• vom 11.09.2017, 16:54 Uhr

Bühne

Update: 12.09.2017, 11:09 Uhr

Theaterkritik

Furzkissen im Elfenwald




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Von Judith Belfkih

  • Burgtheater: Leander Haußmann zeigt Shakespeares "Sommernachtstraum" als Hippie-Herrenwitz.

Star der Produktion ist die Wald-Bühne von Lothar Holler, in der sogar (digitales) Feuerspucken möglich ist. - © apa/Herbert Neubauer

Star der Produktion ist die Wald-Bühne von Lothar Holler, in der sogar (digitales) Feuerspucken möglich ist. © apa/Herbert Neubauer

Als Premiere bezeichnet man gemeinhin die erste Aufführung einer Produktion vor zahlendem Publikum. Nicht so beim aktuellen "Sommernachtstraum" am Burgtheater. Da entschied man 20 Stunden vor der Premiere am vergangenen Mittwoch, mehr Probenzeit zu brauchen und auf Sonntag zu verschieben. Die bereits verkauften Vorstellungen dazwischen benannte man kurzerhand in "Voraufführungen" um, die der Regisseur - zum Unmut der Besucher - mitunter als Proben nutzte und unterbrach, um nachzujustieren.

Ob sich die zusätzlichen Proben gelohnt haben, war also erst sonntags zu überprüfen. Die Antwort ist ein klares Jein. Die vielen technisch anspruchsvollen, multimedialen Effekte haben sicher profitiert. Auch das Salvenfeuer an verbalen wie nonverbalen Pointen sitzt. Am Niveau eben jener - der Pubertätsjux und der Altherrenwitz offenbaren ihre enge Verwandtschaft - sowie an der Tatsache, dass das Regiekonzept außer Gewalt, Chaos und dem fleißigen Gebrauch von Schusswaffen nicht viel Essenzielles enthält, daran hätten selbst weitere Wochen Probenzeit wohl nichts geändert.

Information

Ein Sommernachtstraum

Leander Haußmann (Regie)
Burgtheater
Wh.: 20., 22.9. und 2., 3.10.

Haußmann hat Shakespeares Klassiker bereits mehrmals inszeniert, die naheliegenden Aussagen des Stückes scheint er dabei alle abgehandelt zu haben, sie interessieren ihn nicht mehr weiter.

Hauptsache, der Gag sitzt

So vergnügt er sich damit, Stück einfach Stück sein zu lassen und sich auf die Zuspitzung der zahlreichen komischen Elemente zu konzentrieren, sie um aktuelle Anspielungen auf die bevorstehende Burgtheater-Direktion von Martin Kušej oder die Premierenverschiebung sehr frei nach Shakespeare zu erweitern - Furzkissen und Theaterblut inklusive. Hier wird gemordet, geflogen, gevögelt - Konsequenzen hat das nicht. Was ist schon der Tod, was die Liebe? Wer ist Shakespeare? Hauptsache, der Gag sitzt. Was im Einzelfall für Lacher sorgt, fügt sich nie in ein Gesamtbild. Haußmann feuert aus allen Kanonen - nur worauf eigentlich, das wird nicht klar.

Die Figuren sind zwischen verhuscht, verschroben und verloren angelegt und bieten dem herausragenden Ensemble viele Entfaltungsmöglichkeiten, die es auch nach Herzenslust auskostet. Christopher Nell ist ein umtriebig verschrobener Puck im engen Norweger-Onsie, dem seine Streiche eher passieren, Johannes Krisch und Stefanie Dvorak schenken einander als höchst menschliches Elfen-Königspaar im drohenden Rosenkrieg nichts. Die vier jungen Liebenden - sie tragen im Gegensatz zu den Proben keine Uniformen und Gesichtsschleier, sondern Glitzerkleider und Schlaghosen - sind eine Gruppe schlurfender Teenie-Hippies auf der Suche: Mavie Hörbiger als unbeholfen hartnäckiges Groupie Helena, Sarah Viktoria Frick als Trotzkopf-Amazone Hermia; Martin Vischer (Lysander) und Matthias Mosbach (Demetrius) tapsen ihnen in Batikhemden liebesgeplagt oder auch anderwertig benebelt hinterher.

Viel Spaß beim Proben scheint auch die Handwerker-Gruppe gehabt zu haben, die Haußmann mit einer prominenten Burg-Altherrenriege bestückt und offenbar viel Spielraum bei der Rollengestaltung überlassen hat. Peter Matić etwa bezaubert im zartrosa Negligé als Flaut/Thisbe, Johann Adam Oest liefert als Zettel eine Persiflage auf Allüren im Theaterbetrieb und Martin Schwab spürt als Spielleiter Squenz dem Stereotyp des exaltierten Regisseurs mit blank liegenden Nerven nach.

Perfekte Illusionsmaschine

Der eigentliche Star der Produktion ist die Drehbühne von Lothar Holler. Die Mauern eines eingezäunten Palastes öffnen sich auf ihr zu einem nächtlichen wie magischen Zauberwald. Die Drehung führt an immer neue Orte, Tümpel, Tempel und Wipfel inklusive. Aufwendige, punktgenaue Projektionen von kletternden oder huschenden Tieren, Zauberblitzen und wiegenden Baumkronen (Videos: Jakob Klaffs, Hugo Reis) zeigen eindrucksvoll, wozu die Illusionsmaschine Theater heute technisch imstande ist. Und hinterlässt mit der Frage, was man mit diesen erlesenen Zutaten jenseits des anarchistischen Klamauks alles hätte machen können.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-11 17:00:12
Letzte nderung am 2017-09-12 11:09:57



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