.09.2017, 20:37 Uhr

Klimawandel

"Raus aus der Komfortzone"




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Von Petra Paterno

  • Dramatiker Thomas Köck über die Bühnentauglichkeit des Klimawandels und über spekulative Wirklichkeiten.

Was bedeutet der Klimawandel für uns? Thomas Köck verhandelt Gegenwartsfragen am Theater. - © Georg Soulek

Was bedeutet der Klimawandel für uns? Thomas Köck verhandelt Gegenwartsfragen am Theater. © Georg Soulek

"Wiener Zeitung":Ihr Stück "paradies fluten (verirrte sinfonie)" ist der erste Teil einer breit angelegten Trilogie zum Klimawandel, Premiere ist am Samstag, 9. September im Akademietheater. Was interessiert Sie an diesem Thema?

Thomas Köck:In den drei Stücken untersuche ich das Verhältnis von Natur und Kultur. Ist der Klimawandel ein natürliches Phänomen oder vielmehr das Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse, historischer Entwicklungen, ökonomischer Interessen? Diese Frage zieht sich durch alle Stücke: Sei es über die Ausbeutung der Körper, der Rohstoffe oder der Natur. Die Idee war, diesem Thema, einem der wesentlichen Probleme unserer Zeit, auf der Bühne etwas entsprechend Großgedachtes entgegenzuhalten. Die Wissenschaft bezeichnet unser Zeitalter bekanntlich als Anthropozän. Seit Beginn der Industriellen Revolution greift der Mensch massiv in die geologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde ein, unser Müll lagert sich bereits in den Segmenten der Erde ab. Wie kam es dazu? Was hat das für Auswirkungen? Was bedeutet das für uns?

Und, was meinen Sie?

Wenn ich darauf eine gültige Antwort wüsste, müsste ich mich nicht in Stücken an diesen Fragen abarbeiten.

In Ihren Texten springen Sie häufig zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Was interessiert Sie an historischen Fragestellungen?

Das Nach- und Befragen von historischen Prozessen nach dem viel zitierten "Ende der Geschichte", ist für mich zu einem Grundthema geworden. Bei der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit interessiert mich vor allem die Gegenwart. Es geht darum, unsere Zeit in ihrer historischen Bedingtheit zu erforschen. Das war einmal eine linke Position. Daran sind wir gar nicht mehr gewöhnt. Wir leben in einer absolut zeitlosen Gegenwart. Es gibt keine Utopien mehr, die wir als Gesellschaft anstreben könnten. Da ist ein Vakuum. Das merkt man auch im eigenen Leben. Man fragt sich: Wozu mache ich eigentlich etwas? Gibt es noch einen größeren Entwurf?

Sie verknüpfen die wissenschaftlich-historischen Fragen mit einer klassisch kammerspielartigen Vater-Mutter-Kind-Konstellation. Sie sezieren Zustände und Figuren, keiner kommt gut dabei weg. Warum verweigern Sie Identifikationsfiguren und lösen Konflikte nicht auf?

Das ist doch der beste Fall, wenn Konflikte nicht aufgelöst werden und Figuren in der Schwebe bleiben. Konflikte werden benannt, aber man belässt ihre Fragilität und Verunsicherung. Ich fände es seltsam, wenn ein Theaterabend ein Problem lösen würde, das ich selbst nicht zu lösen wüsste. Zeitgenössische Kunst kann ein Fragezeichen sein.

Und Ihr Umgang mit Figuren?

Figur bedeutet in der Musik einfach etwas, das nur kurz in der Wendung sichtbar wird. Ich mag die Beschreibung. In "paradies fluten" sind die Figuren immer nur kurz zwischen den Zeilen sichtbar und verlieren sich danach wieder in einem massenmedialen Rauschen. Das "Ich" schnappt nur kurz nach Luft.

Ihre Stücke wirken gut recherchiert, fast dokumentarisch, dann wieder enorm überzeichnet. Wie positionieren Sie sich im Gefecht zwischen Fake und Fiktion?

Was mich an diesem Spannungsfeld besonders interessiert, ist jener Moment, in dem die Fiktion so etwas wie eine Membran schafft, auf der es möglich wird, Wirklichkeit in ihrer Gemachtheit und Konstruiertheit wahrzunehmen - die ist ja nicht als solche vom Himmel gefallen, sondern wurde und wird konstruiert, den Regeln der Konstruktion versuche ich nachzugehen. Fake wiederum vermag groteske Momente zu erzeugen, Szenen voller Überschwang und Clownerie. Augenblicke, in denen sich das Publikum fragt: "Moment mal, stimmt das jetzt?", finde ich großartig. So hat man wache Zuschauer.

Und wie verhält es sich mit dem dokumentarischen Zugang?

Natürlich recherchiere ich viel, grabe mich in das Material ein, arbeite mich daran ab. Aber bei mir kommen keine authentischen Experten und Expertinnen zu Wort, auch wenn ich mitunter die Sprache von Augenzeugen oder Experten verwende oder aus historischen Schriftstücken zitiere. Wirklichkeit kann und soll durchblitzen - immer als veränderbare, konstruierte und deshalb auch als eine neu konstruierbare, mögliche, spekulative.

Ihre Stücke wurden ob Ihrer Fülle an Assoziationen und Querbezügen mit dem Begriff "Überwältigungsdramatik" bezeichnet. Fühlen Sie sich da verstanden?

Der Begriff an sich ist nicht schlecht, aber er könnte auch als männlich-aggressiver Überwältigungsanspruch missverstanden werden. Ich finde meine Texte gar nicht so überwältigend, vielmehr sehe ich mich in einer Tradition widerständiger Dramatik, die sich auf einem Grundvertrauen ins Theater an der Form abarbeitet und Vertrauen in ein Publikum hat, das Lust daran hat, sich mit widerständigen Angeboten auseinanderzusetzen. Ich will raus aus der Komfortzone.

Sollte man die Klimatrilogie "paradies fluten/paradies hungern/paradies spielen" an einem Abend zeigen? Um einen Zusammenhang herzustellen, wie seinerzeit beim Theater der Antike?

Eine gute Idee, das wäre gigantisch. Die Stücke beziehen sich aufeinander, es gibt Echos in den Texten, Querverweise, aber sie funktionieren auch getrennt.





Schlagwörter

Klimawandel, Thomas Köck

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-08 16:54:08
Letzte nderung am 2017-09-08 20:37:11



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