• vom 02.10.2017, 15:53 Uhr

Bühne

Update: 02.10.2017, 16:27 Uhr

Theaterkritik

Das Schweineherz des Faust




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Von Reinhard Kriechbaum

  • Das Grazer Schauspielhaus bringt Werner Schwabs treffsichere Faust-Apokalypse.

Mephisto Benedikt Greiner (v). mit Faust Florian Köhler.

Mephisto Benedikt Greiner (v). mit Faust Florian Köhler.

Haben die Theaterleute vorschnell kapituliert, indem sie Werner Schwabs Faust-Paraphrase nach der Uraufführung (1994 in Potsdam) und einer weiteren Produktion in Schwerin links haben liegen lassen? 23 Jahre jedenfalls hat es gedauert, bis sich "Faust :: Mein Brustkorb : Mein Helm" auch nach Österreich, in des Dichters Heimatstadt Graz durchgesprochen hat.

"Die Leber steigt in den Ring zum Kampf empor", lässt Schwab den Mephisto sagen, und man denkt angesichts dieser enthemmt-kreativen Textflut mehrmals daran, dass eine Alkoholvergiftung diesem Sprachlüstling das Ende machte. Und man kann schwerlich übersehen, dass Werner Schwab in dem expressionistisch-exzessiven Konvolut aus selbstverliebter Wortschrauberei und Eigenzitaten als Mann Mitte 30 schon in den eigenen posthumen Schrittspuren unterwegs war. In dem Sinn: "Wir verwünschen uns für einen guten ihrigen Tag, Herr Faust!"

Information

Theaterkritik
Faust :: Mein Brustkorb :Mein Helm
Von Werner Schwab
Grazer Schauspielhaus
Wh. bis 24. November

Claudia Bauer hat in Graz Regie geführt und ein kleines, ambitioniertes Ensemble eingeschworen auf die Faust-Apokalypse. Dieser Faust verzweifelt nicht nur an Erkenntnis, sondern an allem und jedem. In der letzten Szene wird er als hilflos armefuchtelnder Greis sagen: "Wir sind des Lebens und des Todes müde, wir wollen bloß noch Spaß" - ein Finale im Kreise einer morbiden Tischgesellschaft, die lachhaft wirkt in ihrer "Suppenhaftigkeit". Das hätte Thomas Bernhard einfallen können.

Skurriles und Hintersinniges

Faust wütet in einem Thespiskarren. Bauer nimmt Schwab so ernst wie nur, und das ist urkomisch genug im Einzelnen. Die Souffleuse darf die szenischen Anweisungen vorlesen. Die Protagonisten erfüllen diese beinahe und dadurch parodistisch. Faust gibt sich nicht mit Gretchen, tritt die emanzipierte junge Dame gleich an Mephisto ab. Er steht meist über den Dingen, selbst Mephisto ist ihm nicht viel mehr als eine Spielpuppe. Im Prinzip spielt Schwabs Faust sowieso in dessen Kopf, verräumlicht in der Studierstube. Ein Video bringt das Treiben des "wahnvollen Studierzimmergehirns" nach draußen, wohin aber doch auch die Figuren purzeln, sodass wir auch genug Skurriles, im besseren Fall offenkundig Hintersinniges live zu sehen bekommen.

Die Sprache ist musikalisiert, an der Uraufführung wirkten die Einstürzenden Neubauten mit. Ein nicht unwichtiger Satz bei Schwab ist einem derer Songs entnommen: "Gott hat sich erschossen. Ein Dachgeschoß wird ausgebaut."

Florian Köhler ist Faust, ein gar nicht unsympathischer Charismatiker. Natürlich ist er selbst der "Geist, der stets verneint" und der ganz richtig argwöhnt: "Womöglich hält mein Geist sich keinen Hund." Der verquere Kopf ist des Pudels Kern, und das ist möglicherweise Krux und Faszinosum dieses Theatertexts gleichermaßen. Von Schwabs Wortschwällen fühlt man sich zwar über weite Strecken ertränkt, und doch finden sich immer wieder Formulierungsinseln voller hellsichtiger, nach bald einem Vierteljahrhundert immer noch aktueller, treffsicherer Gedanken.

Zuletzt wird der alte Faust, mit faltiger weißer Maske, rührend hilflos nach Suppe rufen. Das Fressen komm nach gescheiterter Moral und anderen Unannehmlichkeiten. "Schönheit . . .", japst er, ". . . Ästhetik war schon schwer genug .. ."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-02 15:57:06
Letzte nderung am 2017-10-02 16:27:10



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