• vom 12.10.2017, 18:28 Uhr

Bühne

Update: 12.10.2017, 19:13 Uhr

Theaterkritik

Daheim und nicht zuhause




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Von Hans Haider

  • Georg-Kreisler-Liederabend im Volkstheater mit Habjan-Puppen und Franui.

Wie schön wäre "Wien ohne Wiener", überlegte Georg Kreisler - seine bösen Skurrilitäten zeigt das Volkstheater.

Wie schön wäre "Wien ohne Wiener", überlegte Georg Kreisler - seine bösen Skurrilitäten zeigt das Volkstheater.© lupispuma Wie schön wäre "Wien ohne Wiener", überlegte Georg Kreisler - seine bösen Skurrilitäten zeigt das Volkstheater.© lupispuma

Ein Satz, der noch heute tröstet oder deprimiert: "Wien bleibt Wien." Gegen den Druck des Faktischen im Rathaus, Rundfunk, Gemeindebau wucherten in den späten Fünfzigern, halben Sechzigern Künstler-Phantasien voll lähmender Melancholie, makabrem Witz, aggressiver Ironie oder gebremster Wut. Viele Jugendliche entzogen sich dem Österreich-Mief mit Liedern auf 45er-Singles von H. C. Artmann, Helmut Qualtinger, Gerhard Bronner, Arik Brauer und Georg Kreisler. Eine Sofahockerrevolte vor 1968, noch ohne Marx im Seminar!

Kreisler war aus der Emigration heimgekehrt und erschreckt, dass sich so wenig in Österreich verändert hatte. Er sang: "Ich fühl mich nicht zuhause." Für die zuckersüße alltägliche Bösartigkeit fand er im "Taubenvergiften im Park" ein schmeichelndes Horrorbild. Von einem "Wien ohne Wiener" konnte er nur träumen. Und unverstandene Pubertäre mit ihm. Er starb 2011 in Salzburg. Wien und Österreich seien seiner Karriere und Ehre zu viel schuldig geblieben, klagte er alt und verbittert.

Information

Theater
Wien ohne Wiener
Georg Kreisler (Text, Musik)
Nikolaus Habjan (Regie, Puppenbau)
Musicbanda Franui
Mit Claudia Sabitzer, Isabella Knöll u. a.
Volkstheater, Wh.: 14., 15., 23. Okt.

Der allgegenwärtige Tod

Das Volkstheater macht was wieder gut. Für seinen Georg-Kreisler-Liederabend "Wien ohne Wiener" bot es sein Hausgenie Nikolaus Habjan als Puppenbauer, Puppenspieler und Regisseur auf, sowie zur musikalischen Umsetzung die halbe Gruppe "Franui". Statt Solo-Lyrik mit Klavierbegleitung mehr als zwei Dutzend Szenen, in denen Claudia Sabitzer, Isabella Knöll, Gábor Biedermann, Günter Franzmeier, Stefan Suske und - für den erkrankten Christoph Rothenbucher eingesprungen - Habjan im Frack neun Großmaul-Puppen tanzen lassen und sich manchmal selber verkleiden - einmal als Taube im Park, oft als allgegenwärtiger Tod. Denn eh schon wissen: "Der Tod, der muss ein Wiener sein."

Gejüdelt wird und geböhmakelt. Das Hochdeutsch kommt anfangs platt-plärrend aus der starren Verstärkeranlage. Rauch und Nebel und ein feines Spiel mit gerafften und gefalteten Theatervorhängen halten den Hintergrund in Bewegung. Für eine Beamtensatire fährt ein Riesenhintern aus dem Schnürboden. Überdeutlich, doch zum Hineinkriechen zu hoch. Von Kreisler sind zotige Schüttelreime erhalten, wie sie auch die Wiener Gruppe liebte. Wohl nur, um das aufzuzeigen, kamen sie ins Programm.

Politische Subtexte

Kreisler lebte bereits mit Topsy Küppers in München, als er in Österreich mit seinen Platten zu Ruhm kam. Er zog mit der nächsten Frau nach Berlin in eine tief politisierte Szene. Im Volkstheater-Programm ist der Riss zu spüren zwischen den frühen und späteren Texten und Musiken. Gut so, damit verkommt der Abend nicht in selbstbespiegelnder Nostalgie. Anklänge an Friedrich Hollaender (kurz Kreislers Schwiegervater) und Kurt Weill verdrängen Klassisch-Wienerisches, Schubert rauf und runter, und den Tango. Die aus einem Open Air in Innervillgraten - bekannt, weil dort Hitler bei der Volksabstimmung am 10. April 1938 über den "Anschluss" prozentuell die wenigsten Stimmen gewann - in große Häuser aufgestiegenen Musikanten sind firm in Alpenschmelz und Trauermärschen, darum denkbar beste Begleiter für das "Lied für Kärntner Männerchor", "Das Begräbnis in Freiheit", "Am Totenbett". Dem auslaufenden Wahlkampf werden bei der Premiere mit Fingerzeigen in Rot und Grün, Türkis und Blau genüge getan. "Der Turm wird baut", kommandiert ein Totenschädel. Nach jedem Lied knallharter Beifall. In dem Überlebenstrauer leicht untergeht.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-12 16:34:13
Letzte nderung am 2017-10-12 19:13:42



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