• vom 17.03.2012, 15:46 Uhr

Kultur


Volkstheater

Kein Heimkehrerglück in Lodz




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Von Hans Haider

  • "Hotel Savoy" nach Joseph Roths Roman im Volkstheater

Marcello de Nardo als "Ignatz" in Joseph Roths "Hotel Savoy" im Wiener Volkstheater. - © APAweb / Herbert Neubauer

Marcello de Nardo als "Ignatz" in Joseph Roths "Hotel Savoy" im Wiener Volkstheater. © APAweb / Herbert Neubauer

Als Kaisers Soldat ist Gabriel Dan aus der Wiener Leopoldstadt gegen die Russen ausmarschiert. Als Heimkehrer bleibt er in Lodz hängen. Die gesichtslose Textilstadt, das "Manchester" Polens, behielt eine Glanzfassade: das "Savoy". Krieg und Not haben dem Hotelpalast zugesetzt. Unter Dach hausen die Armen, in den unteren Etagen Fabrikanten und Spekulanten. In der Hurenbar sind alle gleich. Ein Mann mit altem Gesicht in Liftboymontur vertritt den Hotelbesitzer, der sich nie sehen lässt. Schnorrer im Kaftan und glatten Flanell warten auf den Wirtschaftskapitän Henry Bloomfield, der in Amerika sein Glück gemacht hat. Doch er investiert nicht und reist heimlich ab. Ein jäher Schluss: Streikende Arbeiter stürmen das Hotel, es brennt aus. Der Hotelbesitzer stirbt in den Flammen. Gabriel Dan, wie Roth ein Beschreiber mit Journalistengespür, zieht weiter; Heimat gibt es nicht mehr im Savoy und nirgendwo sonst.

Information

Hotel Savoy
Nach Joseph Roth
Ingo Beck (Regie)
Mit Marcello de Nardo, Matthias Mamedof, Dominik Warta, Rainer Frieb u.a.
Volkstheater Wien
www.Volkstheater.at
Wh.: 20., 30. März, 3., 4., 13., 18., 19., 23. April


Joseph Roths "Hotel Savoy" erschien 1924 in der "Frankfurter Zeitung" als Fortsetzungsroman, von Tag zu Tag von einer Episode zu nächsten, Milieubild auf Milieubild, zusammengehalten vom Beobachter Gabriel Dan. Wahrlich dramatisch wird dieses Puzzle in Koen Techelets (schon in München gezeigter) Bühnenfassung nie. Regisseur Ingo Beck ist auch kein Michael Kehlmann, Axel Corti oder Gernot Friedel, welche ostjüdischer Staffage so liebevoll wie stilsicher ein Eigenleben gaben. Als orientierungsloser Heimkehrer – mal behauptet sich Dan als Egoist, mal suhlt er sich bei Arbeitern in Solidarität – strotzt Dominik Warta vor Eleganz und Selbstgewissheit wie ein TV-Kanal-Unterhalter. Er spricht, oft schlampig, Norddeutsch. Eine Fehlbesetzung in der tragenden Rolle.

Das Volkstheater scheute nicht Kosten und Mühen und baute ein dreistöckiges Hotel-Interieur, rußgeschwärzt, mit zum Parterre durchgebrochenen Decken – und einem nach allen Sicherheitsnormen funktionierenden Lift. Diese Ruinenkulisse (von Damian Hitz) nimmt das feurige Ende vorweg. Den Elendsgästen, die vor dem Krieg nie am Portier vorbeigekommen wären und jetzt beim alten Liftknaben ihre Koffer versetzen, fehlt damit der absurde Kontrast, die materialisierte Melancholie des Talmiprunks in staubigem Glanz.

Vor diesem falschen Rahmen wird viel Handlung über die Rampe Richtung Publikum erzählt. Episches Theater zum Gähnen. Es könnte auch anders funktionieren: als streng und damit spannend dahinfließende Reportage. Ersatzweise klammert sich die Aufmerksamkeit an Erzkomödianten mit dem Charme der altösterreichischen Peripherie, unklar ob romanisch, slawisch, jüdisch. Marcello de Nardo ist der geheimnisvolle Gnom im roten Fahrstuhldress, ein Dibbuk, der alle dirigiert (und das in Helmut Lohners vibrierendem Tonfall!). Als würde er jedes Wunder auf sich ziehen, wird ihm auf einer Eisenbahnlore in die Rezeption ein Brief zugestellt. Matthias Mamedof zeigt den verträumt-verschlagenen Kleingeschäftemacher Hirsch Fisch ohne groben Pinselstrich der Karikatur als einen der "Luftmenschen", wie sie Manès Sperber in seinem Städtl Zablotow beschrieben hat. Rainer Frieb sind die Besitzenden anvertraut, von Joseph Roth, 1924 noch revolutionsaffin, später kaisertreu, ohne Häme gezeichnet. Frieb modelliert sie mit weiser Bonhomie, auch wenn sie Bitten um Hilfe ablehnen. Gute Dienste im ostjüdischen Milieu tut daneben Thomas Kamper.

Als proletarischer Polterer dringt Christoph F. Krutzler zu wuchtig in die Einheitsdekoration vor. Als Mädchen Stasia, in das sich der Heimatlose verlieben möchte, bleibt Andrea Bröderbauer blass, auch wenn es von einem hübschen Schnösel (Arne Gottschling) umworben wird. Rührend naiv singt sie ein Friedrich-Hollaender-Lied aus 1930: "Eine kleine Sehnsucht braucht jeder zum Glücklichsein". Puffmutter Susa Meyer und ihre Team bringen es in der Abbruchhauskulisse nie zu plüschseliger Gemütlichkeit. Dabei wären sie das soziale Zentrum in diesem Männeragglomerat. Auch ein Teil des Publikums fühlte sich bei der Premiere nicht verwöhnt.




Schlagwörter

Volkstheater, Joseph Roth

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-03-17 12:17:09
Letzte Änderung am 2012-03-17 12:59:38



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