• vom 16.11.2011, 17:29 Uhr

Kultur

Update: 16.11.2011, 18:03 Uhr

Oper

Nur der Kosakenchor fehlt




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Von Christoph Irrgeher

  • Uraufführung von Lera Auerbachs Oper "Gogol" im Theater an der Wien

Russen-Parodien mit Gogol: Natalia Ushakova als Poshlust, Otto Katzameier als Autor.

Russen-Parodien mit Gogol: Natalia Ushakova als Poshlust, Otto Katzameier als Autor. Russen-Parodien mit Gogol: Natalia Ushakova als Poshlust, Otto Katzameier als Autor.

Womöglich sind Literaturwissenschaftler ja ein masochistisches Völkchen. Kafkas "Verschollener", Musils "Mann ohne Eigenschaften", Gogols "Tote Seelen": Wer derlei zu Meisterwerken erhebt, verschafft sich selbst endlose Sehnsuchtsqual, wohnt diesen Werken doch ein entscheidender Fabrikationsfehler inne: das fehlende Ende. Und weil sich die Literaturwissenschaft nun einmal auf einen gewissen Purismus versteift hat - nur Gogol darf Gogol schreiben -, wird sich an diesem Makel auch nichts mehr ändern.

Information

Oper
Gogol
Von Lera Auerbach
Christine Mielitz (Regie)
Vladimir Fedoseyev (Dirigent)
Theater an der Wien (01/58885)
Wh.: 18., 21., 24., 26. November


Weniger pedantische Gemüter können sich für solche Defizite freilich durch eine Gogol-Novität entschädigen, die Lera Auerbach nun für das Theater an der Wien geschaffen hat. In ihrer Oper glänzt die Russin insofern als Allrounderin, als sie Text und Musik selbst geschrieben hat. Dabei hat ihr Text tatsächlich zwei Vorteile. Er vereint nicht nur etliche Gogol-Figuren zu einem Werk. Weil dieses Werk durch Handlungsarmut glänzt - wir sehen eigentlich nur die Wahnfantasien eines kurz vor dem Tod hysterischen Autors -, verwirrt es Gogol-Kenner auch nicht durch ein Übermaß an neuer Information.

Fast Mussorgski
Selbiges gilt für die Musik. Böse Zungen könnten darin sogar ein tönendes Identitätsproblem orten, denn diese Oper klingt bald fast wie Schostakowitsch, bald zirka wie Strawinski, bald wie ein Mussorgski ohne dramatische Spannkraft. Was der wohlmeinende Hörer dagegenhalten mag? Dass Auerbach, wie ihr literarisches Sujet, ja vielleicht ganz bewusst zur Karikatur greift. Das würde allerdings bedeuten, dass fast der ganze Opernabend eine wäre.

Jedenfalls verhehlt Auerbachs Russenromantik nicht komplett, dass wir das Jahr 2011 schreiben. Diese Tonalität ist mit dem Weichzeichner verwischt (wobei sich beizeiten tatsächlich ein delikater Moment ereignet). Und mitunter treten bekanntere Geräuschfolgen aus der Neuen Musik auf den Plan: Mal schrummt die Streichergruppe ein Glissando, dann sirrt ein Glöckchen; mal kommt erst das Glöckchen, dann das Glissando. Freilich: Würde Auerbach ihre Klangpanoramen nicht durch halbherzige Aktualitätsbezüge unterbrechen - sie könnte in der Filmmusikbranche ein zweiter Hans Zimmer sein.

Christine Mielitz bleibt dagegen sie selbst: Sogar in Auerbachs Aktions-Nirvana sorgt die Erfolgsregisseurin für Bewegung. Während gleich zwei Gogols im Irrenhäusler-Weiß über die Sträflichkeit ihres Werks und die dadurch heraufbeschworene Gottesstrafe sinnieren, wuseln Menschen wie Gewürm über den Boden. Als Stimulationsmaßnahmen für mehr Kurzweil im Opernhaus sind des Weiteren zu nennen: Die Zirkuseinlagen eines Artisten, eine trippelnde Ballerina sowie etliche Karikatur-Russen von der Gogol-Ära bis zur jüngeren Vergangenheit. Sogar ein Leningrad Cowboy protzt hier mit einer Elvis-Tolle, und eine Uniform-Trägerin mit nicht minder imposantem Dekolleté. Hätte nur noch gefehlt, dass ein Ivan-Rebroff-Double mit Kosakenchor die Bühne stürmt.

Auch die "Gogol"-Moll-Melodien der Lera Auerbach sind jedenfalls aus vollem Hals zu singen, und für den damit verbundenen Aufwand gebührt Otto Katzameier (einer der beiden Gogols) Lob. Für den Haupteffekt sorgte freilich Vladimir Fedoseyev, unter dessen Federführung das RSO Wien und die Chorsänger Auerbachs Pathos-Bomben platzen ließen. Und so blieb das Publikum zuletzt nicht den Premierenapplaus schuldig - auch wenn dieser zweieinhalbstündige Opernabend ungefähr um die Hälfte zu lang war. Doch glücklich, wer nicht zweifelt. Gogol, der geniale, hat den zweiten Teil seiner "Toten Seelen" einst verbrannt.




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Dokument erstellt am 2011-11-16 17:35:14
Letzte Änderung am 2011-11-16 18:03:59



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