• vom 23.09.2017, 07:30 Uhr

Bühne

Update: 23.09.2017, 11:19 Uhr

Interview

"Man hat nicht mehr diesen Zorn"




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Von Christina Böck

  • Alfred Dorfer will altersbedingt jetzt Satire mit mehr Gelassenheit machen. Ein Gespräch über empörte Internetlemminge, heuchlerische Anständigkeit und das Schrulligwerden.

Befindet sich im "Interregnum der Satiriker": Alfred Dorfer.

Befindet sich im "Interregnum der Satiriker": Alfred Dorfer.© Michael Hetzmannseder Befindet sich im "Interregnum der Satiriker": Alfred Dorfer.© Michael Hetzmannseder

"Wiener Zeitung": Seit Ihrem letzten Programm sind elf Jahre vergangen, "Dorfers Donnerstalk" gibt es auch schon seit sieben Jahren nicht mehr - haben Sie die ganze Zeit keine Lust gehabt?

Alfred Dorfer: Nach acht Jahren Donnerstalk denkt man nach, ob man noch das richtige Feuer hat, und da hat es sich ergeben, dass ich ausgedehnte Touren in Deutschland und der Schweiz gemacht habe. Natürlich spielt auch eine Rolle diese schwierige Phase der Satiriker um die 50: Man hat nicht mehr diesen jugendlichen Zorn, und wenn man den hätte, wäre es peinlich. Man hat aber auch noch nicht diese Gelassenheit, wie sie zum Beispiel Dieter Hildebrandt hatte am Schluss. Dieses Interregnum ist für Satiriker die schwierigste Zeit.


Das Programm heißt "und...". Ist das ein "Na und" oder ein Frage-Und oder ein Zukunfts-Und?

Zuerst einmal ist es ein Wort, das man nicht falsch schreiben kann. Das Set-up ist ein Umzug, etwas, das wir alle kennen, für die meisten ist es traumatisch. Die erste Hälfte ist eine godotsche Situation, man packt zusammen, es stehen nur mehr ein paar Bananenkisten da und man wartet. In der zweiten Hälfte bezieht man sozusagen eine leere Wohnung, das ist eine Tabula-rasa-Situation. Es ist ein Stück über den Wechsel, eine Darstellung der Undurchsichtigkeiten, die die heutige Zeit bietet, in der gewisse Reflexe und Strategien nicht mehr funktionieren.

Erstmals stehen Sie bei einer Premiere ganz allein auf der Bühne, ohne Band. Warum?

2011 befanden wir gemeinsam, es sei nach 20 Jahren genug. Zuerst konnte ich mir das gar nicht vorstellen. Jetzt habe ich mit "und..." die erste Premiere, bei der ich alleine auf der Bühne stehe. Dieses Einsame hat mich auch gereizt, mit fast nichts ein Stück zu spielen. Das Einzige, was es gibt, sind zwei Bananenkisten. Manchmal hat man über Tage eine relativ seltsame Abfolge von Sozialkontakten, da spricht nur der Bankomat mit dir. Das ist am Anfang sehr reizvoll, aber wenn du das repetierst, macht es etwas mit dir. Es macht dich schrullig.

Sie haben von der Krise des Satirikers um die 50 gesprochen. Ist bei Ihnen noch Zorn über?

Es gibt die Berufskrankheit von Satirikern, dieses ständige Auf-der-Suche-Sein nach Kritikpunkten. Das ist auch etwas, das sich ins Private hineinzieht, dieser Reflex, überall zu vermuten, da stimmt etwas nicht, dieses Gekletzle. Jede Zeitungsmeldung, jede Statistik wird hinterfragt. Als totalitäres Lebenskonzept ist das zermürbend. Irgendwann habe ich mir gedacht, es muss doch auch möglich sein, das nicht als Grundhaltung in alle Lebensbereiche hineinzuziehen. Was man in Deutschland so gern "bissiges Kabarett" nennt, heißt in den meisten Fällen, dass man jemanden verspottet, dass man sich mit dem Publikum gegen jemanden verbündet. Mein Ansatz ist, dass es auch eine Satire geben kann, die mit einer gewissen Gelassenheit an die Dinge herantritt, ohne Dinge zu beschönigen oder beiseite zu lassen. Du kannst den Zorn eines 25-, 30-Jährigen nicht mehr haben, weil du dafür schon zu viel gesehen hast. Wenn ich denselben Zorn hätte wie mit 30, hätte ich die letzten 25 Jahre vieles nicht gesehen. Weil sich Dinge auch relativieren durch Erfahrung.

Was zum Beispiel?

Zum Beispiel meine Haltung der Polizei gegenüber: Die war geprägt durch Hainburg, ich war Besetzer dort, mein erster Kontakt mit der Polizei war sehr, sehr unerfreulich. Irgendwann hat man mich dann eingeladen, mit der Polizei mitzufahren, weil mich interessiert hat, was verdienen die eigentlich (zieht Augenlid herunter), was ist der tägliche Job, was müssen die sich anhören. Deswegen bin ich vorsichtig und skeptisch, wenn es in gewissen Kreisen immer noch eine reflexhafte Haltung gegen die Polizei gibt. Für den Großteil der aufgeklärten Kabarettisten in Deutschland war etwa ganz klar, dass die Eskalation beim G20-Treffen in Hamburg eigentlich die Schuld der Polizei war. Was definitiv nicht wahr ist, wie wir wissen.

Aber natürlich kommt der Zorn wieder bei manchen Dingen, die ich lese oder die vorfallen, aber es ist anders als vor 25 Jahren, weil ich mir immer denke: Prüfen wir das mal.

Prüfen ist nicht mehr modern im Zeitalter der alternativen Fakten...

Geprüft wird deswegen nicht, weil wir ja jetzt ein wunderbares Werkzeug haben, um uns zu veröffentlichen. Früher war der Stammtisch auf das Wirtshaus beschränkt und mittlerweile ist er weltweit geworden. Und das auch noch im Schutz der Anonymität, das ist ganz besonders gefährlich. Da kommt der Zorn dann wieder, wenn etwas gefaselt wird von freier Meinungsäußerung: Das ist nicht der Fall, wenn ich mich nicht mit meinem Namen äußere, weil ich dafür keine Verantwortung übernehmen muss. Diese sogenannten demokratischen Prozesse des Internets sind mir bis auf wenige Ausnahmen verschlossen geblieben.

Haben Sie auch den Eindruck, dass die Sozialen Medien für die Humorlosigkeit unserer Zeit verantwortlich sind?

Das Wesentliche ist dort die Empörungskultur, es geht nicht um die Sache, man schließt sich wie ein Lemming einem anderen Lemmingstamm an und empört sich darüber, worüber sich diese Lemminge gerade empören. Das Problem ist nur, das ist etwas, das ins Nichts führt, selbst der größte Shitstorm verebbt. Und ich behaupte, zu 99 Prozent ohne erkennbare reale Effekte. Man kann natürlich den Hobbypsychologen machen und sagen: "Besser es entlädt sich da, als es entlädt sich auf der Straße oder mit einem Sprengstoffgürtel oder mit einem Messer." Ich bezweifle aber, dass das wirklich eine Gewaltminimierung in der realen Welt bedingt, wenn man das als Abreaktionskammer und Boxsack sieht.

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Schlagwörter

Interview, Alfred Dorfer, Kabarett

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-22 16:33:07
Letzte Änderung am 2017-09-23 11:19:03



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