• vom 12.03.2012, 16:02 Uhr

Kultur

Update: 12.03.2012, 16:14 Uhr

David Bösch

Am Leben vorbeigelebt




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Von Hilde Haider-Pregler

  • Akademietheater
  • David Bösch inszeniert "Gespenster" von Henrik Ibsen

Verpfuschtes Leben: Kirsten Dene und Martin Schwab bringen sich in Ibsens "Gespenster" um ein erfülltes Dasein. - © Reinhard Werner.Burgtheater.Presse: Fotos bei Nennung des Fotografen für die aktuelle Berichterstattung freigegeben

Verpfuschtes Leben: Kirsten Dene und Martin Schwab bringen sich in Ibsens "Gespenster" um ein erfülltes Dasein. © Reinhard Werner.Burgtheater.Presse: Fotos bei Nennung des Fotografen für die aktuelle Berichterstattung freigegeben

David Bösch zeigt in seiner Inszenierung der "Gespenster" gleich zu Beginn, dass im Gutshaus des verstorbenen Kammerherrn Alving längst eine Entrümpelung fällig ist. Im düsteren, an ein unbewohntes Spukschloss gemahnenden Raum (Bühne: Patrick Bannwart) führt das Hausmädchen Regine einen aussichtslosen Kampf gegen Spinnweben und Staubschichten, die sich auf den hier abgestellten Möbeln, Bierkisten und diversem Krimskrams angesammelt haben. Resignierend kehrt sie den sich anhäufenden Schmutz schließlich unter die über einige Möbelstücke gebreiteten Schonbezüge.

Information

Theater
Gespenster
Von Henrik Ibsen
David Bösch (Regie)
Mit Kirsten Dene u.a.
Akademietheater
Wh.: 13., 14., 18. März


Diskreter Sarkasmus
Dass in diesem Gemäuer noch manch anderes unter den Teppich gekehrt wurde, wird im Laufe des Abends in einer knapp zweistündigen, die innere Spannung gekonnt steigernden Spielfassung ans Licht kommen. Keinen Augenblick stellt sich die Frage, ob Ibsens einst skandalumwittertes Enthüllungsschauspiel über Spätfolgen der Syphilis, religiöse Heuchelei und hemmungslosen Opportunismus nicht schon längst von der Zeit überholt ist.

Bösch konzentriert sich auf die damals wie heute gültigen Grundkonflikte. In Form eines Konversationslustspiels wird in eindrucksvollen Bildern sensibel - wenn nötig, auch drastisch - verdeutlicht, wie einer jungen Generation durch das Fehlverhalten der Altvorderen der Weg in ein selbstbestimmtes Leben verbaut wird. Dass sich die Älteren durch das krampfhafte Festhalten an einem gesellschaftlichen Konventionen entsprechenden Image auch selbst um ein erfülltes Leben betrügen, ist eine andere Sache.

Dies zeigt sich beim Zusammentreffen von Pastor Manders und Helene Alving, Witwe des nur nach außen hin honorigen Kammerherrn, dessen überlebensgroßes Porträt an der Rückwand die Vergangenheit stets präsent macht. Mit einem "Alving-Kinderheim", dessen feierliche Eröffnung vorbereitet wird, soll ihm ein Denkmal gesetzt werden.

Die schlichtweg großartige Kirsten Dene gestaltet mit unnachahmlichen Zwischentönen und diskretem Sarkasmus das Porträt einer Frau, die sich wider besseres Wissen ins Lügengebäude einer scheinbar glücklichen Ehe zwingen ließ. Ihr Mut, daraus auszubrechen und bei dem Mann, den sie liebte, Schutz zu suchen, wurde nicht belohnt. Denn Manders verweigerte ihr damals, aus Furcht vor einem Skandal, mit dem Hinweis auf ihre von Gott geforderte "Pflicht" die Zuflucht. Während sich Helene ohne Selbstmitleid mit ihrem verpfuschten Leben abgefunden hat, verschließt Manders immer noch vor der Wahrheit die Augen. Martin Schwab erbringt eine Meisterleistung als selbstgerechter, von Gott und christlicher Nächstenliebe salbadernder Pastor, dessen verklemmte Körperhaltung im Gegensatz zu seiner Suada steht.

Kurzes Glück
Mit der Eröffnung des Kinderheims möchte Frau Alving einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen. Ist doch ihr Sohn Osvald, dem sie ein idealisiertes Vaterbild vorgaukelte, endlich aus Paris heimgekehrt. Markus Meyer verleiht dem um seine Todeskrankheit wissenden jungen Maler jäh und unberechenbar aufbrechende Lebensgier. Voll Hoffnung, mit der hübschen, unkomplizierten Regine - in jeder Geste überzeugend: Liliane Almuat - ein kurzes Glück zu genießen, steckt er dem lebenspragmatischen Mädchen einen Ring an den Finger. Der Song "Father and Son" von Cat Stevens leitet den Showdown ein. Helene Alving kann nun nicht länger schweigen: Regine ist Osvalds Halbschwester, der als Vater vorgeschobene Tischler Engstrand, von Johannes Krisch virtuos als humpelndes, versoffenes Monster gezeichnet, wurde mit Geld abgefertigt. Der tückische Engstrand ist auch bereit, als das Kinderheim aus Verschulden von Manders abbrennt, gegen angemessene Entlohnung vor Gericht die Schuld auf sich zu nehmen, und der Pastor nimmt das Angebot nur zu gerne an, auch wenn Engstrand mit dem Betrag ein dubioses Seemannsheim finanzieren wird. Auch die resolute, um ihre Aufstiegschance gebrachte Regine verlässt das Gespensterhaus. In einem beklemmenden Schlussbild will es Frau Alving bis zuletzt nicht wahrhaben, dass ihr Sohn in der Endphase seines Siechtums zu den seit langem vorbereiteten Morphiumtabletten gegriffen hat.

Fazit: ein perfekter, lange nachwirkender, mit Ovationen bedankter Theaterabend.




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Dokument erstellt am 2012-03-12 16:08:06
Letzte Änderung am 2012-03-12 16:14:26



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