• vom 13.11.2017, 20:43 Uhr

Bühne

Update: 14.11.2017, 07:43 Uhr

Nestroy-Preise

"Künstler haben immer recht"




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (7)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ Online, APA

  • Ehrungen für Kirsten Dene, Ayad Akhtar und Katrin Brack, Meyerhoff und Jonasson beste Schauspieler.

Max Simonischek bekam den Publikumspreis.

Max Simonischek bekam den Publikumspreis.© APAweb, HANS PUNZ Max Simonischek bekam den Publikumspreis.© APAweb, HANS PUNZ

Wien. Die 18. Nestroy-Gala am Montagabend im Wiener Ronacher war eine der ungewöhnlichsten und überraschendsten, für Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) gar "eine der spontansten, lustigsten, politischsten und empathischsten Nestroy-Verleihungen, die ich erlebt habe". Verantwortlich dafür waren das Krisenmanagement bei der Moderation und Reden von Birgit Stöger und Michael Turinsky.

Eine Überraschung erwartete die Gäste gleich zu Beginn. Statt wie angekündigt Burgschauspielerin Regina Fritsch und die Puppenspieler Nikolaus Habjan und Manuela Linshalm eröffnete ORF III-Moderator Peter Fässlacher den Abend und bat sogleich Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann in ihrem Lieblingsjob als Krisenmanagerin auf die Bühne. Die Autorin Julya Rabinowich habe statt das bestellte Textbuch zu einer Bühnenshow zum Thema "Wie gefährlich ist die Kunst?" ein veritables kleines Theaterstück abgeliefert, das in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht zu realisieren gewesen sei, sagte sie. "Das Stück wurde immer größer, das Zutrauen ans Gelingen immer kleiner." Ende der vergangenen Woche sei klar gewesen, dass das vorgesehene Konzept für den Abend, für den das Burgtheater "Schirmherrschaft und künstlerische Gestaltung" übernommen habe, so nicht zu realisieren sei. "Künstler haben immer Recht - und letztendlich verantwortlich ist der Theaterdirektor."

In einem Statement gegenüber der APA halten Fritsch, Habjan und Linshalm dagegen fest, "dass wir die Moderation der Nestroy-Gala nicht in letzter Minute abgesagt haben, sondern bereits Anfang November". "Die Probenzeit war zu kurz, das Buch kam zu spät", betonen sie. "Wir haben unsere Bedenken mehrfach geäußert, unsere Warnungen wurden nicht ernst genommen." Bereits am 4. November sei man von der Aufgabe zurückgetreten, "damit eine angemessene Alternative gefunden werden kann".

Geburt der Theaterfamilie aus dem Krisenmanagement 

Das Überraschende: Die Alternative wurde offenbar innerhalb eines Wochenendes gefunden. Bergmann holte sich professionelle Hilfe bei Parade-Komiker Michael Niavarani, der gleich einmal öffentlich davon schwärmte, wie erhebend es sei, von einer Burgtheaterdirektorin angerufen zu werden, von Schauspielern und Direktoren-Kollegen und -Kolleginnen aus den Bundesländern. Und siehe da: Aus der Krise entstand ein von Gemeinschaftsgefühl geprägter und doch stets politischer Abend, in dem erstmals seit langem die Theaterfamilie zusammenrückte und sich selbst artikulierte statt bloß glatt und geschmeidig gefeiert zu werden. Joachim Meyerhoff, der als bester Schauspieler geehrt wurde, meinte: "Dass es so ein überraschend schöner Abend wird, hätte ich nicht gedacht, und ich war ja schon öfter hier."

Ja, die Preise. Die gab es natürlich auch. Neben Meyerhoff wurde Andrea Jonasson als beste Schauspielerin geehrt, die sich ihrerseits wieder für Elmar Goerden freute, der für die Josefstadt-Produktion "Die Verdammten", in der sie mitgewirkt hatte, den Regiepreis erhielt. Die Josefstadt durfte sich mit der 26-jährigen Maresi Riegner freuen, die u.a. für ihre Hedvig in "Die Wildente" den Preis als bester weiblicher Nachwuchs bekam. Das Volkstheater dagegen war stolz auf den 1992 geborenen Jungregisseur Felix Hafner, der für seine fulminante Regie von Molières "Der Menschenfeind" als bester männlicher Nachwuchs geehrt wurde, sowie auf Birgit Stöger, die in dem Stück als Arsinoe beeindruckt hatte und für die Rolle wie für ihre Erna in "Kasimir und Karoline" den Nebenrollen-Nestroy erhielt.

