• vom 12.10.2017, 15:59 Uhr

Bühne


Volksopernpremiere

"Kein Takt langweilig"




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christoph Irrgeher

  • Dirigent Jac van Steen über die frühe Verdi-Oper "I masnadieri" - ab Samstag an der Volksoper.

Zum Räuberhauptmann erhoben: Vincent Schirrmacher (Karl) in der neuen Produktion. - © Pálffy/Volksoper

Zum Räuberhauptmann erhoben: Vincent Schirrmacher (Karl) in der neuen Produktion. © Pálffy/Volksoper

Arbeit an Rossini-Präzision: Jac van Steen.

Arbeit an Rossini-Präzision: Jac van Steen.© Anke Sundermeier Arbeit an Rossini-Präzision: Jac van Steen.© Anke Sundermeier

Man lernt nie aus, und manche Information erschließt sich in einem unverhofften Moment. Wie etwa im Interview mit dem Dirigenten Jac van Steen. Keine Frage: Der Niederländer, Jahrgang 1956, redet gern über Opern, Konzerte, den Klassikbetrieb an sich. Er kann sich aber auch über Islandpferde äußern - eine Rasse, die nicht nur durch ihren gedrungenen, kleinen Körper auffällt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Hufträgern beherrscht sie insgesamt fünf Gangarten, darunter die beiden Seltenheiten "Tölt" und "Pass". Der Isländer ist - kein Witz, das heißt wirklich so - ein Fünfgänger.

Van Steen weiß das, weil er einige dieser Tiere besitzt. Der 61-Jährige wohnt an der Grenze zu Belgien in einem Bauernhaus, und er sprengt dort mit seiner Familie über die Felder - also wenn er nicht gerade im Dirigentenzwirn an einer Bühne arbeitet.


In Deutschland, den Niederlanden, oft auch Großbritannien werkt van Steen, derzeit tut er es wieder einmal an der Wiener Volksoper. Hier hat er bereits drei Projekte geleitet, jetzt liegt eine Rarität aus Italien in seinen Händen. Eine sichere Bank ist dieses Werk nicht, auch wenn es aus der Feder von Giuseppe Verdi stammt. "I masnadieri" beruht auf dem Schiller-Drama "Die Räuber" und zählt zum Frühwerk des späteren Meisterkomponisten.

"Italienischer Geschmack"
Van Steen nimmt sich Zeit dafür, viel Zeit. Während so mancher Dirigent verspätet in den Probenbetrieb einsteigt, begleitet er den Arbeitsprozess vom ersten Tag an, acht Wochen bis zur Premiere. Ein Verhalten, das auch damit zu tun hat, dass der Niederländer an kein Haus mehr gebunden ist. Bis 2005 war er Musikdirektor des Weimarer Nationaltheaters, bis 2013 Generalmusikdirektor der Dortmunder Philharmoniker. Zugegeben: Manches aus diesen Jahren vermisst er: "Ich bin nicht machthungrig, aber es ist schon toll, gewisse Möglichkeiten zu haben - eine Spielzeit zu gestalten, Gastdirigenten einzuladen, Solisten zu profilieren." Andererseits: Mit diesen Aufgaben wächst auch ein Berg an Büroarbeit. Und es schrumpft die Zeit für eigene Wunschprojekte anderswo in der Welt.

Zeit, die nun wieder massig zur Verfügung steht. Der ehemalige Principal Guest Conductor des BBC-Orchesters Wales nützt sie für eine Vielzahl an Konzerten, zudem für zwei Opern pro Jahr. Wobei es bei den "Masnadieri" nicht nur eine Produktion zu erarbeiten galt, sondern auch eine Übersetzung - schließlich hält die Volksoper an ihrer Tradition deutschsprachiger Aufführungen fest. Van Steen: "Das ist eine Herausforderung. Ich finde, der Gesang muss auch auf Deutsch weiterhin einen italienischen ‚Geschmack‘ haben." Zwar lag bereits eine ältere Übersetzung vor. Den Zuspruch des Produktionsteams fand sie aber nicht, und so haben Regisseur Alexander Schulin und Dramaturgin Helene Sommer für die Premiere am kommenden Samstag an einer neuen gearbeitet. Van Steen unterzog diesen Text in den ersten Probetagen einem Praxistest mit den Sängern, setzte hier und da die Feile an - erst dann war die Fassung fix.

Kämpft man bei einer frühen Verdi-Oper (1847) aber nicht auch mit einem anderen Problem, nämlich damit, dass im Orchester recht öde Umpapa-Rhythmen auftauchen? Van Steen: "An sich war das ein Grund für mich, dieses Repertoire zu meiden. Aber: Verdi setzt über dieses Rhythmus-Gerüst Melodien von archetypischer Kraft. Fast meint man, sie im ‚Don Carlo‘ wiederzuentdecken. Für mich ist hier kein Takt langweilig. Mit einer Hand deutet diese Oper schon auf Verdis Spätwerk voraus, andererseits verweisen die Rezitative für mich in Richtung Mozart und Rossini." Darum habe Van Steen auch daran gearbeitet, eine "Rossini-artige Präzision als Basis für den Abend zu entwickeln". Mit Erfolg, wie er meint: "Dieses Orchester ist zwar viel mit Operette und Musical beschäftigt, aber es kann wirklich alles spielen - und es geht mit, wenn man es fordert."

"Die Räuber" ab Samstag, 14. Oktober, an der Volksoper mit Kurt Rydl, Boaz Daniel und anderen




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-12 16:04:14



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Tausend Tränen tief
  2. Kurz besucht Berlin - "taz" kommentiert mit Biss
  3. Im Zeichen von #MeToo
  4. Im Zeichen der Vagina
  5. Wer ist noch echt?
Meistkommentiert
  1. Pandoras Übersetzungswerkstatt
  2. Kurz besucht Berlin - "taz" kommentiert mit Biss
  3. "Wir sind ein dummes, gewalttätiges Land"
  4. Das Mittelmaß des Wahnsinns
  5. Kunst- und Kulturverbände präsentieren Forderungen an die Regierung

Werbung



Wissensdurstig, neugierig, seelenvoll und nachdenklich sieht David Bowie auf den Aufnahmen aus. Hier in August Wallas Zimmer.

Die 75. Golden Globes wurden zur Bühne der Frauen mit einer Kampfansage an Sexismus, Missbrauch und Benachteiligungn. "Ich möchte, dass heute alle Mädchen wissen, dass ein neues Zeitalter am Horizont anbricht", sagte die US-Entertainerin Oprah Winfrey in ihrer Dankesrede nach Empfang des Ehrenpreises für ihr Lebenswerk - und rührte viele im Saal zu Tränen. "Zu lang wurden Frauen nicht angehört oder ihnen wurde nicht geglaubt, wenn sie den Mut hatten, gegen die Macht von Männern aufzubegehren." Deren Tage seien nun gezählt. Jetzt müssten alle dafür kämpfen, dass es in Zukunft niemanden mehr gibt, der als Opfer "Me too" sagen muss, mahnte Winfrey. Zur ganzen Rede Ein Gruppenfoto der PreisträgerInnen.

CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey, Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte.

Werbung



Werbung


Werbung