• vom 29.11.2011, 18:15 Uhr

Kultur

Update: 29.11.2011, 18:19 Uhr

Oper

Rauchende Trümmer




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Von Joachim Lange

  • Komische Oper Berlin: Sebastian Baumgarten mit Bizets "Carmen"

Freiheitsgierende Carmen: StellaDoufexis in der Titelrolle.

Freiheitsgierende Carmen: StellaDoufexis in der Titelrolle. Freiheitsgierende Carmen: StellaDoufexis in der Titelrolle.

Mit seinem "Tannhäuser" war Sebastian Baumgarten in Bayreuth ja ziemlich angeeckt. Da hatten sich die Sänger bei ihrem Wettstreit in einem zu hermetischen Bühnenbild verlaufen. Denn eine musikalisch beglaubigte Personenführung war auch da als Qualität erkennbar. Bei seiner "Carmen", an der Komischen Oper, verläuft sich heuer keiner. Da finden sie alle an einem, wenn auch ungewöhnlichen, Ort zueinander.

Information

Oper
Carmen
Von Georges Bizet
Yordan Kamdzhalov (Dirigent)
Komische Oper Berlin
Wh.: 12., 18., 26., 29. Dezember


Thilo Reuther hat eine Plattenbaufassade auf die Bühne gesetzt. Davor rauchen die Aschentonnen und die Trümmer eines halb abgerissenen Vorbaus. Der entpuppt sich als Eingang zur Zigarettenfabrik, wo vor Geilheit sabbernde Männer auf die Mittagspause der Frauen warten. Und durch den Carmen, im großen Reifrock und als Tod geschminkt, ihren Auftritt mit böser Ironie und zugleich als Kommentar zu den Habanera-Auftritten aller Carmens der Operngeschichte zelebriert.

Amüsante Herausforderung
Dieses Changieren zwischen der Geschichte, ihrem ernsten Hintergrund und dem Spiel mit den spanischen Carmen-Klischees von Bizets Opéra comique durchzieht den ganzen Abend. Wobei sich die Video-Einspielungen von Jan Speckenbach als ästhetisch eigenständiger Beitrag sinnvoll einfügen. All das macht diese Produktion zu einer Herausforderung und interessant. Stellenweise sogar amüsant. Etwa, wenn Baumgarten die Operettenanklänge als solche ausstellt und nicht mit Opernpathos tragisch auflädt. Da wirken die Soldaten manchmal wie Comic-Figuren und Micaela kommt gleich als Heilige.

Doch nimmt Baumgarten das Stück ernst. Sogar todernst. Etwa, wenn der Stierkampf für den Zusammenhang von obsessivem Begehren und Tod in einer Macho-Gesellschaft zum kommentierten Sinnbild schlechthin avanciert. Und wenn dann dunkle Gestalten die Ruinen okkupieren und ihre schwarzen Fahnen schwenken, und Porträts von Marx und Lenin auf Holz-Gerippen durch die Szene geistern, dann schlägt bei Baumgarten in der brodelnden Freiheitsgier einer Carmen der Albtraum einer verloren gegangenen Utopie durch. Hier hat einer die bekannte Eifersuchts- und Mord-Geschichte samt ihrer Weiterungen ins Entstehungsumfeld und die Gegenwart erzählt und zugleich die Oper selbst mit dunkler, aber nie nur denunzierender Ironie kommentiert.

Musikalisch war eine Vertretungspersonalie das Interessanteste an dem Abend. Am Pult war nämlich ziemlich kurzfristig Yordan Kamdzhalov mit einem furiosen und der Bühnendominanz angemessenen Dirigat eingesprungen. Der Chor dieses Hauses ist eh eine Extraklasse für sich. Bei den Sängern bleiben, trotz mehr (Ina Kringelborns Micaela, Günter Papendells Escamillo) oder weniger (Stella Doufexis als Carmen und Timothy Richards als Don José) stimmlicher Abstriche, zumindest darstellerisch überzeugende Leistungen zu vermelden.




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Dokument erstellt am 2011-11-29 17:20:07
Letzte Änderung am 2011-11-29 18:19:33



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