Der Wiener Theaterbesucher genießt als solcher einen eher zweifelhaften Ruf. Wird ihm doch gern unterstellt, dass er weniger aus Interesse an Stück und Inhalt ins Theater gehe als einzelner Schauspielerinnen und Schauspieler wegen. Ein evidenter Umstand, der immer wieder beklagt wird: "Und diese Schauspielerbeamten fanden es unter ihrer Würde, nichts als Schauspieler zu sein. Sie hielten mehr darauf, Lieblinge zu sein", stichelte der Kritiker Hermann Bahr 1895, der durch die sogenannten Publikumslieblinge die Bühnenkunst insgesamt in Gefahr sah.
Hohes Ansehen
Wie tief das Klischee der Darstellerverehrung tatsächlich in der Wiener Theatergeschichte wurzelt, zeigt aktuell eine Ausstellung in der Hermesvilla im Lainzer Tiergarten. In Zusammenarbeit mit dem Burgtheater dokumentiert die Wien-Museum-Schau "Burg Stars, 200 Jahre Theaterkult" die außergewöhnliche Bewunderung speziell für Burgtheater-Akteure, die offenbar seit Gründung der Institution bestanden haben muss.
"Ich lese keine Kritiken. Mir ist ganz egal, ob ich gelobt werde, ob getadelt", notierte Franz Karl Brockmann anno 1785: "Ich habe die Liebe des Publicums, das geht mir über alles." Der Schauspieler war erster künstlerischer Leiter des 1748 gegründeten Hoftheaters, das ursprünglich am Michaelerplatz beheimatet war und erst 1888 ins Haus am Ring übersiedelte.
Als Hofschauspieler genossen die Mimen damals die besondere Zuwendung des Kaiserhauses, im 19. Jahrhundert stand die Profession bei Adel und Bürgertum im hohen Ansehen. Schauspieler prägten seinerzeit wesentlich Geschmack und Mode, deren Affären und Allüren waren Stadtgespräch. In der Ehrengalerie des Burgtheaters hingen noch bis vor kurzem etliche Porträts besagter Darsteller, meist in die aufwendigen Roben der jeweiligen Glanzrollen gewandet.
Motor für die Zunft
Rund 50 dieser Bildnisse adorierter Akteurinnen und Akteure - darunter Josef Kainz, Attila Hörbiger, Katharina Schratt und Paula Wessely - sind nun in der Lainzer Dependance des Wien Museum zu sehen; neben Klassischem von Ferdinand Georg Waldmüller und Hans Makart auch Bildnisse der ab 2006 in Auftrag gegebenen Serie von Erwin Wurm und Elke Krystufek. Ergänzt wird der Bilderreigen von Objekten, darunter historische Autogrammfächer, Totenmasken, Büsten oder einem Theaterkalender aus dem späten 18. Jahrhundert, der dem Personenkult der Epoche in Form von Scherenschnitten huldigte.
Bei dem rasanten Gang durch die Jahrhunderte treten (theater)historische Zusammenhänge bisweilen fast zwangsläufig in den Hintergrund - siehe die flüchtige Darstellung der NS-Zeit.
Eine Stärke der Schau liegt jedoch in der mustergültigen Präsentation jenes Umstands, der besagt, dass herausragende Leistungen einzelner Bühnenstars stets Antrieb für die künstlerische Weiter- und Neuentwicklung der gesamten Zunft waren.
"Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze", heißt es bei Schiller. "Burg Stars, 200 Jahre Theaterkult" versucht den Gegenbeweis.
Ausstellung
Burg Stars
200 Jahre Theaterkult
Hermesvilla, Wien Museum
bis 4. November 2012
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