• vom 18.05.2012, 17:11 Uhr

Kultur

Update: 18.05.2012, 17:23 Uhr

Michael Schade

Guerillas im Nebel




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Von Christoph Irrgeher

  • Die Staatsoper zeigt eine Neuinszenierung von Mozarts "La clemenza di Tito"

Zugemüllt: Michael Schade, eher in Nero- als Tito-Pose, in der Regie Jürgen Flimms.

Zugemüllt: Michael Schade, eher in Nero- als Tito-Pose, in der Regie Jürgen Flimms.© apa/Hans Klaus Techt Zugemüllt: Michael Schade, eher in Nero- als Tito-Pose, in der Regie Jürgen Flimms.© apa/Hans Klaus Techt

Rund 30 Jahre ist es her, dass der Horror-Regisseur John Carpenter seinen "Nebel des Grauens" herausbrachte: Übellaunige, mörderische Seebären entstiegen da einem Dunst, der ebenso rätselhaft wie mächtig wölkte. Nun macht es den Anschein, als wäre die Wiener Staatsoper um eine schicke Paraphrase bemüht: In der Neuproduktion von Mozarts "La clemenza di Tito" zwingt der Bühnennebel selbst Stehplatzbesucher zu einer Art Passivrauchen. Wobei dieser Dauer-Qualmentwicklung keine Untoten, sondern Grazien in
knackengen Kleidern entsteigen. Was wollen sie in der Oper über den mildtätigen Römerkaiser?


Nebulos aber nicht nur das. Die Regie von Jürgen Flimm, mittlerweile 70 und längst eher Intendant (ehemals in Salzburg, nun in Berlin) denn Regisseur, veranschaulicht weniger die Psyche eines Opernkaisers als das Unvermögen, einer Regie-Idee zu schlüssiger Wirksamkeit zu verhelfen.

Grazien und Gewehre
Denn eine Idee hatte Flimm schon. Tito sei gar nicht so gut, eher aggressiv, weil schwer traumatisiert: Aus Staatsräson durfte der Kaiser bekanntlich nicht seine Geliebte (die Jüdin Berenice) heiraten. Nun ja - so betrachtet hätten die Häupter des feudalen Europas nie weltbeherrschende Macht errungen, sondern allenfalls ein Plätzchen im Narrenturm. Aber Schwamm drüber. Denn das wahre Problem des Abends liegt in heterogenen Gestaltungsmitteln, die teils aus der Mottenkiste des Regietheaters gefischt sind: Auch eine Aktentasche besitzt Tito, der Mitarbeiter Publio eine schmierige Mafiafrisur. Die kaiserfeindliche Vitellia wiederum teilt zum Zweck des Guerilla-Angriffs emsig Jagdgewehre aus. Und die Models? Mit etwas Fantasie figurieren sie als Trost für die verlorene (aber zwischendurch doch hereinschneiende) Berenice. Tatsächlich irrlichtern sie aber eher dekorativ als sinnstiftend über die Bühne und kehren nach der Pause gewandelt wieder - nämlich als Müllfrauen. Doch was soll’s. So ein Putschversuch macht eben allerlei Dreck. Und verursacht im vorliegenden Fall schon vorab mächtig Rauchentwicklung. Dass das Bühnenbild vornehmlich aus flexiblen, aufs Geratewohl verschobenen Wänden besteht, darf fast schon als Sinnbild für die erratische Vagheit dieser Inszenierung gelten, die auch noch Berlin ereilen wird.

Ließ Flimm vorab mit der Diagnose aufhorchen, Mozarts Stück habe "wenig Schwächen", muss man jedoch auch ihm etwas zugutehalten: Seine Arbeit hat lichte Momente. Nämlich gegen Ende, wenn der Kaiser seinem Ex-Busenfreund Sesto den Kopf wäscht: Eine Art Eselsmütze mit der Aufschrift "Traditore" (Verräter) erniedrigt den gescheiterten Attentäter - wenig später aber auch den Monarchen selbst, der sich damit als masochistischer Geist outet. Zuletzt ein Papierkrönchen auf dem Kopf Vitellias - jener Aufwieglerin, die nun doch Titos Frau wird. Gleich fällt die Bastelei zu Boden: Ein Happyend sieht anders aus. Aber lässt sich das denn erwarten, wenn Tito jene an sich bindet, die ihm nach dem Leben trachteten? Muss den Begnadigten die Milde nicht wie Grausamkeit erscheinen?

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-05-18 17:17:09
Letzte Änderung am 2012-05-18 17:23:05



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