• vom 30.11.2017, 16:39 Uhr

Bühne

Update: 01.12.2017, 09:31 Uhr

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Von Petra Paterno

  • Der ungarische Regisseur Árpád Schilling, "Staatsfeind" in seiner Heimat, über Propaganda und die Lage in Ungarn.

Dinner for two: Tim Breyvogel und Bettina Kerl in rpád Schillings Inszenierung.

Dinner for two: Tim Breyvogel und Bettina Kerl in rpád Schillings Inszenierung.© Alexi Pelekanos Dinner for two: Tim Breyvogel und Bettina Kerl in rpád Schillings Inszenierung.© Alexi Pelekanos

Der ungarische Regisseur Árpád Schilling, 43, ist bekannt dafür, dass er Missstände in seiner Heimat und auch Viktor Orbáns Regierung kritisiert. Diesen Herbst wurde der international renommierte Regisseur mit zwei anderen Aktivisten von der ungarischen Regierung an den Pranger gestellt und wortwörtlich als "potenzieller Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten" diffamiert.

Am Freitag, 1. Dezember, wird seine jüngste Theaterarbeit "Erleichterung" im Landestheater Niederösterreich uraufgeführt. Die "Wiener Zeitung" traf den vielfach ausgezeichneten Regisseur während der Endproben.

Information



Árpád
Schilling, 43,

geboren in Cegléd/Ungarn, engagiert sich politisch in seiner Heimat und ist international als Regisseur bekannt, er war mehrmals am Burgtheater tätig.

"Wiener Zeitung": Sie gelten in Ihrer Heimat als Staatsfeind, trifft Sie das persönlich?

Árpád Schilling: Persönlich fühle ich mich nicht bedroht, ich fürchte auch keine offiziellen Konsequenzen, da ich trotz meiner kritischen Haltung immer die demokratischen Spielregeln einhalte. Mein angebliches Vergehen bestand lediglich darin, dass ich meine Meinung auf Facebook gepostet und Demonstrationen organisiert habe. Problematisch ist vielmehr, wie die Regierung mit Begriffen hantiert. Als Staatsfeinde bezeichnet man allgemein Terroristen oder Menschen, von denen massive Gefahr ausgeht, und eben nicht Künstler, die nur ihre Meinung äußern. Das ist schiere Propaganda. Diese andauernde Manipulation zersetzt sukzessive die ungarische Gesellschaft - und das jagt mir wirklich Angst ein.

Fanden Sie auch Unterstützer?

Von ungarischen Kulturinstitutionen gab es keinerlei Unterstützungserklärungen. Zuspruch erhielt ich von österreichischen, deutschen, polnischen Theaterleitern. Offenbar scheuen ungarische Intendanten einen Konflikt mit der Regierung, aus Angst vor möglichen Subventionskürzungen. In einer westlichen Demokratie, mit starken kulturellen Einrichtungen wäre das unvorstellbar.

Wie lauten Ihre Zukunftspläne? Wollen Sie bleiben oder gehen?

Darüber denken meine Frau und ich dauernd nach. Es geht nicht nur um uns und unser Engagement, sondern auch um die Zukunft unserer Kinder. Ich wünsche mir, dass sie in einer offenen und freien Gesellschaft aufwachsen dürfen. Ob Ungarn dafür das richtige Land ist?

Wie erklären Sie sich die breite Zustimmung in Ungarn für Staatschef Viktor Orbán?

Als der Kommunismus zerbrach, legten wir eine Bruchlandung im Kapitalismus hin. Wir lernten die Lektionen von Profit und Gier, aber wir verabsäumten es, ein Verständnis von Demokratie heranzubilden. Viktor Orbán profitiert von dieser Fehlentwicklung. Er versteht es, sich modern zu geben, obwohl er im Grunde Strukturen aus unserer Vergangenheit reaktiviert. Wir leben in einem Land, das hierarchisch organisiert ist, in dem mit Druck und Demütigung operiert wird. Einfache Lösungen für komplexe Fragen werden zwar versprochen, aber die großen gesellschaftspolitischen Probleme - in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Soziales - werden nicht angefasst.

Weltweit ist ein Erstarken rechtskonservativer Haltungen bemerkbar - von US-Präsident Donald Trump bis zu jüngsten Wahlgängen in Deutschland und Österreich. Was ist mit der Linken los?

Das weiß ich auch nicht! Aber wir müssen es wieder herausfinden. Vielleicht brauchen wir eine neue Bewegung? Die Kluft zwischen Arm und Reich wird jedenfalls immer größer, die Spannungen und Konflikte nehmen zu. Dabei ist es völlig egal, ob es um Migranten, sonstige Minderheiten oder so genannte Einheimische geht: Die Bruchlinien einer Gesellschaft existieren weniger entlang der Herkunft, sondern vielmehr entlang des Vermögens. Rechtskonservative Politiker werden dieses Problem nicht in den Griff bekommen. Die sozialdemokratischen Parteien haben - wie die Wahlausgänge zeigen - den Kontakt zu ihren Wählern verloren. Man vertraut ihnen nicht mehr in dem Maße. Ihre Rhetorik mag noch anders klingen, aber in ihrem Verhalten gibt es wenig Unterschied zu den konservativen Parteien. Sie sind elitär geworden.

Welche Rolle vermag die Kunst dabei zu spielen?

Wohl keine allzu große. Das Theater ist ein Forum, in dem eine Gesellschaft ihre Probleme verhandeln kann. Das ist wichtig, aber wir dürfen das nicht überbewerten. Veränderungen müssen von uns allen vorangetrieben werden.

Worum geht es in Ihrem jüngsten Stück "Erleichterung", das im Landestheater Niederösterreich uraufgeführt wird?

Eine Familiengeschichte wird mit Flüchtlingspolitik verschränkt: Die Frau ist als stellvertretende Bürgermeisterin einer Kleinstadt für die Betreuung der Flüchtlinge zuständig. Mir geht es um die Haltung, mit der man diese Fragen am Theater stellt: Wirft man die Flüchtlingsfrage auf, weil sie gerade angesagt ist, oder wollen wir uns wirklich an der Frage, die uns alle betrifft, abarbeiten?

Erleichterung von Árpád Schilling, Landestheater Niederösterreich.
Premiere: 1. Dezember, bis 17. Februar
Bühne Baden: 23. und 24. Jänner





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-11-30 16:44:16
Letzte nderung am 2017-12-01 09:31:18



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