• vom 22.09.2017, 16:06 Uhr

Bühne

Update: 25.09.2017, 14:00 Uhr

Theaterkritik

Tanz und Blutbad




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Von Roberto Becker

  • In der deutschen Hauptstadt beginnt an der Volksbühne und am Berliner Ensemble eine neue Ära.

Effektvolles Körpertheater: Startschuss mit "Caligula" am Berliner Ensemble, v.l.n.r: Felix Rech, Aljoscha Stadelmann, Annika Meier, Patrick Güldenberg und Constanze Becker als Caligula.

Effektvolles Körpertheater: Startschuss mit "Caligula" am Berliner Ensemble, v.l.n.r: Felix Rech, Aljoscha Stadelmann, Annika Meier, Patrick Güldenberg und Constanze Becker als Caligula.© Julian Röder Effektvolles Körpertheater: Startschuss mit "Caligula" am Berliner Ensemble, v.l.n.r: Felix Rech, Aljoscha Stadelmann, Annika Meier, Patrick Güldenberg und Constanze Becker als Caligula.© Julian Röder

So viel Anfang ist selten. Gleich an zwei Renommierbühnen der deutschen Hauptstadt beginnt mit der neuen Spielzeit auch eine neue Intendanz. Chris Dercon und Oliver Reese beziehen ihre Posten am Rosa-Luxemburg-Platz und am Schiffbauerdamm.

Nicht ohne, dass ihre beiden so grundverschiedenen, legendären Vorgänger Frank Castorf (66) und Claus Peymann (80) mit einem gewaltigen Türenknallen von der Politik in die Intendantenrente geschickt wurden.


Castorf hat es verstanden, die Volksbühne (und sich selbst!) zur Marke zu machen. Immer eine Handbreit neben dem Stücke-Kanon. Meistens mit Überlänge, mit einem eingeschworenen, immer mal veränderten Schauspieler-Ensemble und mit Regisseuren von Marthaler bis Schlingensief, mit Autoren von Dostojewski bis Pollesch hat er mit seiner Theatergegenwart Theatergeschichte geschrieben.

Dercon hat Nerven
Mit dem OST-Logo überm Traditionshaus und der passend "linken" Adresse flatterte das Castorf-Theater fröhlich (oder depressiv), aber immer wahrnehmbar im Gegenwind der ersten zweieinhalb Jahrzehnte des wiedervereinigten Deutschlands. In das dieses Haus auch einen Teil des Wir-Gefühls seiner Zuschauer rettete. Da sieht jeder Abschied im Auge der Betroffenen eher nach Zerstörung als nach Erneuerung aus.

Ausgerechnet mit Chris Dercon - dem weltläufigen Flamen, berühmt geworden durch seine Arbeit im Münchner Haus der Kunst und der Londoner Tate. Der gewollte Quereinsteiger, als selbstbewusster Neuling, von jenseits der verinnerlichten deutschen Stadttheatermentalität. Mit sehr vagen Vorstellungen von projektbezogenen Ensembles und spartenübergreifendem Crossover. Jedes Willkommen wäre da ein Wunder gewesen. Doch der unverhohlene Hass, zu dem die alten Platzhalter fähig sind, der erstaunte dann doch. Egal, was er macht, im Moment braucht er dafür vor allem Nerven. Weit mehr als die schnodderige Berliner Mentalität jedem Zugereisten abverlangt. So war seine Entscheidung, über den Flughafen Tempelhof anzukommen und seinen Anlauf zu nehmen, zumindest taktisch klug.

Dass Claus Peymann sich selbst nicht nur für großartig und unersetzbar hält und das auch allen sagt, ob sie es nun hören wollen oder nicht, hat er sich auch in Berlin nicht abgewöhnt. Aber immerhin fast 20 Jahre mit einer polierten Ästhetik von Robert Wilson bis Achim Freyer und seiner Art von Stückexegese ohne provozierende ästhetische Ausrutscher sein Haus gefüllt. Und da die Immobilie Rolf Hochhut gehört, wurde immer ein Sommertheater aus der Rubrik "Wenn alte Herren streiten" aufgeführt. Der wortmächtige Jungsenior ist natürlich auch nicht wirklich freiwillig gegangen. Für den Kurs seiner Aktie muss er künftig als One-Man-Show sorgen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-22 16:12:11
Letzte nderung am 2017-09-25 14:00:09



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