• vom 04.12.2017, 16:38 Uhr

Bühne

Update: 04.12.2017, 17:05 Uhr

Opernkritik

Nothung, neidliches Brotmesser




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Von Christoph Irrgeher

  • Das Theater an der Wien springt an drei Opernabenden quer durch Wagners vierteiligen "Ring des Nibelungen". Seine Sinnhaftigkeit kann das Projekt nicht nachweisen, zudem fehlt es an tauglichen Stimmen. Die Regie liefert gemischte Resultate.



Es ist nicht leicht, den ersten Laut dieses Opernabends zu verschriftlichen. Das Orchester schweigt, drei Menschen stehen an der Rampe. Ein Mann tut dabei so, als würde er einem anderen ein Metallrohr in den Rücken rammen, eine Frau sieht ihm zu. Dem stürzenden Opfer entfährt ein Geräusch; es lautet so ungefähr: "Ög".

Dieser Röchler war am Wochenende gleich mehrfach zu vernehmen. Das Theater an der Wien hat von Freitag bis Sonntag eine Neubearbeitung von Richard Wagners "Ring des Nibelungen" gezeigt; jeder Abend wurde von der Röchelszene eröffnet. Sie war lediglich das Vorspiel für weitere Kühnheiten: Die Götter-Saga, an sich vierteilig, ist hier auf drei Abende zusammengestutzt worden. Dabei wurde nicht etwa einer abgesägt. Die Fassung, erarbeitet von Regisseurin Tatjana Gürbaca, Dramaturgin Bettina Auer und Dirigent Constantin Trinks, nützt die Szenen des "Ring" wie einen Baukasten und bringt sie in eine neue Reihung. Wobei jeder Abend so zusammengestückelt sein sollte, dass er die Geschichte eines Protagonisten dieses Mythos erzählt.


Größtes Problem: Wagner selbst
Die drei Figuren, die man dafür ausgesucht hat, passen nicht schlecht zusammen: Hagen, Siegfried und Brünnhilde sind allesamt Figuren der zweiten oder dritten Generation der Saga; die Taten ihrer Eltern lasten schwer auf ihnen. Die erwähnte Röchel-Szene zeigt uns die drei bei einem blutigen Treffen, bei der Ermordung Siegfrieds durch Hagen - eine Tat, die erst durch Brünnhildes Komplizenschaft gelingt. Wie sehr ist das Schicksal dieser Figuren durch ihre Eltern festgestellt? Was wollen sie selbst? Das sind die Fragen, die sich diese "Ring"-Trilogie stellt.

Nach dem Besuch aller drei Abende muss man leider konstatieren: Wirklich gelungen ist hier nicht viel. Zwar haben sich die gigantischen Mühen dieser Produktion insofern ausgezahlt, als nun auch das Theater an der Wien einmal das Zentralmassiv der Operngeschichte gestemmt hat - wenn auch nur elf der originalen 16 Stunden. Das Ziel, in Form von drei Kompilationen namens "Hagen", "Siegfried" und "Brünnhilde" gewissermaßen tönende Monografien zu schaffen, die Wagners Werk einen verborgenen Sinn entlockten, wurde aber nicht erreicht.

Der Misserfolg hat mehrere Väter. Der wichtigste ist Richard Wagner selbst. Anders als Mozart hat er keine Nummernopern geschrieben, keine Arien mit klarem Schlusston, die sich neu zusammenwürfeln lassen würden. Stattdessen wogt Wagners Musik mit dem Willen zur Sogwirkung pausenlos und unausgesetzt dahin, verteidigt damit ihre innere Geschlossenheit. Wer in diese Partituren neue "Ordnung" bringen will, ohne einen harmonischen Palawatsch anzurichten, muss schon ganze Akte verschieben.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-12-04 16:44:06
Letzte nderung am 2017-12-04 17:05:08



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