Langer Applaus und Standing Ovations

Stöger sorgte mit ihrer Dankesrede für den ersten Magic Moment und die ersten Standing Ovations des Abends. Sie erinnerte an den irakischen Flüchtling, der die im Vorjahr ausgezeichnete "Lost and Found"-Produktion des Volkstheaters inspiriert habe und seither zu einem guten Freund geworden sei. Am Montagmorgen habe dieser einen negativen Asylbescheid erhalten. "Wenn der österreichische Staat ihn abschiebt, kommt dies einem Todesurteil gleich." Das Publikum reagierte mit langen Standing Ovations und Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) mit der Ankündigung, sich als "eine meiner vielleicht letzten Amtshandlungen" den angesprochenen negativen Asylbescheid noch einmal genau ansehen zu wollen.

Für einen ähnlichen Moment sorgte der im Rollstuhl sitzende Tänzer Michael Turinsky mit seiner Dankesrede für den Spezialpreis, den er und die Choreographin Doris Uhlich "für Inklusion auf Augenhöhe" in der Performance "Ravemachine" erhielten. Turinsky machte deutlich, was das Gegenteil davon sei - nämlich Ausgrenzung, und die sei in diesem Land wieder salonfähiger geworden. Auch er erhielt für seine Rede langen Applaus und Standing Ovations.

Und schließlich beeindruckte der Autor und Regisseur David Schalko mit einer "im Taxi geschriebenen" Rede über die Gefährlichkeit der österreichischen Künstler und ihre Sehnsucht nach einem Kulturministerium, von dem man sich seine Gefährlichkeit bewilligen lassen könne. "Keine Spezies ist gefährlicher als der Österreicher, dem man die Kunst wegnimmt", warnte er ironisch vor dem sich mit Heugabeln bewaffnenden Volk, das um seine Staatskünstler kämpfe. Während allenthalben die bange Frage gestellt werde, ob Sebastian Kurz Kunst geil genug sei, könne man von H.C. Strache wenigstens die Aufhebung des Rauchverbotes auf Bühnen erwarten.

Wesentlich weniger spritzig bedankte sich die ebenfalls mit Standing Ovations gefeierte 74-jährige Burgschauspielerin Kirsten Dene, die den Lebenswerk-Preis entgegennahm, bei ihrem Laudator Michael Maertens, der Jury und dem Publikum. Sie las einige Dialogzeilen aus Thomas Bernhards Stück "Ritter, Dene, Voss" vor, und schloss: "Zum Abschied ein leises Servus und ein lauteres: Obacht geben! Und spielt schön! Pfiat Euch! Danke."

Text von Julya Rabinowich soll umgesetzt werden

Nach 2 Stunden 45 Minuten hielt Bergmann ohne einen Nestroy-Preis bekommen zu haben, "trotzdem eine Dankesrede" - nämlich an alle, die zum Gelingen dieses improvisierten Abends beigetragen hatten. "Ich glaube, der Abend war rund und dicht - und ich glaube, wir können jetzt feiern gehen." Das wurde im Anschluss im Kursalon im Stadtpark auch bis in die frühen Morgenstunden auch getan. Den Text von Julya Rabinowich will Bergmann übrigens nicht einfach in einer Schublade verschwinden lassen, sondern in irgendeiner Weise umsetzen. Und sei es als Lesung in der Burgtheater-Direktion.





Schlagwörter

Nestroy-Preise

2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-13 20:44:51
Letzte nderung am 2017-11-14 07:43:57



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. David Cassidy gestorben
  2. Kinobranche hofft auf Streaming
  3. Trauer um einen Parade-Onegin: Hvorostovsky ist tot
  4. Eine Stadt entsteht
  5. Hartnäckige Fake News
Meistkommentiert
  1. Ungeknickt durch den Sturm
  2. Deutscher Karikaturenpreis für Erdogan-Zeichnung
  3. Verhandler könnten ORF-Gebühr kappen
  4. AC/DC-Gitarrist Malcolm Young ist tot
  5. "Künstler haben immer recht"

Werbung



CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey,

Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.

Werbung



Werbung


Werbung